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Der Sänger der Termiten

Wiener Festwochen: »Nord« von Frank Castorf, nach einem Roman von Céline

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.
Ein Fest für bissfreudige Kritiker! Die Handlung: bewusst wirr gehalten. Die Schauspieler wechseln ständig die Gestalt; das Textbuch verzeichnet statt der Rollennamen nur jeweils die Vornamen der Darsteller: Milan, Bernhard, Silvia, Michi, Lars, Marc ... Es wird auf der Bühne nur geschrieen. Text ist kaum zu verstehen. Und weil auch dieses »kaum« wohl schon zu viel des Positiven wäre, wird der Lautstärke nach Kräften Atemlosigkeit beigemischt, denn die »Meisters«, wie sich in Shakespeares »Sommernachtstraum« die schauspielenden Handwerker nennen, sind angehalten zum Hasten, Hetzen, Hecheln. Tatsächlich, analog zu Shakespeare, rupfen die Volksbühnler das Heiligtum Theater routiniert herunter aufs ästhetische Niveau, das dem Piramus-und-Thisbe-Spektakel der Sommernachts-Kunstdilettanten alle Ehre macht. Lieber blöd als bieder, lieber zynisch als unanstößig sein. Lieber Krach machen, als sich was Feinfühliges vorzumachen. Nicht die Ordnung retten, nein, das Chaos! Wobei andererseits gesagt sein will: Keine Truppe vermag nach wie vor derart perfekt aus allen Rollen zu fallen wie die Räudigen des Frank Castorf. Den Scharen der Zuschauer, welche die Halle des Wiener Museumsquartiers verließen, kann niemand so gütig-frech (sogar per Handschlag) den Abschied quittieren wie ein gelernter Volksbühnen-Schauspieler. »Nord - Eine Grandguignolade« von Frank Castorf, so heißt der dreistündige Gewaltakt der Volksbühne, jetzt uraufgeführt bei den Wiener Festwochen. Castorf ist konsequent, ignoriert seit langem das Repertoire der Weltdramatik, er holt sich Romane und andere Schriften, verwandelt sie in Traktate seines Kapitalismusgrolls, seines Deutschlandekels, seiner Hochkulturallergie, seiner West-Europa-Phobien. Dostojewski zum Beispiel, als spät gefundener Heiliger: Daraus hat Castorf wildes, wüstes, weit ausholendes, undurchdringliches Theater gemacht, gedankenschwer und -schwül, bis ins Autistische einer Wut und einer Versunkenheit hinein, die keine Rücksicht mehr nimmt auf Theaterregeln. Das geht seit langem nicht ohne jene Müdigkeit, die auch den Unkontrolliertesten, auch den Rücksichtslosesten irgendwann packt. Castorfs Theater ist zum Härtetest, zum Ernstfall einer Unbedingtheit geworden, die schnell nach Beginn einer Aufführung eine Entscheidung herbei zwingt: Sitzenbleiben oder gehen? Nach dem Roman »Norden« von Louis-Ferdinand Céline entstand diese jüngste radaurünstige Inszenierung. Céline, erst kommunistisch angehaucht, dann Nazi-Kollaborateur und Antisemit, hat in Prosa, die als fast vergessen gilt, seine Flucht durch die letzten Zuckungen des Hitlerreiches geschildert. Was Castorf interessierte, war die Ansichten-Nacktheit eines unerträglichen »Textespuckers«. Kein Antifaschist, sondern einer, dessen versprengte Figuren, Täter und Mitläufer, gleichsam wie Gerinnsel, durch die dreckigen Blutbahnen eines schwerverwundeten Systems jagen und gestoßen werden. Céline selbst, seine Frau, ein Schauspieler, ein Kater fliehen durchs Reich um Berlin herum, flankiert von SS-Grölern, einem Oberarzt, einer busenblanken Generalsfrau, die nackt den Russen entgegenradelt, während ihr Mann epileptisch, also unbrauchbar »ficki-ficki« röchelt. Toben, Kreischen, Schwitzen. Auf der silbergrauen Plane, die den Bühnenraum nach hinten abdeckt, steht groß: »die another day«. Noch der beste Rat, den man Menschen im Vernichtungskrieg geben kann. Ein Krieg, der nie zu Ende ging. Schon trägt der SS-Kerl einen asiatischen Morgenmantel. Man zittert schon vor den Chinesen, wo doch erstmal die Russen kommen - immer ist die Zukunft schlimmer als die vorüberkeuchende Gegenwart. Europa - für Castorf ein Albtraum, der wächst und wächst wie ein Geschwür, in dem er herumstochert, und zum Vorschein kommen für jeweils armselig röhrende Minuten all diese Maulhelden, Heilsfantasten, Jesus-Simulanten, Großkotze und Kleingeister. Dazu eine trüb-traurige Kapelle, die den Melodien-Oldie aus der »Olsenbande« spielt - es gibt auch gütige Kriminalität; Dänemarks Hamlet verzweifelte im Zögern, Egon Olsen handelte und verzweifelte nie; immer hielt sich Castorf an Komiker, die im Scheitern so menschlich blieben. Und Lars Rudolph trompetet jetzt herzzerreißend. Bis alles im Stampfen einer Art Russendisko, gemixt mit Bregovich-Sound, als Vorschau auf jene Völkerwanderung endet, die Europa mit der Kraft eines Termitenschwarmes auffressen wird. Castorf ist der Sänger der Termiten. Und einmal auch Sänger im Geiste von Ernst Busch - wenn Silvia Rieger, wie einst in Castorfs »Webern«, ganz nah ans Publikum tritt (das Saallicht kommt) und das Lied von der Jarama-Front singt. Überhaupt nimmt Castorf kleine Anleihen aus früheren Inszenierungen, ein Spiel mit sich selber, ein bisschen Erinnerungstrotz, der die ganz großen Zeiten heraufbeschwört - Bernhard Schütz und Milan Peschel sind in dieser Inszenierung diejenigen, die das Castorf-Nibelungentreue-Gold aus Slapstick, furiosem Verschleiß und grandioser Spieler-Autonomie weitertragen. Während etwa Martin Wuttke, Henry Hübchen TV-Kommissare wurden und die bezwingend-kratzige Birgit Minichmayer ein paar Meter weiter, am gleichen Abend, im Burgtheater spielt - an der Seite von Gert Voss im »König Lear«. Schicksal noch der verschworensten Theaterbande: Alles scheitert. Aber: Weiter! Frank Olsen ist Egon Castorf. Bernd Neumann erhob den Container, den Bungalow zum Bühnenbild-Klassiker. Daraus wurde nun ein Eisenbahnwaggon, ein Viehwagen für Menschen, der zerbrettert eine bühnenbreite Bücherwand, zerreißt das Band, auf dem die globale Welt ihre gnadenlose Ordnung zeigt: die Symbole für Dollar, Euro, Yen und - Zloty. In dieser Inszenierung wüten die Klugheit der Verweigerung und die Kindlichkeit eines unbezwinglichen Mitteilungsdranges. Miteinander, gegeneinander. Die Kindlichkeit etwa zeigt sich darin, dass die Schauspieler ständig Zigarettenrauchen simulieren, mit großen Gestens des Paffens. Es mutet an wie eine kindertheatralische Metapher, mit der Castorf die Debatten ums allgemeine Rauchverbot karikiert: Die Welt erstickt im Industriequalm, aber unsere politische Korrektheit rettet sich in eifrige wie lächerliche Rauchverbot-Debatten - Gesundheit predigen, als erfülle sich in der Nichtraucherzone die gesunde Gesellschaft. Der störrische Raucher als Keimling der Staatswidrigkeit. Castorf kleidet Kritik am rechtschaffenen, aufgeblasen Recht schaffenden Bürger gern in kindische Spielereien, nennt's im Interview: »die ganze deutsche Denkscheiße rausspülen«. Sie rausspielen, rausschwitzen. O Feier des Widerspruchs: just Schwitzen macht in der Kunst einen sehr deutschen Eindruck. Was man nicht sagen kann, muss man schreien. Castorf scheint nicht mehr zu wollen, aber er kann nicht anders, als just das mit aller eintrainierten Grelle zum Ausdruck zu bringen. Bringen? Das bringt nichts. Und Castorf bringt niemandem was. Vor die Füße des Empfindens knallt er uns seine Laut-Malerei. Müllberge des geläufigen Theaterkonsums: zerborstene Sprache, zerknüllte Dramaturgie, ausgebeulter Sinn. Es läuft alles wie ein hochgedrehter Motor, das Gaspedal klemmt, nichts lässt sich zurückdrehen, das Jaulen wird zum Dauerton. So sitzt man im Theater und weiß nicht, ob man einem absoluten Tiefpunkt oder einem Höhepunkt beiwohnt. Man wird nicht unsicher hinsichtlich Castorf, man wird unsicher hinsichtlich seiner selbst - warum bleibt man? Ist die Erwartung doch noch größer als die Verwirrung? Ist die Verwirrung, welche erschöpfende Wirkungen zeitigt, letztlich aber der eigentliche Zweck? Im Theater sitzen, sich fragen: Warum? Aber auch: Wie lebe ich mich? Was an mir zeigt auf, wie die Welt ist? Bei Castorf sein heißt: an die weitere Verarbeitung des Gesehenen denken, während vorn sich gleichsam der Fleischwolf für die Hanswurstiade dreht. Immer im Kreis. Die Stücke, durchgedrehte Wesen, schreien nicht mal vor Schmerz. Nur die Schauspieler brüllen, und es soll aussehen wie eine große Lust am Schrei. Die Premiere als erste Belastungs-Probe: Was halten alle gemeinsam aus? Vor der Lautstärke des Abends wird gewarnt: Jeder Zuschauer bekommt am Eingang Ohrstöpsel mit. Rote Lampen kündigen an, wenn aus der MPi geballert wird. Theater unterm Platzpatronat. Der Soldat (Rotarmist?), der auf dem Dach des Waggons ins Publikum feuert, verbeugt sich danach höflich. Gern geschehen! Ratlosigkeit. Überdruss. Man ist geneigt, sein Erwachsensein gegen diese Kinderei zu verteidigen. Aber die Bilder arbeiten. Das Hässliche frisst. Die Welt stimmt nicht. Sie ist ein Witz. Zum Schießen. Ohrstöpsel helfen nicht. Castorf muss sein!

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