Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Ein Haus für 50 Personen gesucht

Seit zwei Wochen sind die Bewohner des ausgebrannten Projekts Rigaer Straße 84 ohne Bleibe

»Ideals don`t burn« - »Ideale brennen nicht« steht auf dem zwischen zwei Bäumen befestigten Transparent an der Frankfurter Allee in Friedrichshain. Darunter, vor der Mittagssonne durch eine Plane geschützt, frühstücken rund 30 Bewohner und Unterstützer des ausgebrannten Hauses Rigaer Straße 84. Die Jugendlichen, viele von ihnen mit Rastalocken und bunten Haaren, haben ihre Lebensmittel in einem Einkaufswagen mitgebracht. Nebenan stehen fünf kleine Zelte. »Wir wollen mit dieser Kundgebung und dem Camping-Asyl auf unsere unverändert schlechte Situation aufmerksam machen«, erzählt Michael Weidinger. Wie seine Mitbewohner sitzt Weidinger seit zwei Wochen auf der Straße - seitdem Ende Mai der Dachstuhl und Teile des vierten Stocks seines Wohnprojekts durch einen Brand verwüstet wurden. Wobei »auf der Straße« ein wenig übertrieben ist, denn viele der Bewohner sind notdürftig bei Bekannten und Freunden untergekommen. »Auf Dauer«, erläutert Weidinger, sei dies jedoch »kein Zustand«. Denn die getrennte Unterbringung hat mit dem Ziel, weiterhin gemeinsam zu leben, nichts zu tun. Deswegen müsse »ein Ersatzobjekt« her, in dem alle der 50 quasi Obdachlosen unterkommen könnten. Doch die Suche nach einem solchen Gebäude gestaltet sich schwierig. Im »Nordkiez« stehen schon lange nicht mehr haufenweise leere Häuser zur Verfügung. Hinzu kommt, dass sich die Hausverwaltung, die das Eckhaus an der Rigaer/Proskauer Straße verwaltet, nicht zuständig fühlt. »Wir rüsten das Haus zwar ein und setzen ein Notdach rauf«, erzählt Gösta Goldstein von der Verwaltung Werz&Werz. Die Entscheidung, wie es weitergeht, habe jedoch eine Eigentümerversammlung zu treffen, die in diesen Tagen zusammentreten soll. »Grundsätzlich«, so der Mitarbeiter der Hausverwaltung, »sollte es allerdings möglich sein, das Haus wiederaufzubauen.« Doch die Gutachter hätten auch eine 10-prozentige Wahrscheinlichkeit für einen Abriss offengelassen, da noch nicht klar sei, wie verheerend die Schäden sind. In jedem Fall dürfte eine Zeit von minimal zehn bis maximal 24 Monaten vergehen, bis das Haus wieder nach einer Sanierung bewohnbar sei. Den Bewohnern steht es offen, »solange zu warten oder vorher zu kündigen«, sagt Goldstein, dem man anmerkt, dass er über den Verlust der alternativen Mieter nicht besonders traurig wäre. Für die Ex-Besetzer, die alle einen legalen Vertrag besitzen, kommt dies jedoch nicht in Frage. Mehr Unterstützung als von der Verwaltung erhoffen sich die jungen Leute indes vom Bezirksamt und dem Bürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz (Grüne). Dieser hatte auch kurz nach dem Feuer Hilfe zugesagt, doch weder eine Anfrage beim Liegenschaftsfonds noch beim Bezirk habe bisher ein Angebot für ein geeignetes Objekt ergeben, erzählt Michael Weidinger. Nun solle ein runder Tisch mit allen Beteiligten eine Lösung herbeiführen. »Ich habe mich bereits bei einem Hausbesitzer in der Rigaer Straße für die Leute eingesetzt«, erklärt hingegen Franz Schulz dem ND. Bereits gestern kam ein erstes Gespräch mit dem vorgeblichen Besitzer der Rigaer Straße 78, in dem Platz für die Wohnungssuchenden wäre, dem Bezirksbürgermeister und den Bewohnern zu Stande. Die Hoffnung von Franz Schulz, schnell »eine Lösung« zu finden, zerschlug sich jedoch, da derzeit die Eigentumsverhältnisse der Rigaer Straße 78 ungeklärt sind. Anwälte sollen nun klären, wer die »Verfügungsgewalt« über das potenzielle Ersatzobjekt hat. Brisante Neuigkeiten hat unterdessen die Polizei zu melden. »Wir wissen inzwischen sicher, dass es sich um Brandstiftung gehandelt hat«, erklärte Polizeisprecher Michael Merkle dieser Zeitung. Die genaue Ursache für das Feuer im Dachstuhl sei allerdings weiterhin unklar, »die Ermittlungen des Landeskriminalamts laufen«, so Merkle. Den Bewohnern bleibt indes nur, mit Konzerten, Kundgebungen und dem Verkauf von kleinen Tüten mit Ascheresten des Hauses Geld für ihre Gemeinschaft zu sammeln - damit »nicht noch ein linkes Projekt aus der Stadt vertrieben wird«, wie sie sagen.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln