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Der Mann auf Brücken

Zum Tod des Kabarettisten Werner Schneyder

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Politik sagt: Teile - und herrsche! Kabarett ist das Gegenprinzip: Teile aus - und bleibe ohnmächtig! Werner Schneyder: »Natürlich verändert Kabarett die Welt - ich habe mit vielen satirischen Einwürfen den Bau des Rhein-Main-Donau-Kanals verhindert. Und zwar so lange, bis er fertig war.« Die kritische Antriebskraft dieses Künstlers war freilich nicht die Neurose, sondern das Selbstbewusstsein. Er schimpfte sich frei - und ließ sich dabei die Noblesse nicht nehmen, vor allem nicht sein literarisches Niveau, das Wiener Caféhäusern (denen von früher, wohlgemerkt!) weit näherstand als einer fragwürdigen Moderne: »Wo mir TV-Direktoren, die auf ihre zwei Prozent gute Programme verweisen, wie Mafiabosse vorkommen, die für SOS-Kinderdörfer spenden.«

Er präsentierte messerscharfe Beobachtungen im irritierenden Maßanzug, er blieb im guten wie anstrengenden Sinne altmodisch. Aus einer Zeit kommend, da noch nicht so unverträglich viel Wahrheit zur Meinung geworden war. Als noch gelacht und nicht nur gefeixt wurde. Schneyder war aus tiefstem Anstand heraus giftig, aber er hat immer gewusst, dass Kabarett bei aller Angriffsfrechheit eine Veranstaltung der Übereinkunft bleibt: Der Applaus kommt auch von jenen, die gemeint sind. Aber nie ist er der Verführung erlegen, sein Niveau dort hinabzusenken, wo Politiker Kritik an ihrer Arbeit wohlgefällig als Werbung genießen. Und nie hat sich eingelassen auf den ausgestellten Zynismus überreizter, unglücklicher Altlinker.

In der Münchner »Lach- und Schießgesellschaft« hat er gegen Wiederbewaffnung, gegen Altnazis als Neodemokraten gekämpft, gegen Adenauer, für Brandt. Viel erreicht - aber eines Tages reichte es: Auch die SPD war CDU geworden; Bildung als Vermögen wurde weniger wert denn Vermögensbildung, und das Fingerspitzengefühl der Demokratie hatte sich in die Ellenbogen zurückgezogen. Im Jahre 1995 gab er seinen kabarettistischen »Abschiedsabend«. Wer ihn erlebte, sah einen Mann, der mit geradezu utopischer Bedächtigkeit, dann wieder mit beinahe brutalem Schwung resümierte: Es ist Erntezeit (so der Titel eines späteren Buches). Kabarett hat er danach nicht wieder gemacht, aber mit Alt-Freund Dieter Hildebrandt ging er doch wieder auf die Bühne (»Sonny Boys«).

Im Grunde seines Selbstverständnisses blieb der Schriftsteller Schneyder - bekennender Liebhaber der Barocklyrik, besonders Friedrich von Logaus - ein Melancholiker. Der sehr direkt daherkommen, aber zugleich sehr keusch wirken konnte. Seine erzählerische Bitterkeit achtete auf Raum für versöhnendes Sentiment. Wer seine aufregenden, vertrackten, verschmitzten Erzählungsbände »Das Gefährliche in der Kunst« und »Karrieren« liest, weiß um die Leiden jener, die sich Höherem verschreiben, weil sie in Wahrheit zu klein und zu gering sind für eine ungeschlachte Welt. Wenn man Schneyder schulterstark und aufragend daherkommen sah, wusste man: Das »y« im Allerwelts-Namen macht’s.

Der 1937 im österreichischen Graz Geborene war Kaufmannssohn (»Der wichtigste Satz meiner Mutter war: ›Was werden nur die Leute sagen!‹ - das habe ich früh verachten gelernt.«). Er schrieb für Zeitungen, schickte Gedichte ein (»Ein gewisser Enzensberger teilte mir niederschmetternd mit, ich sei weder sprachlich noch intellektuell geeignet für die Poesie.«). Er studierte Publizistik und Kunstgeschichte, 1974 begann die Bühnenlaufbahn. »Talktäglich« hieß das Start-Programm mit Hildebrandt. Es folgten unzählige Brettl-Auftritte und erfolgreiche Soli. Schneyder war der erste »nichtkommunistische Kabarettist« auf DDR-Gastspielreise. Er sagte das, was anderen verboten war. »Ich hatte die Macht der Mikrobe.«

In Los Angeles, Seoul und Barcelona kommentierte der 1,96-MeterMann olympische Boxturniere. Seine Stärke war die intellektuelle Distanz, am liebsten »gesprochen von der Höhe eines Barhockers«. Im »Ausgefallenen Sportstudio« versuchte er spöttisch-feuilletonistische Betrachtungen, bis das ZDF diese Art des routinewidrigen Journalismus wirklich ausfallen ließ. Indem es die Sendung absetzte und so dem Zorn Schneyders auf mediale Selbstbeschneidung dauernde Nahrung gab. Zu seinen rhetorischen Ausrutschern zählte er - es war während des Balkankrieges - den Abschlusskommentar zu den Olympischen Spielen in Barcelona 1992. Den unerträglichen Show-Radau im Stadion quittierte er mit dem Satz: »In Dubrovnik ist es leiser.« Das Zynische ist unbeliebt, weil es wahr ist. »Ach, ich hatte mich übers ZDF geärgert und ein wenig getrunken.«

Er war Kabarettist, Schauspieler, Dichter, Regisseur, Sänger, Liedtexter, Aphoristiker, Übersetzer, Stückeschreiber, Essayist, Reporter, Kolumnist - ein Allrounder. »Man muss von nichts eine Ahnung haben, wenn man nur einen untrüglichen Instinkt für Qualität hat.« Als Autor blieb er stolz darauf, »ganz konservativ« in Reimen zu dichten und in zwei alte Schreibmaschinen hineinzutippen. Er mochte nicht jene computerbewehrten Netzwerk-Gefangenen, die von Software zu Software hetzen, die immer mehr Wissen anhäufen - aber deshalb kein Quäntchen talentierter werden. Er stand gern auf Brücken. Wegen der Feinde, die man, wie ein chinesisches Sprichwort sagt, irgendwann vorüberschwimmen sieht. Ein Mann zwischen allen Stühlen - aber mit dem haltbaren Ehrgeiz, dennoch auf jedem ein wenig Platz zu nehmen. Bei allem, was er himmlisch gut tat, passte er doch höllisch auf, dass seine Kompetenz nie Oberhand gewann über dilettierende Lust. »Meine zwölf Leben« betitelte er seine Erinnerungen. Nun ist Werner Schneyder im Alter von 82 Jahren in Wien gestorben.

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