Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Die nächste Krise

Bernd Zeller über die weitreichenden Folgen des Produktionsausfalls beim Nutella-Hersteller

  • Von Bernd Zeller
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Anlass unseres heutigen Berichtes ist der Produktionsausfall einer bekannten Nuss-Nougat-Zucker-Creme. Wir können ruhig sagen, dass es sich um Nutella handelt, das ist keine Produktplatzierung, denn das Produkt wird ja nicht produziert. Gegen Unprodukt-Placement hat die Medienaufsicht bisher nichts gesagt. Skeptische Werbebeobachter könnten schon zu der Vermutung gelangen, dass es sich um einen Scoop der Werbeabteilung handeln möge, denn das Ereignis wurde überall vermeldet und die Nachrichten waren bebildert mit Nutella-Gläsern, und es ist nicht zu erwarten, dass die Herstellerfirma dagegen aus urheberrechtlichen Gründen vorgeht, sondern dass die Werbeabteilung ausrechnet, was das als bezahlte Anzeigen gekostet hätte, und dies als ihren Erfolg ausgibt.

Dennoch halten wir eine solche Verschwörung für reine Theorie, weil der Schulterschluss zwischen Produktionsarbeitern und Werbeheinis an antagonistischen Klasseninteressen scheitern müsste. Zwar sind die Werbemacher auch nur Lohnsklaven der Industrie, aber solange ihnen das niemand sagt, halten sie sich für den entscheidenden Wirtschaftsfaktor.

Es fällt auf, wie gering der politische Nutzen des Produktionsstillstandes ist. Eine Instrumentalisierung findet nicht statt, das macht die Nachricht als solche schon einmal sympathisch, also weniger beklemmend als die übrigen. Wäre damit zu rechnen gewesen, hätten vorausschauende Kräfte oder die Grünen einen Ausstieg aus der Nutella gefordert. Die Kanzlerin hätte eine Kommission zum geordneten Nutella-Ausstieg eingesetzt, die einen Zeitplan erarbeitet, bis wann das letzte Glas Nutella gefördert wird, und ausrechnet, dass keine Kosten entstehen. Wirtschaftsminister Altmaier muss sich derzeit wirklich stark grämen, darauf nicht gekommen zu sein. Er hätte überhaupt nichts selbst tun müssen, nur die Linie der Kanzlerin vertreten. Die Nutella-Befürworter hätten neben ihm schlecht ausgesehen, weil er schon das Bild der Warnung vor übermäßigem Verzehr verkörpert hätte. Irgendwie sieht man den Leuten an, ob der Bauch vom Bier oder von Nutella herrührt. Auch das vormalige Nutella-Werbegesicht Boris Becker könnte als Gesundheitsbotschafter glaubwürdig dafür stehen, dass man als Nutella-Fan nicht vergessen sollte, Sport zu machen.

Indes bleibt festzuhalten, dass die Nutella-Esser keine unterrepräsentierte Gruppe sind, auch nicht im Parlament. Im Bundestag sind weniger Frauen als anteilig in der Bevölkerung, aber mindestens genauso viele Nutella-Konsumenten. Vielleicht sind nicht alle von ihnen offen bekennende Nutella-Esser, aber gerade die heimlichen könnten ein Erlebnis der Erleichterung erfahren, wenn sie sich damit nicht mehr zu verstecken bräuchten.

Es liegt nahe, dass eine Nutella-Krise nur im europäischen Rahmen gelöst werden kann. Wir werden sehen, wie flexibel die Kandidaten zum Europaparlament sich im Wahlkampf darauf einstellen. Eine Verleugnung des Problems ist jedenfalls nicht möglich.

Auf einigen ratgeberorientierten Zeitungsseiten im Internet sind Rezepte online gestellt, wie man Nutella selbst zubereiten kann. Benötigte Zutaten sind unter anderem Kakao, Vanillecreme, Haselnüsse, Meersalz, Agavensirup, und man braucht einen Mixer. Daran sieht man, um was für ein Luxusproblem es sich beim Nutella-Engpass handelt. Diese Zutaten werden als verfügbar vorausgesetzt, ebenso geht man selbstverständlich davon aus, dass man Strom hat.

Die Nutella-Firma hatte bereits die individualisierten Nutella-Gläser im Angebot, da wäre es ohnehin folgerichtig gewesen, dass sich die modernen städtischen Umweltbewussten auch noch ihr Nutella selbst machen.

Vorsorglich hatten schon seit langer Zeit die Werbebosse auf die Mitteilung Wert gelegt, dass man in einem solchen Falle auch wirklich Nutella auf sein Produkt schreibt. Dann können sie den fehlenden Umsatz durch Klagen auf Markenverletzung wieder ausgleichen.

Transparenzhinweis: Obwohl in dieser Kolumne das Wort Nutella 20 Mal (nunmehr 21 Mal) vorkommt, wurde sie von niemandem gesponsert.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln