Auf der ITB des Jahres 2018
Reisemesse ITB

Von Pappwand zu Pappwand

Nächste Woche strömen wieder Zehntausende zur 53. Auflage der Reisemesse ITB in Berlin. Kritik gibt’s erneut an der Wahl des »Offiziellen Partnerlandes«, das diesmal Malaysia ist.

Von Jirka Grahl

Kann es Reiselust wecken, sich mit Tausenden durch riesige Messehallen voller Stände zu wälzen, von Pappwand zu Pappwand, von Prospekthalter zu Prospekthalter, von Flachbildfernseher zu Flachbildfernseher? Von Volkstanz-Aufführung zu Volkstanz-Aufführung? Anscheinend ja, vor allem, wenn 10 000 Menschen aus 180 Ländern an so einer Schau mitwirken, erwacht das Fernweh, wie ab kommenden Mittwoch wieder auf der Internationalen Tourismus-Börse Berlin festzustellen sein wird: Etwa 60 000 Privatbesucher werden ab Freitag bei der 53. ITB erwartet, zuvor werden sich am Mittwoch und Donnerstag weitere 110 000 Fachbesucher in den 26 Hallen unter dem Berliner Funkturm tummeln und wie immer ordentlich Umsatz machen; sieben Milliarden Euro waren es im vergangenen Jahr.

Problem Übertourismus

Die Veranstalter der Leitmesse der Internationalen Tourismusbranche geben sich auch 2019 alle Mühe, die 53. Auflage up to date zu halten - der eine oder andere Roboter wird wieder die Besucher an den Ständen amüsieren, mit Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) können sich Interessierte beim Blick durch Datenbrillen ein beinahe lebensechtes Bild von den Gegebenheiten vor Ort machen. Und eigens für die ITB werden vom Hersteller der Pokemon-Go-App virtuelle Monster auf dem Messegelände verteilt, die mit dem Handy eingefangen werden können.

Doch auch der realen Welt mit ihren Problemen widmet sich »The World’s leading Travel Trade Show«: So wird »Overtourism« eine große Rolle spielen: Wie viel Tourismus verträgt die Welt, wie sehr leiden bestimmte Reiseziele unter den schwer zu zügelnden Besuchermassen? Barcelona, Venedig, Dubrovnik oder auch die Lofoten werden von Touristen überrannt, Kreuzfahrtschiffe verschärfen den »Übertourismus« noch.

Die Kommunen überlegen, wie sie den Ansturm entschärfen. Venedig will beispielsweise ab Mai drei Euro Eintritt von Tagestouristen nehmen, wie der Kommunalrat am Dienstag beschloss. In Dubrovnik dürfen nur noch zwei statt bisher sieben Kreuzfahrtschiffe pro Tag anlegen. Auf Bali (Indonesien) fallen für Touristen seit neuestem neun Euro Ökosteuer pro Tag an, die Insel kämpft mit überbordendem Plastikmüll. Tansania mit seinen Highlights Kilimandscharo und Sansibar hat die Visagebühr deutlich erhöht, das Himalaya-Königreich Bhutan hält sich mit einem Mindestpreis den Massentourismus vom Hals. Touristen müssen über einheimische Agenturen ihre Reise buchen, Mindestpreis 200 US-Dollar pro Tag, in der Hochsaison werden sogar 250 fällig, will man das »Land des Donnerdrachens« besuchen.

Kritik wegen Homophobie und Antisemitismus

Die Messemacher stehen, wie schon in manchen Vorjahren, auch 2019 in der Kritik wegen des »Offiziellen Partnerlandes«: In diesem Jahr wird es Malaysia sein. Das südostasiatische Land ist nicht nur für seine wunderbaren Strände, die einzigartige Natur, seine Nationalparks und die Weltkulturerbe-Städte Melaka und George Town bekannt, sondern auch für die grobe Einschränkung der Bürgerrechte im Land, Vollzug der Todesstrafe, Folter, einer homophoben Gesetzgebung und Antisemitismus. Vor wenigen Wochen erst wurde dem Land die Ausrichtung der Schwimm-WM der Para-Athleten entzogen, weil Malaysia keine Behindertensportler aus Israel einreisen lassen wollte.

Im September hatte ein Fall für einen internationalen Aufschrei gesorgt, als zwei Frauen im Bundesstaat Terengganu zu einer Folterstrafe verurteilt worden waren: Die beiden waren beim Sex in einem Auto beobachtet und zu Geldstrafen sowie jeweils sechs Stockhieben verurteilt worden. Die Schläge mussten sie vor 100 Zuschauern erleiden.

Die Messegesellschaft, zu 99,7 Prozent im Besitz des Landes Berlin, wurde von LGBT-Aktivisten für die Wahl Malaysias kritisiert. Dass die selbst ernannte »Regenbogenhauptstadt« ausgerechnet einem derart homophoben Staat diese herausgehobene Position zugesteht, sei falsch.

Bei der Messe ist man sich der Problematik bewusst. »Diese Aspekte sind uns durchaus bekannt und wir bedauern sie sehr, da die ITB Berlin seit 1966 für Toleranz steht und sich gegen Diskriminierung einsetzt«, erklärt Julia Sonnemann, PR-Managerin der ITB, gegenüber »nd«: »Die konkrete Entscheidung für Malaysia als ITB-Partnerland 2019 sei u. a. durch eine erkennbar langfristige Messestrategie positiv beeinflusst worden«. Der »nachhaltige Ansatz des touristischen Konzepts« habe überzeugt. »Die ITB steht aber im permanenten Austausch mit Vertretern des diesjährigen Partnerlands Malaysia und hat sowohl für die Messe Berlin Stellung bezogen als auch auf die Kritik der Öffentlichkeit hingewiesen.« Eine Podiumsdiskussion soll ein besonderes Augenmerk auf die Situation in Malaysia legen.

Die Wahl des Partnerlandes steht 2019 nicht zum ersten Mal in der Kritik. 2016 waren die Malediven »Offizieller Partner«. Auf den Trauminseln im Indik drohen für Homosexualität vier Jahre Gefängnis und bis zu 100 Stockhiebe. In Botswana, Partnerland 2017, können Gefängnisstrafen von bis zu sieben Jahren verhängt werden, im Sultanat Oman, Partnerland 2020, sind es immerhin drei Jahre. Erst 2021 kommt bei der ITB eine etwas weniger strittige Region als Partnerland zum Zuge: Sachsen.