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Die ökologische Wahrheit der Rohstoffpreise

Umweltbundesamt fordert strengere Standards im Bergbau

  • Von Vanessa Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.

Am 5. November 2015 brach eine toxische Schlammlawine durch den Fundão-Damm des Minenunternehmens Samarco in Brasiliens Südosten. 33 Millionen Kubikmeter der giftigen Masse bahnten sich ihren Weg durch den Bundesstaat Minas Gerais. 17 Tage nach dem Unglück ergoss sich das tödliche Gemisch aus Blei, Quecksilber und Arsen in den 650 Kilometer entfernten Atlantik. Auf dem Weg dorthin tötete es 19 Menschen sowie zahllose Tiere und Pflanzen. Wie so oft ist Samarco ein Joint Venture zwischen einem lokalen Unternehmen - hier dem brasilianischen Konzern Vale - und einem aus dem Globalen Norden.

In diesem Fall der britisch-australischen BHP Group. Auch deutsche Unternehmen bauen Rohstoffe im Globalen Süden ab. Die Bundesrepublik gehört zudem zu den weltweit größten Rohstoffimporteuren. Bei Aluminium, Blei, Kupfer und Zinn ist Deutschland der fünftgrößte Importeur, bei Stahl der sechstgrößte. »Als Großimporteur hat Deutschland eine Mitverantwortung für die durch den Bergbau verursachten Schäden«, sagte UBA-Präsidentin Maria Krautzberger am Dienstag in Berlin.

Das UBA hat in zehn Fallstudien die spezifischen Auswirkungen der Rohstoffgewinnung auf Mensch, Gesellschaft und Umwelt analysiert. Untersucht wurde der Abbau von Kupfer in Kanada und der DR Kongo. In Peru wurden die Auswirkungen des Zink und Bleiabbaus identifiziert. In Botsuana von Nickel, in Brasilien von Niobium, in Indien von Eisenerz, in Marokko von Phosphat, in der Türkei von Borat, in den USA von Beryllium und in Vietnam von Wolfram.

Die Studie zeigt die starken Umweltauswirkungen von Bergbau etwa durch hohen Wasserverbrauch und schlechtes Management von Wasserressourcen auf. Vor allem in Gebieten mit vorherrschender Wasserknappheit traten außerdem Nutzungskonflikte mit der lokalen Bevölkerung auf. Vegetation wurde geschädigt, Gestein bewegt. Extreme Umweltauswirkungen wurden etwa durch Auswaschung von Schwermetallen und radioaktiven Stoffen in Boden oder Grundwasser identifiziert.

Bereits 2017 hatte eine Studie des UBA die gravierenden Sozialauswirkungen des Bergbaus aufgezeigt, Gesundheitsschäden der Bergarbeiter und der lokalen Bevölkerung beispielsweise. Die Auswirkungen des Bergbausektors lösten außerdem in einigen Fällen direkt Konflikte aus, in anderen Fällen verschärften sie bereits bestehende. So kam es im Grasberg-Bergwerk in Indonesien zu Vertreibungen der ansässigen indigenen Bevölkerung und gewaltvolle Auseinandersetzungen zwischen diesen und Sicherheitskräften. Aufgrund von Umweltschäden durch den Bergbau auch in weiter entfernten Regionen kam es später zu Streiks und Protesten, bei denen etwa 200 Menschen getötet wurden.

Auf Grundlage der Studien hat das UBA konkrete Vorschläge zur Verbesserung von Umwelt- und Sozialstandards entwickelt. Danach sollte die EU die Umweltaspekte des Bergbaus bei der Bewertung der Rohstoffversorgungssituation, der sogenannten Kritikalität von Rohstoffen, künftig stärker berücksichtigen. Bisher beschreibt das Kritikalitätskonzept der EU die wirtschaftliche Bedeutung von Rohstoffen und stellt sie geopolitisch-technischen Versorgungsrisiken gegenüber. Das UBA fordert nun, das EU-Kritikalitätskonzept um das Kriterium »Umweltgefährdung durch Bergbau« zu erweitern. Ob ein Material »kritisch« ist, würde dann auch nach dem Umweltgefährdungspotenzial beim Bergbau beurteilt werden. Zink und Kupfer müssten dann zum Beispiel als ökologisch kritisch eingestuft werden.

Daneben empfiehlt das UBA die Einführung eines Systems verbindlicher Sorgfaltspflichten für Rohstoffe ähnlich wie etwa Fairtrade bei Schokolade oder Kaffee. Dieses System solle Mechanismen enthalten, die die Umweltkosten der gesamten Rohstofflieferkette vom Bergbau bis zum Endprodukt einpreisen, damit Produktpreise am Ende der Lieferkette die »ökologische Wahrheit« ausdrücken.

Etwas überraschend spricht sich das UBA auch dafür aus, den Bergbau in Deutschland wieder zu stärken, etwa im Erzgebirge. Die Bundesrepublik könne »mit gutem Beispiel voran gehen, um Forderungen nach höheren Umwelt- und Sozialstandards im Bergbau glaubhaft gegenüber den Rohstoffländern im Globalen Süden zu vertreten«, sagte Krautzberger. Momentan profitieren Konzerne jedoch noch davon, dass die Standards und somit auch die Kosten im Globalen Süden niedriger sind.

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