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Lachen lernen

Andreas Koristka über Annegret Kramp-Karrenbauer als Teelicht in der deutschen Schmunzelwüste

  • Von Andreas Koristka
  • Lesedauer: 3 Min.

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Wir Deutschen sind nicht gerade berühmt für unseren Humor. Deshalb ist es so erfrischend, dass Annegret Kramp-Karrenbauer bei ihrem Auftritt vor dem »Stockacher Narrengericht« der Welt bewies, dass man in Deutschland noch lachen kann. Ja, lachen muss! Die Frage ist nur, worüber. Nicht alle sind so humoristisch geschult wie die CDU-Chefin, die sich für ihren Auftritt offenbar als sie selbst verkleidete. In diesem Kostüm brachte sie dann ein Transgender-Witzchen dar. Mehr Metaebene, mehr Ironie geht nicht!

Auch der Witz selbst ist an Feinsinnigkeit kaum zu übertreffen. Denn Kramp-Karrenbauer hat gut beobachtet, dass sie in der Hauptstadt zum Pissen zu doof sind. AKK: »Wer war denn von euch vor Kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen wollen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder noch sitzen müssen. Dafür, dazwischen, ist diese Toilette.«

Um die Pointe zu verstehen, muss man schon einmal in Berlin gewesen sein. Dort uriniert nämlich nach althergebrachter Sitte die Acht-Bier-Fraktion nicht in Toiletten, sondern vielmehr in jeden beliebigen Hauseingang oder in die Fahrstühle der Bahnhöfe. Wenn man in Berlin unsicher ist, ob man sich als Mann auf der Toilette hinstellen soll, dann lässt man es im Zweifelsfall einfach in die Polster des U-Bahn-Sitzes laufen. Es ist deshalb per se witzig, wenn Kramp-Karrenbauer suggeriert, an der Spree gehe es bei der Toilettenwahl komplizierter zu, als es im Rest der Republik üblich wäre.

Aber der Witz kann noch weiter aufgedröselt werden: Wenn es in Berlin tatsächlich so viele Unisex-Toiletten geben würde - warum sollten Männer dann überlegen, auf welche sie gehen sollten, um im Sitzen oder im Stehen zu pinkeln? Denn es würde ja nur eine Toilette für alle existieren. Und angenommen, es würde tatsächlich drei Arten von Toiletten geben, warum sollten dann Männer auf die dritte gehen und nicht einfach auf die Männertoilette? Wer diese Fragen nicht beantworten kann, hat die Lustigkeit leider nicht mit Löffeln gefressen. Er wird niemals verstehen, warum es witzig ist, wenn eine verstockte Provinzlerin auf einer Bühne - umgeben von Herren in Fantasieuniformen - mit zitternder Stimme versucht, sich über Intersexualität lustig zu machen und dabei demonstrativ auf die Damenbartrasur verzichtet. Er wird nie begreifen, was daran komisch ist, dass der arme Altmaier dabei in der ersten Reihe sitzen und möglichst lauthals mitlachen muss.

All diesen humorlosen, innerlich verhärmten Knispeln sei gesagt: Das ist eben der Karneval und nur im Karneval darf man das sagen, was man das ganze Jahr ohnehin schon denkt und das ganze Jahr auch sagt. Dabei spielt Alkohol natürlich auch eine Rolle. Und so zielsicher die Pointen auf der Bühne auch sein mögen: Auf dem Herrenklo des »Stockacher Narrengerichts« ist es tatsächlich nicht angeraten, sich zu setzen!

Doch anstatt die frischgebackene CDU-Chefin anzufeinden, sollte man ihr Karnevalsengagement würdigen. Diese Frau ist Humorpionierin in der deutschen Schmunzelwüste, in der sich die Heiterkeit seit den gelegentlichen Parteitagswitzen von Joseph Goebbels nur mühsam weiterentwickelt hat. Daran gilt es, sich zu erinnern, bevor man die Frau wieder mal angiftet. Man muss doch auch darauf achten, wer etwas sagt. Natürlich ist es auf den ersten Blick nicht komisch, wenn jemand behauptet, die gleichgeschlechtliche Ehe würde Sodomie und Inzest Tür und Tor öffnen, wie es AKK einst zu Protokoll gab. Aber wenn das jemand sagt, der aus dem Saarland kommt, dann wird es lustig!

Dieser Tiefsinn erschließt sich nicht jedem. Aber gottlob gib es noch die Menschen, die nicht wissen, ob sie noch lachen dürfen oder schon lachen müssen. Für diese Leute gibt es die Faschingsreden von Annegret Kramp-Karrenbauer.

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