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Nicht nur die DDR ist untergegangen, sondern auch Westberlin, gewissermaßen der dritte deutsche Teilstaat. Er hatte eigene Briefmarken und Ausweise, aber weder Bundeswehr noch Sperrstunde. Die politischen Konflikte verliefen seit Mitte der 60er Jahre zwischen den alten Nazis und den aus Westdeutschland zugezogenen Wehrdienstverweigerern, wie es der Verleger Klaus Wagenbach einmal ausgedrückt hat. Die Wohnungen waren spottbillig, und jeder Zugezogene, der auf sich hielt, begriff sich als Teil irgendeines künstlerischen »Projekts«, weshalb die Stadt oft wie ein riesiges Jugendzenttrum wirkte. Diese Atmosphäre wurde gut beschrieben von dem Musiker Sven Regener in seinem Erfolgsroman »Herr Lehmann« (2001), ebenso von dem Künstler Wolfgang Müller in seinem Geschichtsbuch »Subkultur Westberlin« (2013). Für den 1979 aus Wolfsburg nach Westberlin gezogenen Künstler Müller glich die Stadt einem »alten, muffigen Schlafsack«, in dem sich in Reaktion auf die englische Punkbewegung hochinteressante »Traumzonen« für fantasiebegabten Menschen bildeten. Ein erster Höhepunkt war 1981 das »Festival Genialer Dilletanten« im Tempodrom, bei dem unter anderem der spätere Techno-DJ Westbam und die Avantgardebands Einstürzende Neubauten und Die Tödliche Doris, bei der Müller mitmachte, auftraten. Legendär wurde ein Schreibfehler auf dem Ankündigungsplakat: »Dilletant« mit Doppel-L, als handele es sich um das Gewürzkraut Dill. Später tat man so, als sei das Absicht gewesen, eben eine dieser künstlerischen »Interventionen«, weshalb diese Schreibweise auch für Müllers Büchlein über das Festival, das 1982 bei Merve erschien, beibehalten wurde. Heutzutage hat sich der Begriff »Geniale Dilletanten« zur Beschreibung der damaligen Do-it-yourself-Szene eingebürgert.

Mit deren einstigen Protagonisten hat der Berliner Journalist Jacek Slaski Interviews geführt, die im Herbst als Buch erschienen sind. Es heißt »Gespräche mit Genialen Dilletanten« und sieht wie ein Merve-Band aus, ist aber im Martin-Schmitz-Verlag erschienen. Die Interviewten leiden nicht gerade an Minderwertigkeitskomplexen - ganz im Stil der damaligen Zeit. Der Musiker Frieder Butzmann erzählt, wie er im Alter von fünf Jahren mit dem Tonbandgerät seines Vaters »de facto die Musique concrete« weiterentwickelt haben will und Blixa Bargeld überlegt, ob nicht die Einstürzenden Neubauten den Flughafen BER eröffnen könnten, wenn er denn eines Tages einmal fertig sein sollte. Wolfgang Müller gibt einen kurzweiligen Abriss seiner künstlerischen Entwicklung. Volker Hauptvogel blickt auf seine alte Band Mekanik Destrüktiw Komandöh zurück: »Wir waren schnell, laut und gut. Naja, vielleicht gar nicht mal so gut, aber sehr überzeugend«. Auf die Frage »Warum Berlin?« antwortet er: »Wohin sonst? In Deutschland gab es keine Alternative« (Martin Schmitz Verlag, 250 S., br., 17,80 €). cm

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