Island

Fischer, Schäfer, Kommunisten

»Austurland« nennen die Isländer den Osten ihrer Insel. Nur wenige Touristen kommen hierher. Doch die Landschaft ist grandios und die Menschen sind echte Macher.

Von Jirka Grahl

Aller Anfang liegt im Fisch – gut zu erkennen am Frühstücksbuffet des »Hótel Bláfell« im Fjordstädtchen Breiðdalsvík. Zwischen Orangensaft, Mineralwasser und der isländischen Joghurtvariante Skyr steht eine kleine Flasche, in der eine dünne Flüssigkeit in harmlosem Gelb schimmert. »Cod Liver Oil« steht auf der Flasche: Kabeljauleber-Öl?

Ach, Lebertran, oha! Gibt’s sonst nur noch in alten Kinderbüchern als abschreckende Medizin – ein guter Moment, Solidarität mit Islands Kindern zu zeigen: Probieren, was die -sons und -dottirs schlucken müssen! Acht Uhr morgens auf nüchternem Magen? Egal – Augen zu, Löffel rein, runter damit! Und siehe da: Nur eine leichte Fischnote ist zu schmecken, wie einfaches Rapsöl, in dem schon einmal Fisch gebraten wurde. So schlimm ist es gar nicht für die kleinen Isländerinnen und Isländer. Lebertran ist okay.

Es ist winterlich, die Sonne strahlt gleißend auf die kleine Treppe vorm »Bláfell«. Die Hotelchefin hat die Stufen in Regenbogenfarben anstreichen lassen: gay-friendly. In diesen Wintertagen wird’s hier um diese Tageszeit schon sehr früh duster – die Sonne geht gegen 11 Uhr auf und um 14.46 Uhr schon wieder unter. Die A- und D-Vitamine des Kabeljauöls werden dringend benötigt.

Heute morgen schadet der Lebertran nicht; der Abend zuvor ist mit einem Brauereibesuch zu Ende gegangen. Breiðdalsvík hat zwar nur 139 Einwohner, Elís Petúr Elísson hat dennoch eine Craft-Beer-Brauerei aufgemacht – in einer alten Schafschlachthalle.

Pale Ale vom Fischer Petúr

»Beljandi« heißt die Brauerei, es gibt blumiges I.P.A., malziges Pale Ale und süffiges Schwarzbier. Gut gefüllt ist die dazugehörige Kneipe nicht jeden Tag, aber Gründer Petúr kann das verkraften. Der Mittdreißiger ist im Hauptberuf Fischer. Er hat eine Lizenz für jährlich 2000 Tonnen, die er fangen darf, was ihm ein gutes Auskommen sichert. Das Craft Beer ist nur ein Hobby. »Ich hab die Brauerei mit einem Freund gegründet, weil es hier kaum Abwechslung für die Jüngeren gibt«, sagt Petúr, der einst mit 16 die Stadt verließ, um als Seemann auf einer Luxusjacht zu arbeiten. Erst vor ein paar Jahren kam er mit seiner Frau zurück. »Ich will meine Kinder in Breiðdalsvík großziehen, da muss es auch Orte für jüngere Leute geben.« Und wenn es eine Kneipe mit Billardraum und Champions-League-Übertragungen ist.

Im Sommer sei die Beljandi-Brauerei gut besucht, sagt Petúr: »Es kommen viele Ausflügler her. Die essen ›Fish & Chips‹ in der Fischerei, dann kommen sie auf ein Bier her.« Im Winter aber, wenn die Atlantikwinde unerbittlich übers baumlose Land wüten, ist wenig los. Nach draußen will niemand. Wer nicht fischen geht oder zu den Schafen muss, bleibt lieber im Haus. Das ist meist geothermisch beheizt – heißes Grundwasser wird direkt aus dem vulkanischen Untergrund in Heizungsrohre und Wasserleitungen der Wohnhäuser geführt.

Beim Duschen macht das isländische Wasser wegen des schwefeligen Geruchs weniger Freude, das Kaltwasser hingegen schmeckt nach perfektem Nichts: reinstes Gletscherwasser. Die Wärme aus der Tiefe spendet Trost, wenn der Schnee und die Einsamkeit die Fjorde überziehen wie Moose und Gräser die Hänge der steilen Berge im Osten. Island ist das am dünnsten besiedelte Land Europas, drei Menschen leben hier pro Quadratkilometer, und »Austurland«, der Osten der Hauptinsel, in dem Breiðdalsvík liegt, beherbergt wiederum nur gut drei Prozent der 334 000 Isländer.

Die Berge im Osten sind atemberaubend steil, die meterhohen Wellen brechen sich an den schwarzen Sandstränden. Außer freilaufenden Schafen trifft man niemanden. Oft führen nur Schotterpisten über die steilen Pässe, auf denen man an die östlichen Fjorde gelangt. Auf Autofahrten spielen isländische Familien gern die hiesige Variante von »Yellow Car«. Punkte gibt es dabei aber nicht etwa für den, der zuerst ein gelbes Auto sieht, sondern für denjenigen, der auf einer der schnurgeraden Landstraßen überhaupt ein anderes Auto erspähen kann. Selten übertreffen die Kids dabei die Resultate von Fußballspielen, selbst bei langen Touren.

In die Mitte der Wildnis

So wie Petúr gleichzeitig Brauer und Fischer ist, hat auch Denni Karlsson nicht nur einen Job. Der Filmemacher versucht, aus der Einsamkeit Ostislands eine Tugend zu machen: Er hat einen alten Hof in einem der abgelegensten Täler am Rande des Hochlands gekauft und dort das »Wilderness Center« (Wildniszentrum) eröffnet. Die einzige schwarze Schotterstraße endet bei seinem Hof, inmitten eines kahlen Tals namens Fljótsdalur, das sich in Richtung des gigantischen Hochplateaus erstreckt. Hier lebt nur ein Dutzend Bauernfamilien, und ein paar Hundert Schafe grasen auf dem kargen Heideland. »Hinter meinem Haus beginnt die größte Wildnis Europas«, sagt Denni, der aus Reykjavik stammt und eine Zeit lang in Berlin als Kameramann gearbeitet hat.

Hoch recken sich die Berge, rauschend stürzt der Fluss hinab. Wer die Kämme des Tals bewandert, kann binnen Stunden 15 verschiedene Wasserfälle bestaunen. Einer davon hat sogar 40 Grad warmes Wasser – im Winter ein spektakuläres Vergnügen. Noch besser ist ein Bad im Hot-Pot der Laugarfell-Hütte, die einen halben Tagesmarsch entfernt im Hochland liegt: Aus heißen Quellen wird ein Natursteinbecken mit 41 Grad heißem Wasser gefüllt, man badet mit Blick auf den 1833 Meter hohen Snæfell.

Bevor Denni Karlsson den Hof übernahm, wohnten 14 Geschwister hier – zusammen mit ihren Schafen und Pferden. Ihre Alltagsgegenstände hat Denni aufgehoben und ihnen in seinem »Bed & Breakfast« zu neuer Beachtung verholfen: Die Zimmer sind eingerichtet wie vor 50 oder 100 Jahren, in der alten Küche des Haupthauses bereitet bereitet Denni Hausmannskost, wobei die Lachsforelle mit Brokkoli und Rosinen und Kartoffeln, die er an diesem Abend auf die Wachstuchdecken stellt, sicherlich eine moderne Variation der Islandküche darstellt. Fisch und Lammfleisch, jeweils geräuchert, getrocknet oder gesalzen, waren über Jahrhunderte die Hauptnahrungsmittel – dazu gab’s gelbe Rüben oder Gerstengrütze.

Wer will, kann im historischen Schlafsaal wie einst die Bauernfamilien schlafen. Zehn Kojen mit jeweils zwei Betten. Der Saal ist urgemütlich, der warme Geruch von Holz und Schafwolldecken wirkt beruhigend. »Wer hier übernachtet, wohnt in einem Museum«, sagt Denni. Gemeinsam mit seiner Frau Arna, einer Historikerin, hat der Regisseur ein »Museum der Wildnis« errichtet, in dem man das harte Leben in früheren Jahrhunderten nachvollziehen kann – bei einem aufregenden halbstündigen Rundgang mit Audioguide, Filmen und allerlei Spezialeffekten: Wie karg das Leben war, zeigt die Geschichte des Schäfers Blendi. Jedes Jahr Im November zog er allein ins stürmische Hochland, um verirrte Schafe einzusammeln. Im Museum steht man über Blendi, der in einem Schneeloch kauert. Hund und Hammel schmiegen sich an ihn, sie wärmen einander. Über ihnen scheint der kalte Mond.

Der Fjord der Kommunisten

Einen der fröhlichsten Ostisländer kann man in der Stadt Neskaupstaður am Norðfjörður-Fjord treffen, etwa anderthalb Autostunden entfernt vom »Wilderness Center«: Þórður Júlíusson, den alle nur Doddi nennen. Doddi ist 67, doch angeritten kommt er wie ein ganz Junger. Jauchzend schwingt er sich vom Rücken eines Hengstes und lacht: »Willkommen!« Doddi hält Islandpferde, robuste und gesunde Tiere: Weil keine andere Pferderasse je nach Island eingeführt werden durfte, gibt es keine schweren Krankheiten.

Doddi war früher Biologie- und Deutschlehrer. Nach seiner Pensionierung gründete er mit seiner Frau den Reiterhof, auf dem er heute bis zu 25 Gäste beherbergen kann. Viele Deutsche kommen hierher. Gastgeber Doddi erfreut sie auf Deutsch mit Anekdoten – wahlweise aus dem reichen isländischen Sagenschatz mit Elfen, Trollen, Riesen und Halbriesen oder mit Episoden aus seinem Leben. Deutsch gelernt hat Doddi in Ilmenau – 1985 in der DDR: »Das war die spannendste Reise, die ich je gemacht habe«, erinnert er sich. »Ich habe so viele spannende Leute kennengelernt und so viel Gastfreundschaft erlebt. Und die Landschaft in Thüringen – wunderschön.«

Was führte einen Isländer 1985 in die DDR? Nun, man habe ihm gesagt: Willst Du Bier trinken und Spaß haben, dann geh zum Deutschkurs in die Bundesrepublik, willst du etwas lernen, dann geh nach Ostdeutschland! Doddi entschied sich fürs Lernen und damit für Ilmenau. »Es gab aber noch einen anderen Grund für den Entschluss«, sagt er verschmitzt lächelnd: »Ich war Kommunist – wie damals fast alle hier.«

Der Norðfjörður sei damals in ganz Island der »Kommunisten-Fjord« genannt worden, wahlweise auch »Klein-Moskau«, und das, obwohl Island bereits seit 1949 NATO-Mitglied war und in Keflavik ein US-Stützpunkt beheimatet war. »Wir waren alle überzeugte Linke«, sagt Doddi. »In unserem städtischen Schwimmbad hingen damals zwei Uhren: Eine zeigte die isländische Zeit an, die andere die Moskauer Zeit.« Die Partei von damals gibt es nicht mehr, die politische Stimmung im Land ist eine ganz andere, Doddi sagt, er habe sich nicht geändert: »Ich bin immer noch Kommunist. Und ich bleibe es!«

Die Farm der Musiker

Die wichtigste Landstraße Islands ist der »Hringvegur«, (Ringstraße), die auch als Nationalstraße 1 bekannt ist und über 1340 Kilometer rund um die Hauptinsel verläuft. Wer auf der Ringstraße den Osten passiert, kann vor spektakulärer Bergkulisse am Berufjörður ein bekanntes Indie-Musiker-Pärchen kennenlernen: Im ehemaligen Karlsstaðir-Hof haben Berglind Häsler und ihr Mann Svavar Pétur Eysteinsson das »Havarí« gegründet. Ein Hostel mit 30 Betten, im dazugehörigen »Kaffi« steht Berglind am Tresen. Das Café-Restaurant hat eine Bühne, auf der regelmäßig die spannendsten Musiker des Landes auftreten: Björk war schon hier, FM Belfast spielte im vergangenen Sommer und regelmäßig sind auch die Gastgeber on stage: Pétur ist als Prins Póló in Island Legende, mit Berglind hat er jetzt die Band »Skakkamanage«.

Natürlich sind das nicht die einzigen Dinge im Leben des Paares: Die Vegetarier haben hier »Bulsur« entwickelt – vegane Würstchen aus Bohnen und Getreidesamen. Aus dem »Kaffi« haben diese »Bulsur« einen Siegeszug über die Insel angetreten: Die fleischlosen Würstchen kann man mittlerweile in jedem Supermarkt kaufen. »Es gibt sogar schon Kopien beim Discounter«, lacht Berglind, die auch Radiojournalistin ist und Kommunalpolitikerin der Links-Grünen Bewegung – typisch isländische Ämterhäufung. Auch als Politikerin bewirkte sie einiges: 2016 blockierte Berglind mit Einheimischen die Ringstraße. Ganz Island bestaunte den ungewohnten zivilen Ungehorsam. Am Ende wurde die löchrige Sandpiste vor ihrer Tür endlich asphaltiert, erzählt sie: »Die Kinder zur Schule bringen geht jetzt eine halbe Stunde schneller«.