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»Wir sind ein kleiner verrückter Haufen«

Seit 25 Jahren unterstützt der Sozialhilfeverein Tacheles Erwerblose - Gespräch über ein Engagement, das sich selbst überflüssig machen will

  • Von Peter Nowak
  • Lesedauer: 4 Min.

Sie haben den Verein Tacheles gegründet. Was war Ihre Motivation?

Der Erwerbslosen- und Sozialhilfeverein Tacheles wurde vor 25 Jahren, am 24. Februar 1994, als Reaktion auf die rassistischen Brandanschläge von Solingen und Mölln gegründet. Solingen ist Nachbarstadt von Wuppertal und wir haben damals an meinem Küchentisch überlegt, was man gegen diese rassistische Mobilisierung und gegen Nazis machen kann. Im Ergebnis stand das Projekt Tacheles als Interessenvertretung von Arbeitslosen und materiell benachteiligten Menschen. Unser Ziel war und ist es, mit Rat und Tat Betroffenen zur Seite zu stehen, sozialpolitische Höflichkeit zu betreiben und so mit praktischer und guter Arbeit zu überzeugen.

Die Gründung lag lange vor der Einführung von Hartz IV. Was hat sich damit für Ihre Arbeit verändert?

In den 1990er Jahren versuchten bundesweit eine Reihe von Sozialhilfeinitiativen, die Lage der damals ca. 2,1 Millionen Sozialhilfebezieher*innen zu verbessern. Diese Initiativen waren rebellische Gruppierungen, die im Sozialbereich Veränderungen erstreiten wollten und erstritten haben. Sie waren als Bewegung von Mitte der 90er Jahre bis zur Einführung von Hartz IV aktiv. Für Hartz IV wurden viele Strukturen vom Bundessozialhilfegesetz übernommen. Das kannten wir also schon.

Warum sind Sie solange dabeigeblieben, während viele andere Initiativen schnell verschwanden?

Weil man Kämpfe, die man begonnen hat, solange sie notwendig sind, politisch und gesellschaftlich weiterführen muss. Wir beraten jedes Jahr ungefähr 2000 Menschen persönlich - in 25 Jahren also eine mittlere fünfstellige Zahl. Trotz eines vergrößertem Teams können wir in unserer Sozialberatung den Bedarf an Hilfe und Unterstützung kaum decken.

Gibt es Hauptberufliche im Verein?

Nein. Keiner der Menschen, die in der Beratung tätig sind, kriegt dafür Geld. Wir machen das seit 25 Jahren ehrenamtlich. Wir sind ein kleiner verrückter Haufen, dem sich immer wieder neue Menschen anschließen, weil ihnen wichtig ist, sich sozialer Ausgrenzung, Armut, Behördenwillkür und Rassismus entgegenzustellen.

Hat das Erstarken rechter Kräfte wie der AfD Ihre Arbeit verändert?

Antifaschistische Arbeit und Mobilisierung wird immer notwendiger. Das heißt, sich den Nazis auf der Straße entgegenzustellen, Protest zu organisieren, ihren dumpfen Parolen zu widersprechen. Auf der anderen Seite haben wir uns überlegt, dass wir in die Breite gehen müssen. Das heißt, wir wollen mehr Menschen ansprechen und ihnen zeigen, dass linke antifaschistische Kräfte gut sind und rechte faschistische Kräfte schlecht. Dementsprechend haben wir unsere Außenarbeit als Tacheles deutlich ausgeweitet. Gleichzeitig geraten auch wir ins Visier von Nazis und Rassisten. So gab es vor zwei Jahren eine rechte Kampagne gegen Tacheles und gegen mich als Vereinsvorsitzenden. Es gab auch schon einen Anschlag mit zerdepperten Fenstern auf unsere Räume. Derzeit ist es wieder etwas ruhiger, aber ich fürchte, das ist nur die Ruhe vor dem Sturm.

Leistet der Verein eher Sozialarbeit oder gelingt es, Betroffene zu aktivieren?

Die wenigsten Erwerbslosen trauen sich, ihre Interessen zu artikulieren und auf die Straße zu bringen. Sie beteiligen sich daher nicht an Projekten wie Tacheles. Andererseits ist das Selbstverständnis von Tacheles keine soziale Arbeit. Unser Vorbilder sind die Anwaltsbüros des Volkes in der Türkei. Dort können sich Arbeiter*innen und unterprivilegierte Menschen an Anwält*innen wenden und erfahren Unterstützung bei dem Kampf um ihre Rechte.

Neben dem Beratungsangebot engagiert sich der Verein in der Sozialpolitik. Tacheles schreibt Stellungnahmen zu Gesetzgebungsverfahren, oder auch Gutachten für das Bundesverfassungsgericht zu den Folgen von Hartz IV. Haben Sie Hoffnung, dass das Gericht Hartz IV beendet oder zumindest abmildert?

Wir wurden vom Bundesverfassungsgericht als Sachverständige zum Thema Sanktionen benannt. In der Folge haben wir dem Gericht vor zwei Jahren eine 80-seitige Abhandlung vorgelegt und begründet, warum wir die Sanktionen in keinem einzigen Fall für zulässig halten und sie gegen deutsches und internationales Recht verstoßen. Nach der mündlichen Verhandlung vor einigen Wochen bin ich optimistisch, dass das Verfassungsgericht zumindest Teile der Sanktionen kippen wird.

Das Urteil wird auf jeden Fall ein Paukenschlag werden. In der Zeit vorher und danach wird sich die öffentliche Debatte überschlagen. Spätestens dann ist es an der Zeit, aktiv zu werden. Es wäre prima, wenn dann eine bundesweite Demonstration stattfinden würde. Ich würde mir auch Brücken zu den jungen Umweltaktivist*innen wünschen, die jetzt jede Woche auf die Straße gehen. Wenn sie sagen, dass sie für ihre Zukunft kämpfen, müssen sie nicht nur auf dem Gebiet der Umwelt, sondern auch im Sozialbereich aktiv werden.

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