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Wenn Nahrungsmittel Luxus werden

Yücel Özdemir über steigende Preise und stagnierende Löhne in der Türkei

  • Von Yücel Özdemir
  • Lesedauer: 4 Min.

Schaut man sich an, über welches Thema seit zwei Wochen in den sozialen Medien und auf den Straßen der Türkei gesprochen wird, fällt einem das Lied »Tomate, Paprika, Aubergine« von Barış Manço ein, einem anatolischen Rocksänger, der vor 20 Jahren gestorben ist.

Was die Leute dazu bringt, sich an dieses Lied zu erinnern, sind die steigenden Preise von eben diesem Gemüse. Der Blick auf die Preise der einfachsten Grundnahrungsmittel zeigt, dass sich die Bevölkerung in der Türkei diese schlicht nicht mehr leisten kann. Insbesondere Obst und Gemüse sind betroffen ...

Den Zahlen des Türkischen Statistikamtes zufolge, die Anfang dieser Woche veröffentlicht wurden, stiegen die Preise für Gemüse im Januar exorbitant an. Im Vergleich zum Vorjahr betrug der Preisanstieg bei Paprika 87 Prozent, bei Auberginen 80, bei Spinat 63 Prozent und bei Tomaten 39 Prozent. Paprika gehen für 15 Lira, Auberginen für 10 Lira das Kilo über die Theke.

Während der Anstieg von Grundnahrungsmitteln im Vergleich zum Vormonat 6,89 Prozent betrug, erhöhten sich die Preise während des gesamten letzten Jahres um 31,89 Prozent. Dabei handelt es sich um den höchsten Anstieg seit 2003. Der Anstieg der Gemüsepreise, die in den allgemeinen Zahlen einbezogen sind, betrug im Januar 29,7 und im gesamten letzten Jahr 80,5 Prozent.

So werden Grundnahrungsmittel zu Luxusprodukten. Vor allem die Reaktionen von Frauen in ärmeren Arbeiterbezirken wurden in der Presse aufgegriffen. Sie fordern von der Regierung eine Lösung, denn selbst bei einem Einkaufswert von 100 bis 200 Lira bekommt man die Einkaufstüten nicht voll. Mit dem Wertverlust der Lira sinkt die Kaufkraft ebenfalls. Der Preisanstieg von alkoholischen Getränken ist ohnehin schon eine Art Routine geworden. Rakı, das traditionelle Getränk der Türken, ist schon seit langem ein Luxusprodukt. Deshalb fangen immer mehr Menschen an, Rakı zu Hause herzustellen.

Die Preiserhöhung auf Grundnahrungsmittel liegt weit über der durchschnittlichen Inflation. Letztes Jahr wurde eine solche Erhöhung durch die »Zwiebelkrise« ausgelöst. Nachdem der Kilopreis für Zwiebeln auf fünf Lira angestiegen war, beschuldigte die Regierung einige Händler, Zwiebeln mit Absicht eingelagert zu haben, um die Preise in die Höhe zu treiben - und eröffnete Verfahren gegen sie. Der eigentliche Grund für den Anstieg waren jedoch nicht die Vorräte einzelner Händler, sondern die Entscheidung der Bauern, ihre Felder nicht mehr zu bestellen, da es sich finanziell nicht mehr lohnte.

Diese Entwicklungen zeigen: Die türkische Wirtschaft befindet sich weiterhin auf dem absteigenden Ast. Dennoch steht diese an erster Stelle der Lobpreisungen von Recep Tayyip Erdoğan und seinen Ministern. Das Wirtschaftswachstum früherer Jahre unter der AKP-Regierung hat sich zwar vor allem in Wolkenkratzern, Brücken und Flughäfen materialisiert. Dennoch war und ist die Wirtschaft das Thema, mit dem die AKP stets punkten konnte.

Nun verweist die Regierung darauf, der Wertverfall der Lira sei im Griff und gibt als Ziel eine »Inflationsrate im einstelligen Bereich« aus. Den Angaben des Statistikamtes zufolge betrug allerdings auch im Januar die Inflation rund 20 Prozent. In den Monaten September und Oktober belief sie sich auf 25 Prozent. Während die Preise weiter steigen, stagnieren gleichzeitig die Reallöhne. Auch die Erhöhung des Mindestlohns von 1603 Lira auf 2020 Lira machte so keinen großen Unterschied.

Die Stimmen auf den Märkten zeigen, dass in der Küche der Bevölkerung ein Feuer ausgebrochen ist. Die große Frage ist nun, ob dies die türkischen Regionalwahlen am 31. März beeinflussen wird. Für Präsident Erdoğan und seine AKP sind die Wahlen längst nicht mehr nur Bürgermeisterwahlen, sondern ein weiterer Schritt, um das Ein-Mann-Regime, an dem sie seit Jahren arbeiten, zu konsolidieren und auszuweiten.

Deshalb wird die Frage, welche Dienste die jeweilige Stadtverwaltung ihren Bürgern erwiesen hat, durch die Betonung von staatlicher Einigkeit in den Hintergrund gedrängt. Wieder einmal sollen durch Spaltung, Polarisierung und Krieg gegen die Kurden Wählerstimmen generiert werden.

Die Opposition allerdings sieht die Wahlen als »den Anfang vom Ende« des AKP-Regimes. Nun, wir werden sehen, wessen Plan aufgeht.

Aus dem Türkischen von Svenja Huck

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