Heimat im guten wie im schlechten Sinne

Sucher, Schwärmer, Verlorene - Neuerscheinungen am nd-Stand in Leipzig

Philipp Böhms Helden arbeiten in einer Fabrik in einem Kaff, Hartmann kümmert sich um Jakob, den Zugezogenen. Dann verschwindet Hartmann und Jakob macht sich auf die Suche. Immer lebensfeindlicher wird die Stadt, immer bedrohlicher für ihre Bewohner. Das Leben wird zum Zombiefilm, in dem der »Schellenmann« seine Kreise zieht. Eine Parabel auf die Abgründe in einem verlorenen Land.

Emanuel Maeß’ Welt beginnt in Thüringen, fließt über von Leben, Natur, Musik, Ideen und der hohen Liebe zu einem Mädchen. Jeder Moment, jedes Fleckchen wird zu einem Wunder; der Erzähler, den es nach Freiburg und Cambridge verschlägt, könnte fast zu elitär erscheinen, erdete die elegante, lustvolle Sprache nicht zugleich den Höhenflug und nähme den Schwärmer aufs Korn.

Alexander Suckel wiederum ist Fritz Rudolf Fries ein Bruder im Geiste. Er startet mit einem Mord im verschlafenen Wittenberg zu einer Indizienjagd, als der arbeitslose Eisenbahntechniker Kruse den Nachlass des längst verstorbenen Onkels erhält sowie einen mysteriösen Brief, der ihm dringend davon abrät, sich mit der Sache zu befassen. Kruse folgt dem Rat nicht, er hat ja Zeit, landet in einer verramschten DDR-Künstleragentur, einer Dreiecksbeziehung - und schließlich in einer Kneipe der 1940er Jahre in Neapel unter deutscher Besatzung. Großes Kino!

Sandra Brökel erzählt die Geschichte des Pavel Vodák, dessen Traum von Demokratie 1968 in Prag endet. Er plant die Flucht, doch Tochter und Schwiegermutter ahnen nichts von seinen Plänen, als er sie auf einen vermeintlichen Jugoslawienurlaub mitnimmt.

Lina Atfah wurde in Syrien der Gotteslästerung und Staatsbeleidigung beschuldigt und reiste nach Deutschland aus. Ihre Gedichte sprechen vom Wert der Heimat, wenn man diese verloren hat und in der neuen Heimat Zugehörigkeit erschwert, verweigert wird. Heimat ist beides: Liebe und Schönheit wie Scham und Verbrechen. mps