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Die Stimme der Eltern wird gehört

Eine Mutter erklärt, warum sie gute Gründe hat, an der Streikkundgebung der Landesbeschäftigten in Berlin teilzunehmen

  • Von Ines Wallrodt
  • Lesedauer: 4 Min.

Beteiligt sich die Kita Ihres Sohnes an den Warnstreiks?

Nein, mein Kind ist in einer evangelischen Kita, und die haben ja kein Streikrecht. Aber für die Erzieherinnen dort ist der Abschluss im öffentlichen Dienst trotzdem wichtig, weil die Einrichtung staatlich finanziert wird. Ich nehme an der Demonstration heute also auch ein bisschen stellvertretend für sie teil.

Warum unterstützen Sie die Forderungen?

Es geht ja jetzt viel um Vereinbarkeit - und da will ich doch mein Kind mit einem guten Gefühl in einer Kita abgeben können und mir nicht ständig Sorgen machen, weil zum Beispiel in einem Jahr die Bezugserzieherin sieben Mal wechselt.

Ihre persönliche Erfahrung?

Die einer Freundin. Sieben Mal! Dabei ist die Bindung ja das Allerwichtigste für so kleine Kinder. Es ist im Grunde eine einfache Formel: Wenn wir mehr und bessere Kitaplätze haben wollen, muss es mehr Erzieherinnen und Erzieher geben und die müssen gut von ihrem Gehalt leben können und Arbeitsbedingungen vorfinden, mit denen sie zufrieden sind.

Wie ist die Stimmung bei den Eltern, die wegen der Streiks einen Babysitter brauchen oder frei nehmen müssen?

In meinem Umfeld durchweg solidarisch. Das gilt selbst für die alleinerziehende Mutter in unserer Gruppe, die langsam wirklich ins Schwimmen kommt, weil die Babysitterinnen ja nicht über Stunden verfügbar sind bzw. das zu teuer wird. Aber es wird wirklich hart werden, wenn es am Wochenende keine Einigung und nächste Woche dann vielleicht einen Erzwingungsstreik gibt.

Auf wen werden Sie dann wütend sein?

Eindeutig auf die Politik. Inzwischen hat nun wirklich fast jeder Politiker gesagt, dass der Erzieherberuf aufgewertet werden muss. Wenn sie das jetzt aber nicht umsetzen, fühlt man sich als Eltern ein bisschen verschaukelt.

Die Länder haben bereits durchblicken lassen, dass sie mehr Geld für die Kitabeschäftigten locker machen würden.

Es stimmt. Die Arbeitgeber scheinen grundsätzlich bereit, die Erzieherinnen im Landesdienst mit denen von Bund und Kommunen gleichzustellen. Aber sie erpressen jetzt mit allen anderen Berufsgruppen. Deshalb muss es uns nicht nur um die Kita gehen, sondern auch um alle anderen Bereiche. Es wäre fatal, wenn am Ende die Krankenschwester gegen die Erzieherin ausgespielt wird.

Ihre Initiative fordert nicht nur bessere Bezahlung, sondern zugleich mehr Kitaplätze. Die Länder antworten darauf: Für alles reicht das Geld nicht.

Wo soll das neue Personal herkommen, wenn der Job nicht attraktiv ist? Im Augenblick können schon die vorhandenen Ausbildungsplätze nicht besetzt werden, weil sich nicht genug Leute für diesen Beruf entscheiden. Mindestens ein Viertel steigt in den ersten fünf Jahren aus dem Beruf wieder aus, viele gehen irgendwann in Teilzeit oder hören vor dem Rentenalter auf, weil die Belastung zu hoch ist. Es geht also auch darum, das Personal, das wir haben, zu halten.

Welchen Einfluss haben die Eltern auf den Ausgang der Tarifverhandlungen?

Unsere Unterstützung hält den Erzieherinnen und Erziehern den Rücken frei. Ich weiß aus persönlichen Gesprächen, dass es sie bestärkt, hier auf die Demo zu gehen, wenn sie nicht fürchten müssen, morgen von Eltern angegriffen zu werden, weil die Kita geschlossen war. Wir merken aber auch bei der Politik, dass wir eine große Macht haben. Die Stimme der Eltern wird gehört.

Ist diese Stimme schon laut genug?

Sie wird lauter. Bei den Streikdemonstrationen sieht man viele Eltern mit ihren Kindern, die einfach mit ihrer Kitagruppe mitlaufen - als konkrete Solidarität mit den Erzieherinnen, die man kennt. Aber wir können noch mehr tun. Wir rufen dazu auf, den Verhandlungsführer Matthias Kollatz direkt anzusprechen: anrufen, schreiben, in seinem Bürgerbüro vorbeigehen und erzählen, wie man persönlich betroffen ist und was man fordert. Und falls es zu weiteren Streiks kommt, müssen wir als Eltern solidarisch bleiben. Denn wenn wir nicht jetzt eine Aufwertung hinbekommen, haut uns das in den nächsten Jahren komplett aus der Spur.

Sie meinen, die freien Tage sind gut investiert.

Ich will es so sagen: Bei mir ist fast jeden Tag Notbetreuung in der Kita, weil Erzieher krank sind, frei haben, Stellen unbesetzt sind. Ich musste meine Stelle als Tutorin aufgeben, weil ich zwei Jahre lang nach einem Kitaplatz suchen musste. Wenn man nun in dieser Tarifrunde ein paar Tage offiziell Notbetreuung hat, es dann aber tendenziell aufwärts geht, fahren wir am Ende alle besser.

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