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Nackt in Paris

Berlinale-Wettbewerb: Der Film »Synonymes« thematisiert die Frage der Identität

  • Von Bahareh Ebrahimi
  • Lesedauer: 3 Min.

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Yoav kommt mit einem Rucksack in einer leeren Wohnung in Paris an, nimmt eine Dusche, kommt aus dem Badezimmer: Seine Sachen sind weg. So steht er plötzlich nackt und ohne alles da und friert. Später findet eine junge Nachbarin, Caroline, ihn in der Badewanne, von der Kälte ohnmächtig. Mit ihrem Freund Emile bringt sie Yoav in ihre Wohnung. Die beiden kümmern sich um ihn, helfen ihm mit Geld und Kleidung.

So beginnt der Film »Synonymes«. Mit einer unangenehmen Nacktheit, die eigentlich symbolisch zu verstehen ist: Yoav (Tom Mercier) ist auf der Flucht. Vor seiner Herkunft. Er kommt aus Israel. Von heute auf morgen hat er sich entschlossen, kein Wort Hebräisch mehr zu sprechen. Und so geht er nach Paris. Warum Frankreich? Im Film werden einige Fragen gestellt. Aber was die Antworten angeht, gibt es entweder keine oder absurde. Caroline fragt Yoav einmal, wen er außer ihnen in Frankreich kennt. Er antwortet: »Celine Dion!« Und was will er nun in Paris tun? »Franzose werden!«

Dafür besorgt sich Yoav als allererstes ein französisch-hebräisches Wörterbuch, welches im Mittelpunkt der Geschichte steht. Stets wandert er ziellos auf den Pariser Straßen umher und wiederholt für sich die gelernten französischen Worte. Ohne Zusammenhang. Wieder und wieder. Wodurch sie wirken wie dadaistische Dichtungen. Die Kamera schwenkt indessen hysterisch hin und her, damit keine vollständigen Bilder von Paris entstehen. Das Zusammenwirken von Form und Inhalt ist das Grandiose an diesem Film. Nicht allein mittels der Dialoge wird eine Art Beckett’sche Absurdität geschaffen, die fast jede Szene begleitet.

Yoav beginnt ein minimalistisches Leben in Paris. Jeden Tag kocht er sich dasselbe Gericht, dessen Rezept er dem Zuschauer samt Preis und Zutaten weitergibt. Er versucht sich in allen möglichen Jobs - vom Wachschutzmann in der israelischen Botschaft bis hin zum Pornodarsteller. Einmal sagt er dem französischen Pärchen, dass er nun als Hebräisch-Lehrer arbeiten wolle und dass sogar jemand auf seine Anzeige geantwortet habe. Die spontane Reaktion Carolines: »Ein Künstler oder ein Perverser?«

Auch Fragmente seiner Vergangenheit, seines Militärdienstes in Israel, teilt Yoav den beiden mit. Diese skurrilen Flashback-Szenen wirken, als seien sie aus einem Militär-Musical geschnitten worden. In einer Szene schießt Yoav auf eine Zielscheibe und hört auf seinem Handy gleichzeitig ein französisches Chanson. Diese Sequenz könnte die Idee des ganzen Films repräsentieren: Die Zielscheibe ist seine eigene Identität, in die er ständig durchlöchert.

Der Film basiert auf den eigenen Erfahrungen des in Tel Aviv geborenen Regisseurs Nadav Lapid. Auch er zog nach seinem Militärdienst zunächst nach Paris, dann wieder zurück nach Israel. In »Synonymes« möchte Yoav seine Geschichte loswerden. Daher schenkt er sie Emile als Revanche für dessen Hilfe. Davon könnte Emile, der eigentlich ein Schriftsteller ist, aber seine eigenen Texte langweilig findet, Gebrauch machen.

Doch schließlich sagt Yoav zu Emile, dass er sein Angebot zurückziehen wolle, seine Geschichten seien nichts Besonderes, aber immerhin seine.

»Synonymes«, Frankreich, Israel, Deutschland 2019. Regie: Nadav Lapid; Darsteller: Tom Mercier, Quentin Dolmaire, Louise Chevillotte. 123 Min.

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