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  • Sport
  • Doping im Wintersport

Große Dopingjagd in Seefeld

Razzien und Festnahmen während der Nordischen Skiweltmeisterschaften, eine Spur führt nach Deutschland

  • Von Lars Becker, Seefeld
  • Lesedauer: 3 Min.

Im Skistadion von Seefeld wurde an diesem sonnigen Mittwoch der Donauwalzer gespielt - so, als wenn nichts gewesen wäre. Aber: Vier Sportler fehlten am Start des 15-Kilometer-Rennens der Skilangläufer bei der Nordischen Ski-WM. Der Grund für ihre Abwesenheit wurde zeitgleich bei einer Pressekonferenz des österreichischen Bundeskriminalamts in Innsbruck erörtert. Bei konzertierten Dopingrazzien im WM-Ort Seefeld und in Erfurt wurden insgesamt neun Personen festgenommen. Darunter sind der deutsche Arzt Dr. Mark S., der Kopf einer international agierenden Dopingorganisation sein soll, und fünf bei der WM aktive Skilangläufer. Mit Max Hauke und Dominik Baldauf gehören zwei Athleten des Gastgebers dazu. Sie waren im Teamsprint überraschend auf Platz sechs gelandet.

»Ich habe das Zimmer gegenüber von den beiden in unserem Teamhotel, das ziemlich hellhörig ist. Dann kam der Hotelchef und sagte, dass das Bundeskriminalamt im Haus ist«, schilderte Luis Stadlober die Szenen im österreichischen Teamhotel Bergland am Mittwochmorgen. Stadlober startete als einzig verbliebener Athlet des Gastgebers über die 15 Kilometer - und zeigte sich geschockt: »Das sind zwei Scheißkerle, wie kann man nur so hinterhältig sein? Wir haben im österreichischen Skilanglauf schon viele Skandale erlebt - ob nun bei Olympia 2006 oder 2014 in Sotschi mit Dürr. Aber jetzt bei der WM daheim: Tiefer kann man nicht fallen.«

Beim WM-Rennen am Mittwoch fehlten auch der kasachische Weltklasseläufer Alexej Poltoranin sowie die Esten Andreas Veerpalu und Karel Tammjarv. Der Verdacht liege nahe, dass dies die anderen drei Sportler sind, die zu Vernehmungen in Gewahrsam genommen wurden. Einer davon wurde sogar in flagranti beim Eigenblutdoping erwischt.

Der internationale Betrügerring soll aus dem thüringischen Erfurt gesteuert worden sein, wo ein schon seit Jahren des Blutdopings im Spitzensportbereich verdächtiger Arzt und ein Komplize festgenommen wurden. »Ein 40-jähriger Sportmediziner aus Erfurt führte jahrelang illegale Anwendungen an Spitzensportlern zur Leistungssteigerung durch. Heute waren 120 Beamte der Polizei im Einsatz. In Erfurt konnte das illegale Dopinglabor vorgefunden und Beweise sichergestellt werden«, kommentierte Dieter Csefan vom österreichischen Bundeskriminalamt. Ausgelöst wurden die Razzien vom österreichischen Kronzeugen Johannes Dürr, der bei Olympia 2014 selbst des Dopings überführt worden war.

Die Verbindung nach Deutschland sorgte auch beim Deutschen Skiverband (DSV) für hektische Aktivitäten. Der ursprünglich schon aus Seefeld abgereiste Stefan Schwarzbach, Generalsekretär und Pressesprecher in Personalunion, kehrte umgehend zurück. »Es gibt keine Verbindungen vom DSV zu den betroffenen Personen«, beeilte sich ein Sprecher zu versichern. Das deutsche Skilanglaufteam war von der Razzia auch nicht betroffen, wie Sebastian Eisenlauer nach seinem Einsatz über die 15 Kilometer verriet: »In unserem Hotel war es ganz ruhig, aber es hört sich schon krass an, was man so hört. Für unseren Sport ist das schlimm.« Seine Teamkollege Lucas Bögl forderte, dass man nach dem neuerlichen Skandal »Konsequenzen ziehen muss: So macht das keinen Spaß mehr. Auch wenn ich weiter nicht davon ausgehe, dass alle dopen.«

Besonders verheerend ist das neueste Kapitel einer Serie vom Dopingskandalen von Russland bis zur norwegischen Seefeld-Doppelweltmeisterin Therese Johaug auch für den Österreichischen Skiverband (ÖSV) als WM-Gastgeber. Man sei in »Schockstarre«, ließ ÖSV-Langlaufchef Markus Gandler mitteilen und habe natürlich nichts von den unerlaubten Aktivitäten von Hauke und Baldauf gewusst. Diese Aussage scheint allerdings wenig glaubwürdig, zumal beide Sportler im offiziellen Teamhotel festgenommen wurden. Am Antidopingkampf habe man in Österreich kein Interesse, hatte Johannes Dürr schon vor den Titelkämpfen erklärt: »Wir haben es immer wieder versucht, sind aber auf taube Ohren gestoßen. Ich hatte angeboten, gemeinsam ein großes Dopingpräventionsprojekt ins Leben zu rufen, in dessen Rahmen ich meine Erfahrungen an junge Athleten weitergeben kann. Es bestand kein Interesse.« Auch der deutsche Bundestrainer Peter Schlickenrieder hatte dem WM-Chef und ÖSV-Präsidenten Peter Schröcksnadel schon vor der WM vorgeworfen, dass ihm und damit dem WM-Gastgeber das Thema Doping »scheißegal« sei: »Da zählt das Motto: Erfolg um jeden Preis.«

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