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Kempelen - nicht alles getürkt

»Mensch-[in der]-Maschine« mit Bipolar in Karlsruhe

  • Von Almut Schröter
  • Lesedauer: ca. 3.0 Min.
Den Schachautomaten habe er nicht geliebt und erst 14 Jahre nach seiner Konstruktion wieder hervorgeholt, erzählt Kurator Jószef Mélyi über Wolfgang von Kempelen, den größten Erfinder Ungarns. Das deutsch-ungarische Kulturprojekt Bipolar der Kulturstiftung des Bundes bringt eine Ausstellung über ihn im Juni nach Karlsruhe ins Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM). Bis 28. Mai war sie in der Budapester Kunsthalle zu sehen.
Kempelen, 1734 geboren als Kind einer angesehenen österreichischen Familie irischer Herkunft, ging in Pressburg (heute Bratislava) zur Schule. Wien und Budapest waren zwei weitere seiner wichtigsten Lebensstationen.
Kempelen lebte ungarisch, sprach deutsch und war eine Schlüsselfigur des Automatenbaus im 18. Jahrhunderts. Der Begriff getürkt geht auf seinen Schachtürken zurück, gegen den man spielen konnte und kaum eine Gewinnchance hatte. Ein genialer technischer Trick, dessen Geheimnis bis heute nicht völlig gelüftet werden darf, weil ein Zauberer mit einem solchen Automaten noch in Amerika unterwegs ist. Zu erfahren ist allerdings in der Schau, dass Kempelen bei seinem Schachtürken keineswegs auf menschliche Kreativität verzichtete. Und es heißt, Edgar Allan Poe sei von dem geheimnisvollen Automaten fasziniert gewesen, als er ihn 1832 sah.
Während sich die Ausstellung »Kempelen - Man in the machine« in Budapest nach Jószef Mélyis Ideen in einem großen Bereich auch dem Leben des Erfinders widmete, stehen in Karlsruhe mit dem Kurator Bernhard Serexhe die Erfindungen im Mittelpunkt. Kempelen schuf beispielsweise eine Sprechmaschine, die heute noch funktioniert. Besucher können das nicht testen, aber Kurator Jószef Mélyi erzählt, er habe - mitunter zum Schrecken der leihgebenden Museen - fast alles ausprobiert, was sich bewegen ließ. Beispielsweise die Regenmaschine fürs Theater. Von der Blitzmaschine ließ er dann doch die Finger.
Der Erfinder Kempelen war der Bühne zugewandt. Er entwarf das Theater der Burg Buda und schrieb sogar zwei Stücke. Prägender für sein Schaffen war, dass er sich immer auf die Suche nach technischen Möglichkeiten begab, die dem Menschen dienen sollten. Er erfand eine Schreibmaschine für Blinde. Auch eine helfende Lösung für Gehörlose strebte er an, fand aber keine. Davon wird in der Ausstellung auch in Gebärdensprache berichtet.
Die praktische Anwendbarkeit seiner Ideen war Kempelen wichtig. So kam er auch in die Dienste der Kaiserin Maria Theresia. Als Empfehlung seines Könnens übersetzte er den lateinischen Entwurf eines bürgerlichen Gesetzbuches in drei Wochen ins Deutsche - und ward eingestellt. Als Beamter in kaiserlichen Diensten stellte er sich Herausforderungen beispielsweise beim Kanalbau, bei der Wasserversorgung oder beim industriellen Salzabbau. Er erledigte auch die Umzugslogistik der Universität von Wien nach Buda.
1768 wurde er beauftragt, eine Infrastruktur für 25 von Kriegswirren und Unwettern zerstörte Städte und Dörfer im südlichen Ungarn zu schaffen und war verantwortlich für die Ansiedlung von 37 000 Menschen. In dieses Gebiet fuhren für die Ausstellung zwei ungarische Fotografen und dokumentieren den Weg. Auch andere Vertreter der modernen Medienkunst verarbeiteten in der Schau ihre Assoziationen zum Schaffen Kempelens. So ist die Ausstellung durchaus interaktiv und auch für Kinder und Jugendliche interessant. Und das nicht nur beim virtuellen Schachspiel.
Kempelen hatte James Watt in England besucht, um mit ihm Verbesserungen an der Dampfmaschine zu bereden. In der Schau ist viel über den Erfinder zu erfahren. Ein Geheimnis bleibe allerdings, meint Jószef Mélyi. Es sei nie aufgeklärt worden, ob Kempelen, der 1804 starb, der Freimaurerloge angehört habe oder nicht. Vieles spreche dafür.

ZKM, Museum für Neue Kunst, Lorenzstr. 19, Karlsruhe: Wolfgang von Kempelen. Mensch-[in der]-Maschine. 23.6.-19.8., Mi-Fr 10-18, Sa/So 11-18 Uhr.
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