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Ganz ohne Muskelberge

In der Serie »The Umbrella Academy« retten Antihelden die Welt

Was gibt es abseits vom kraft-, waffen- und vor Edelmut strotzenden Mainstream nicht mittlerweile für sonderbare Superhelden: zweifelnde, depressive und süchtige, verlogene, arrogante und flamboyante, davon manche gleich ganz ohne allzu übermenschliche Fähigkeiten. All das gibt es nun sogar in einer einzigen Sippe. Ihr Name lautet: »The Umbrella Academy«. So nennt der US-amerikanische Milliardär Reginald Hargreeves seine Adoptivkinder, nachdem er sie rund um den Erdball zusammengesucht hat.

Das Besondere an Luther, Diego, Allison, Klaus, The Boy, Ben und Vanya: Nr. 1 bis 7, wie sie ihr exzentrischer Vormund anspricht: Sie gehören zu einer Gruppe von 43 Babys, die am 1. Oktober 1989 gleichzeitig in aller Herren Länder zur Welt gebracht wurden, ohne dass ihre Mütter zuvor schwanger waren! Erstaunlich? Nicht im Kosmos alter Superheldencomics, von wo die Vorlage des Zehnteilers stammt.

In der Netflix-Serie hat das Septett seltsame Fähigkeiten. Die Hollywood-Diva Allison (Emy Raver-Lampman) lässt Lügen wahr werden, der Drogenfreak Klaus (Robert Sheehand) spricht mit Toten, und wenn sich Nesthäkchen Ben (Ethan Hwang) in galaktische Monster verwandelt, nimmt er es mit jedem auf, der sich seiner Regenschirm-Gesellschaft in den Weg stellt.

Im unversiegbaren Mahlstrom nahezu wöchentlich anlaufender Serienereignisse ginge allerdings selbst diese Konstellation womöglich unter - ließe Produzent und Drehbuchschreiber Steve Blackman (»Fargo«) seine gar nicht immer so heroischen Charaktere nicht eine Welt retten, die wirklich einzigartig ist. Reginald Hargreeves’ seltsame Akademie wandelt zwar durch eine Art zukünftiger Gegenwart; im Detail sieht sie jedoch fast überall nach der viktorianischen Villa von Reginald Hargreeves aus, in dem sich die sieben erwachsenen Kinder nach dessen Tod zu Beginn des ersten Teils treffen, um den Nachlass zu verwalten.

Dramaturgisch dicht an »Dirk Gently’s holistische Detektei«, dynastisch eher dem fabelhaften Familienhorror »Spuk in Hill House« nahe, ästhetisch dagegen im Stile der Werke von Wes Craven (»Dracula«) oder David Lynch (»Wild at Heart«, »Twin Peaks«), beginnt hier für die sechs Superhelden und ihre - nur scheinbar eigenschaftslose - Schwester Vanya (Ellen Page) eine Art Endkampf um die menschliche Zivilisation, die von einer zunächst unbekannten Kraft bedroht wird. Dabei ist es Peter Hoars funkensprühender Regie zu verdanken, dass weder sprechende Affen noch androide Hausfrauen, geschweige denn die großartige Mary J. Blige als rätselhafte Auftragskillerin je selbstreferenziell wirken.

Alles ist Teil des großen Spiels einer entfesselten Fantasie, die zwischen aufwendiger Computeranimation in toller Kulisse stets noch Zeit hat, die Zerrissenheit ihrer Hauptfiguren darzustellen. Als Superhelden-Popstars, als die sie ihr geltungssüchtiger Ziehvater von klein auf der Öffentlichkeit präsentiert, tragen die sieben nämlich schwer am Schicksal der Besonderheit.

Verfügbar auf Netflix

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