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Feinsinnige Moralstudie

»Tod in Rom« auf der Bühne der Sophiensaele

Ein kerniger deutscher Mann ist einer, der töten kann. Der vielfach bewiesen hat, dass er töten kann, dessen Autorität darauf beruht und dem die anderen genau deshalb folgen. Die bösartige Energie vom ehemaligen, jetzt in Arabien abgetauchten SS-General Gottlieb Judejahn pulst wie ein starker elektrischer Strom durch die statische deutsche Kleinbürgergesellschaft der Nachkriegszeit. Und richtet die eigene Frau, den »demokratisch ernannten« Bürgermeister und dessen Gattin streng auf Linie aus.
Nur die nächste Generationen fallen aus der Reihe. Judejahns Neffe Siegfried wird Tonsetzer ausgerechnet in der verfemten 12-Ton-Musik, Sohn Adolf zieht den schwarzen Rock des Priesters an. In Rom treffen sich diese Protagonisten aus Wolfgang Koeppens großartigem, viel gefeierten, aber viel zu wenig gelesenen Romans »Tod in Rom« wieder.
Der kanadische Regisseur Jacob Wren hat diese Begegnung nun für die Bühne der Sophiensäle eingerichtet. Er verlässt sich - zu Recht - ganz auf die literarische Qualität Koeppens. Seine Inszenierung ist mehr eine Lesung als ein üppiger illusionistischer Theaterabend.
Doch in ruhiger Haltung kommt das ungeheuerliche Moment des Arrangierens mit dem großdeutschen Herrentum besser zum Tragen als wenn es mit wohlfeil entrüstetem Getöse auf die Bühne transportiert worden wäre.
Dass sich die alte NS-Größe und die von ihm beherrschten Verwandten an einem auch von ihnen - meist nur dumpf - verspürten moralischen Abgrund befinden, unterstreicht eine mit minimalistischen performativen Elementen bestrittene Spielspur. Lajos Talamonti, Darsteller des gewendeten Bürgermeisters, baut hohe Gebilde aus Bierdeckeln und Gläsern, die in jedem Moment zusammenstürzen können. Dann wieder eine nonchalante Befreiung aus den halsbrecherischen Sprachkaskaden durch fliegende Bierdeckel. Swantje Henke, sie stellt die wissend-naive Kellnerin Laura dar, stickt gedankenverloren roten Faden in Brote. Sie ist die Verknüpferin von Geschichte, reiht Schlaufe auf Schlinge.
Eine feinsinnige Inszenierung, die von Aktualität aufgeladen wird, weil immer mehr Militäreinsätze auch immer mehr Männer des soldatischen Typs produzieren. Die Folgen dieser Art Mannestum sind in »Tod in Rom« als Modell exzellent zu studieren.

14.-17.6., 20 Uhr, Sophiensaele, Sophienstraße 18 in Mitte.

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