Jugendämter

28 Familien sind genug

Die Jugendämter in Deutschland sind überlastet, ihre Mitarbeiter unterbezahlt. In Berlin ist die Lage besonders dramatisch

Von Marie Frank

Die Jugendämter in Deutschland sind überlastet: zu wenig Personal für zu viele Fälle. »Deutschlandweit haben wir einen hohen Fachkräftebedarf«, sagt Till Döring von der Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter. Es sei jedoch schwierig, geeignete Mitarbeiter zu finden und zu halten.

Das liegt auch am niedrigen Gehalt, sagen Gewerkschafter und fordern in den aktuellen Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst der Länder sechs Prozent mehr Lohn, mindestens aber 200 Euro. Vor allem aber wollen sie eine Fallzahlbegrenzung. »Die Fallzahlen sind viel zu hoch. Wir fordern maximal 28 Fälle pro Fachkraft«, sagt Alexander Wegner, Bundesfachgruppenleiter Sozial-, Kinder- und Jugendhilfe bei der Gewerkschaft ver.di.

Zurzeit hätten die Sozialarbeiter beim Jugendamt zwischen 30 und mehr als 100 Familien zu betreuen, selbst 130 Fälle pro Mitarbeiter seien schon vorgekommen. Das führt laut Wegner dazu, dass das Jugendamt erst dann aktiv wird, wenn es um den akuten Kinderschutz geht. Entscheidend seien jedoch präventive Angebote, für Hilfe in den Familien bleibe aber keine Zeit mehr. »Und das in einem Land, in dem die Kinderarmut wächst und damit auch der Bedarf in den Familien.«

Besonders dramatisch ist die Lage in Berlin. Dass die Sozialarbeiter der Jugendämter mehr als 100 Fälle betreuen, ist keine Seltenheit. Damit steigt nicht nur das Risiko, Fehler zu machen, es bleibt auch kaum noch Zeit für Hausbesuche bei den Familien. Vieles würde dadurch hinten runterfallen, klagen die Sozialarbeiter. »Man kann nur da helfen, wo es brennt«, sagt die Mitarbeiterin eines Berliner Jugendamts. Ende vergangenen Jahres waren im Regionalen Sozialen Dienst Berlin, also dem Bereich, der Kinder vor Gewalt, Verwahrlosung und Missbrauch schützen soll, 115 von 892 Stellen nicht besetzt.

Obwohl die Bezirke laufend einstellen würden, gebe es eine hohe Fluktuation und zu wenige Bewerber, so die zuständige Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie. Die Gründe dafür seien bekannt: »Die Tätigkeit geht einher mit einer hohen Arbeitsbelastung und großer Verantwortung, das Gehalt ist derzeit zu niedrig, und gleichzeitig haben Fachkräfte gute Jobperspektiven in anderen Bereichen.« Das zu ändern liegt auch in der Macht der Tarifgemeinschaft der Länder, die am 28. Februar erneut mit den Gewerkschaften verhandelt. Zwei Tage vorher wollen die Sozialarbeiter erneut streiken, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen.