Waiting for the Carnival

Das Surren der Maschinen

Berlinale-Panorama: »Waiting for the Carnival« zeigt den Terror der Lohnarbeit.

Von Arne Kellermann

In Zeiten, in denen der Terror der Lohnarbeit noch in die kleinsten Winkel des Alltags hineinwirkt, wünscht man sich dringlich eine Auszeit. Einige Filme auf der diesjährigen Berlinale beschäftigen sich genau mit diesem Wunsch: Die Dokumentation »Waiting for the Carnival« über das Warten auf den Karneval handelt fast ausschließlich an einem Ort, wo von jener Auszeit nichts zu spüren ist.

Der Regisseur Marcelo Gomes zeigt die Arbeitsverhältnisse in der brasilianischen »Hosen-Hauptstadt« Toritama, in der jährlich 20 Millionen Jeans gefertigt werden. Als kleiner Junge hatte er einst seinen Vater auf Reisen in diese Region begleitet und ist nun auf der Suche nach der geruhsamen Schönheit jener vergangenen Zeit, wie er sie in Erinnerung hat. Die Jetztzeit bietet jedenfalls keine Ruhe mehr: Nahezu jeder Raum in der Stadt ist zu einer kleinen Manufaktur - »faction« - umfunktioniert worden. In ihnen produzieren die Einwohner tagein, tagaus Jeans-Bestandteile; das Surren der Nähmaschinen reißt praktisch nie ab.

Vor Jahren waren die Einwohner noch Angestellte der Fabrik; nun sind sie alle sogenannte Selbständige, die in ihren Häusern ein wenig mehr verdienen als damals. Die letzte ökonomische Krise hat die Arbeiter und Arbeiterinnen von ihrem Arbeitsplatz befreit und in die goldene Zeit des Frühkapitalismus geworfen: bis zu 16 Stunden Arbeit am Tag, sechs Tage die Woche wird geschuftet - sei es auch mit selbstgewählten Pausen.

Dass es derweil keinerlei Arbeitnehmerrechte gibt, wird nur von einem der im Film Interviewten angemerkt; der Rest der Beschäftigten ist davon geblendet, dass sie nun ein paar Dollars mehr Lohn erhalten.

Der offizielle Pressetext zu der Dokumentation, in dem es heißt, dass der Film »Möglichkeiten zur Überwindung des Kapitalismus« aufzeige, erweckt den Eindruck, dass auch die hiesigen Lohnsklaven im Kulturbetrieb sich nach einer Auszeit sehnen.

Dem Kulturschaffenden vor Ort, dem Regisseur Marcelo Gomes, wird indes die Wirklichkeit, die er da abfilmt, zur Hölle. Deutlich macht er den Horror etwa im Versuch, Abstand zu dem von ihm Dokumentierten schaffen: Der unendlichen Monotonie des Nähens wird an einer Stelle des Films die Tonspur entzogen, dann wird obendrein der Kamerawinkel verändert - doch es hilft nicht. Die tätige Selbstverstümmelung und die ewige Monotonie verlieren durch keinen ästhetischen Kniff des Regisseurs ihren Grauen.

Er lässt zwar auch noch den letzten verbliebenen Hirten der Gegend über die Entfremdung von sachbezogen-erfüllender Arbeit sprechen, der Gegenstand des Films aber ist die Ausrichtung des ganzen Lebens der Bevölkerung auf die selbstzerstörerische Arbeit fürs Kapital.

Zuletzt findet Gomes dann aber doch ein wenig Ruhe: Während des Karnevals reist das Heer der »Selbständigen« ans Meer. Die »factiones« stehen eine kurze Weile still. Die Auszeit als Zeit der Reproduktion mag eine Errungenschaft sein, und die Filmausschnitte vom Urlaub eines der Arbeiter verbreiten sogar ein wenig Frohsinn. Am Ende bleibt jedoch die Gewissheit, dass die Ruhe bald wieder endet.

»Estou Me Guardando Para Quando O Carnaval Chegar (Waiting for the Carnival)«, Brasilien 2018. Dokumentarfilm. Regie: Marcelo Gomes. 86 Min.