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  • Kultur
  • Murot und das Murmeltier

78.000 Jahre sind ein Tag

Der »Tatort« mit Ulrich Tukur

  • Von Jürgen Amendt
  • Lesedauer: 3 Min.

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Manchmal frage ich mich, was wohl jemand denkt, der Wahnvorstellungen hat. Für ihn ist das, was wir als Wahn bezeichnen, ja Realität. Meine Großmutter zum Beispiel hat die weißen Mäuse auf dem Boden des Krankenhauszimmers wirklich gesehen, nachdem man ihr einige Tage lang den Alkohol vorenthalten hatte. Wie mag man sich fühlen, wenn man selbst etwas erkennt, das die anderen leugnen, weil sie auf ein Konzept von Wirklichkeit pochen, das dem des radikalen Konstruktivismus entgegengesetzt ist? Die also behaupten, dass es eine objektive Realität gar nicht gebe, sondern jeder sich seine eigene Realität im Denken konstruiere?

So muss sich Kommissar Felix Murot im jüngsten »Tatort« gefühlt haben (»Murot und das Murmeltier«, Regie und Drehbuch: Dietrich Brüggemann). Der von dem großartigen Ulrich Tukur gespielte LKA-Ermittler wird bei einer Geiselnahme in einer Bank in Wiesbaden erschossen. Am nächsten Tag aber wacht er wieder in seinem Bett auf und muss feststellen, dass es überhaupt nicht der nächste Tag ist, sondern wieder der Morgen jenes Tages, an dem er vom Anruf seiner Kollegin geweckt und zu einer Geiselnahme in der Bank gerufen wird. Insgesamt elf Mal stirbt Murot - teils auch durch eigene Hand -, bis er mit Hilfe des Geiselnehmers Stefan Gieseking (Christian Ehrich) der Zeitschleife entkommt.

Der Bankräuber ist der Einzige, der Murot in seiner Realität beisteht - er erlebt nämlich den Tag auch immer wieder aufs Neue. Es dauerte dann aber doch 90 Minuten, bis Murot den Bankräuber überzeugt hatte, dass nur dann, wenn niemand bei dem Überfall getötet wird, die Zeitschleife unterbrochen werden kann.

Dabei hat der Geiselnehmer einen nachvollziehbaren Grund, in der Dauerschleife zu verbleiben. Machen Sie doch einfach mal einen Test. Schauen Sie, wenn Sie morgens um acht Uhr mit der U-Bahn, der S-Bahn oder dem Bus ins Büro fahren, einfach mal von Ihrem Handy auf und in das Gesicht des Menschen, der Ihnen gegenübersitzt. Dann machen Sie das am nächsten Tag wieder und am übernächsten Tag, am überübernächsten … Beschleicht Sie dann nicht auch das Gefühl, dass Sie jeden Tag in das gleiche Gesicht schauen, das den Ausdruck vermittelt, schon zu wissen, was die nächsten Stunden kommen wird: nämlich das Immergleiche?

Nicht Gieseking und Murot sind die Verrückten. In einer Szene sitzen sie beieinander und schauen sich YouTube-Videos an. Gieseking rechnet vor, dass man 78.000 Jahre bräuchte, um sich all die Filme im Netz anzuschauen, die Katzen beim Schlafen, Kinder beim Hinfallen oder kuriose Autounfälle zeigen. Und man hat als TV-Zuschauer das Gefühl, der Kerl hat die feste Absicht, die 78.000 Jahre wirklich in diesem Raum-Zeit-Kontinuum zu verbringen.

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