Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

»Dort decken sich Linksradikale mit Kerzen ein«

»Titanic«-Chefredakteur Moritz Hürtgen über das putzige Faktenmagazin »Focus« und die sehnlichsten Wünsche sterbender Medien

  • Von Nicolai Hagedorn
  • Lesedauer: 3 Min.

Vergangenen Donnerstag erschien bei Focus Online unter der Überschrift »Autonome verbreiten Anleitung zur Manipulation von Feinstaub-Messstationen« ein Artikel samt Video, in dem man einen vermummten angeblichen Autonomen, der mit einem Blasebalg bewaffnet ist, dabei beobachten kann, wie er aus einem Autoauspuff Abgase »abzapft«, um diese dann an einer Feinstaub-Messstation gegen das Messgerät zu blasen (Bild). Damit, so hieß es in dem von zahlreichen Webportalen weiterverbreiteten Beitrag, sollen Diesel-Fahrverbote erzwungen werden. Einige Tage später klärte das Satiremagazin »Titanic« das Ganze auf: Es war eine Fake-Aktion.

Wenig sportliche Lederschuhe, ein Mantel, eine selbst geschnippelte Hasskappe quer über die Augen - Sie haben in dem »Titanic«-Video wirklich alles dafür getan, damit man erkennen kann, dass Sie kein echter Autonomer sind. Was muss man eigentlich machen, damit ein »Focus«-Redakteur nicht auf alberne Scherze hereinfällt?

Man müsste so tun, als sei man ein Wahnsinniger, der mit 200 Sachen auf der Autobahn lichthupend Familienwagen auffährt, oder sich beim Faktenmagazin als rassistischer Burschenschaftler vorstellen. In solchen Fällen prüfen sie beim »Focus« sicher alles doppelt und dreifach.

Nachdem alles aufgeflogen war, wurden von der auf die »Titanic«-Aktion hereingefallenen »Focus«-Redaktion noch gute Tipps gegeben: Mit einer Kerze oder Motorsäge könne man Messstationen viel einfacher manipulieren als mit einem Blasebalg. Rechnen Sie mit Trittbrettfahrern aus dem autonomen Spektrum, die da jetzt ernst machen könnten?

Ja. Ich denke, die Polizei Frankfurt sollte jetzt wenigstens kurz damit aufhören, Nazi-Chatgruppen zu betreiben oder die persönlichen Daten von Anwältinnen an Faschisten zu geben, und lieber »Depot«-Filialen beobachten - dort decken sich Linksradikale nach meinen Informationen nämlich mit diesen gefährlichen Kerzen ein.

Wie erklären Sie sich, dass trotz einiger anderer ähnlicher »Titanic«-Aktionen in letzter Zeit - oder auch des Falles Relotius beim »Spiegel« - so eine Geschichte nicht als Satire erkannt, sondern veröffentlicht wird, obwohl ziemlich viel dafür spricht, dass das Ganze doch recht unwahrscheinlich ist?

Die Medienbranche ist todkrank. Werbeeinnahmen im lebensgefährlich Bereich, geschäftsschädigende US-Internetriesen wie »DuckDuckGo« usw. Wir bei »Titanic« verstehen uns quasi als deutsche »Make A Wish«-Foundation. Wir erfüllen die sehnlichsten Wünsche der sterbenden Medien. Die sind einfach für alles unendlich dankbar. Das ist eine schöne, erfüllende Arbeit.

Die »Taz« meinte in Ihrer Satire einen Denkanstoß dafür zu erspähen, »dass auch vermeintliche Skandale zunächst einmal stets sorgfältig auf ihre Richtigkeit überprüft werden sollten«. Aber entlarvt der Streich nicht viel mehr als nur schlampigen Journalismus?

Überhaupt nichts wird entlarvt, überhaupt nichts wird gelernt. Satire kann nach meinem Verständnis weder wertvolle Denkanstöße noch Vernunft liefern.

Eigentlich müssten ja die Chancen auf den nächsten Coup mit jedem gelungenen sinken - andererseits scheinen sich doch immer wieder bereitwillige Opfer zu finden. Wie sind die Zukunftspläne?

Am Freitag, den 22. Februar, erscheint erst mal die neue Ausgabe der »Titanic« mit einem großen Auto-Spezial. Bei einer vom Verkehrsministerium abgesegneten Telefonaktion haben wir zum Thema Tempolimit Stimmen fanatischer Autoliebhaber eingeholt. Von diesem Heft möchten wir möglichst viele Exemplare verkaufen, das ist der Plan.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln