Werbung

Blaues Bitcoin-Wunder

Für Lucas Zeise ist die digitale Währung keine Alternative, sondern nichts anderes als ein Spekulationsobjekt

  • Von Lucas Zeise
  • Lesedauer: 4 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Der Kapitalismus ist voller Wunder. Die größten Wunder aber gebiert der Finanzmarkt. Hier sei, bevor es zu Ende geht, der großen Sensation der Bitcoins gedacht. Kein Jahrmarkt, Zirkusdirektor oder Science-Fiction-Autor kann ähnlich Absurdes erfinden. Ein gewisser Herr Satoshi Nakamoto und seine Freunde sollen den, das oder die »Bitcoin« am 9. Januar 2009 erfunden und hergestellt haben.

Im ersten Jahr der Existenz der sonderbaren Pseudowährung wurden für 10.000 Bitcoins ganze zwei Pizzas erworben - online selbstverständlich. Damit zugleich wurde am 5. Oktober 2009 der erste Preis für das neue Produkt in Dollar festgestellt. Ein Bitcoin war damals weniger als ein Zehntel US-Cent wert. Acht Jahre später, im Dezember 2017, wurde für ein Bitcoin der stolze Preis von 20.089 Dollar bezahlt.

Die Bitcoinschöpfer beanspruchten von Anfang an, mit dem Bitcoin eine - nichtstaatliche - Währung geschaffen zu haben, also Geld. Der Form nach ähneln Bitcoins, anders als das englische Wort Coins andeutet, kein bisschen der Münze, sondern den Computersignalen, die in einer Bank Guthaben oder Schulden signalisieren. Nur sind diese Signale beim Bitcoin nicht im Bankcomputer, sondern im eigenen PC oder Handy gespeichert. Um Bitcoins gegen normales Bargeld tauschen und zurücktauschen zu können, muss man über Verschlüsselungstechniken verfügen, die man beim Einkauf dieser »Währung« miterwirbt.

Auch hierin ist das Verfahren ähnlich dem Umgang mit gewöhnlichem Geld im Kontakt mit der Bank. Die Verfügungsgewalt über das Geld wird nicht durch Scheine und Münzen in der Hand oder im Geldbeutel, sondern durch Codes markiert, die von den beteiligten Geschäftspartnern vertragsgemäß anerkannt werden. Besonders stolz sind die Erfinder der Bitcoins auf die Computertechnik dahinter. Sie heißt Blockchain-Technik. Dabei sind alle Nutzer der Währung vernetzt. Über jede Transaktion werden alle Teilnehmer - verschlüsselt - informiert.

Die Blockchain funktioniert wie ein dezentrales, von allen Teilnehmern einsehbares Kassenbuch. Ergeben sich Unstimmigkeiten - etwa wenn die Gesamtmenge der umlaufenden Bitcoins durch eine Transaktion ungeplant übertroffen würde -, wird sie nicht zugelassen.

Zwei Eigenschaften haben die Bitcoins nach Ansicht ihrer Verfechter dem staatlich garantierten Bargeld und Einlagengeld der Banken voraus. Zum einen ist beim Bitcoin - ganz anders als beim Euro oder Dollar - ein Maximum der je zu erschaffenden Geldeinheiten von 21 Millionen Stück festgelegt. Das signalisiert Knappheit und kommt der alten, oft widerlegten, aber nicht totzukriegenden Theorie entgegen, wonach der Wert einer Währung umgekehrt proportional zur umlaufenden Geldmenge sei. Zum anderen ist zur Herstellung neuer Bitcoins analog zur Förderung von Gold viel Arbeitsleistung erforderlich. Beide Eigenschaften der Bitcoins stellen nach dem Willen ihrer Erfinder einen deutlichen Kontrast zur aufwandlosen und potenziell unbegrenzten Vermehrung von Papiergeld dar.

Wie die ökonomischen Klassiker (einschließlich Karl Marx) lehren, ergibt sich der Wert der Geldware Gold wie bei allen Waren aus der zu seiner Herstellung erforderlichen durchschnittlichen Arbeitszeit. Bei den Bitcoins ist es die Rechnerleistung der Computer, was in der Praxis Aufwand an elektrischer Energie ist. Nur wer richtig satt Rechenleistung zur Verfügung stellt, ist in der Lage, jetzt noch neue Bitcoins herzustellen.

Wahrhaft wunderbar ist auch, dass, wenn man das Wort Bitcoins in eine Suchmaschine eingibt, alsbald das freundliche Angebot erhält, schöne Bitcoins ganz ohne Gebühren gegen traditionelles Geld wie US-Dollar oder Euro loszuwerden. Man könnte fast meinen, der spektakuläre Preisanstieg der Bitcoins und die Tatsache, dass im Dezember 2017 der Wert aller Bitcoins der niedlichen Summe von 340 Milliarden US-Dollar entsprach, habe mit der Aktivität dieser freundlichen Helfer zu tun.

Wer sich Ende 2017 dazu entschlossen hat, seine Bitcoins in ordinäres Geld (zurück-)zutauschen, wissen wir nicht. Jedenfalls ging der Bitcoin-Preis im Lauf des Jahres 2018 erheblich zurück. Alle schönen Bitcoins zusammen sind heute nur noch kümmerliche 63,5 Milliarden US-Dollar wert. Wenn sich das Wunder der neuen Währung in einigen Monaten oder - für die echten Fans - Jahren in Luft aufgelöst hat, wissen vielleicht auch sie, dass die Bitcoins kein Geld, sondern nur ein Spekulationsobjekt waren.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!