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Hinunter in den Kaninchenbau

Allein vor dem Badezimmerspiegel: Die Netflix-Serie »Matrjoschka« gibt Einblick in die menschliche Düsternis

  • Von Samuela Nickel
  • Lesedauer: 4 Min.

Eine Fluppe im Mund, ein Glas in der Hand, ein Joint mit Kokain - nein Ketamin: Das ist Nadia. Was sich anhört wie das Leben eines Beat-Autors, ist hier mal zur Abwechslung das einer Frau, genauer das einer Protagonistin einer Netflix-Serie. All das Lone-Wolf-Gehabe, das Stark-, Alleine- und Unabhängigsein wird in »Matrjoschka« von Nadia Vulvokov mit jeder Faser gelebt. So abgelutscht es klingt: Eine Serie deswegen gut zu finden; so eine Figur als Neuigkeit für die Sehgewohnheiten zu empfinden, ist irgendwie traurig - leider sind solche Hauptrollen noch immer die Ausnahme. Produziert wurde die Serie von Amy Poehler (von der auch »Broad City« stammt), Leslye Headland und Natasha Lyonne, die die Hauptfigur spielt. Ihr Gefluche, ihre Sprüche - die Serie lebt von Lyonnes Darstellung. Schon in »Orange is the New Black« hatte sie als gescheiterte, sympathische Kriminelle ordentlich für Stunk gesorgt - mit einer großen Klappe und dem Herz am rechten Fleck.

In »Matrjoschka« werden die von ihr an den Tag gelegten, meist als männlich konnotierten Verhaltensmuster aber nicht als das Nonplusultra des schönen Lebens gezeigt: Nadia hat ganz schön zu knabbern. Unfähig, wirklich jemandem nahezukommen, bedingt durch die problematische Kindheit mit einer psychisch labilen Mutter, durchlebt sie, sobald sich jemand auf sie einlässt, ihr Trauma immer wieder von Neuem. Sei es in einer romantischen Beziehung oder auf einer eigens für sie geschmissenen Geburtstagsparty: Sie geht.

Am Abend ihres 36. Geburtstages stirbt Nadia. Und steht kurz darauf wieder vor dem Badezimmerspiegel auf ihrer Party - und stirbt wieder. Bis sie merkt: Sie ist in einer Zeitschleife gefangen. Dann stirbt sie noch ein paar Mal.

Um dahinterzukommen, warum sie in dieser Schleife feststeckt, spielt Softwareentwicklerin Nadia im Verlauf der Serie unterschiedliche Theorien durch: War es das Ketamin? Oder doch ein Fluch ihrer Vorfahren - Holocaust-Überlebende -, weil die Feier in einer ehemaligen jüdischen Schule stattfindet? Aber alle Thesen enden in der Sackgasse. Am Ende des Tages stirbt Nadia wieder. Als ein Fahrstuhl abstürzt und alle Insassen in den Tod reißt, bleibt außer ihr aber noch jemand entspannt. Zu entspannt. Von da an versuchen Nadia und Alan gemeinsam, ihre Zeitschleifen zu durchbrechen.

Die Serie spielt viel mit Symbolen und Metaphern: Alan taucht zunächst als zarte Komplementärfigur zur harten Nadia auf: Er will heiraten, sucht Nähe und Geborgenheit, sorgt für absolute Ordnung und reibungslose Abläufe. Doch auch hier flackert das nach außen getragene Bild heftig: Alan weigert sich, trotz Wutausbrüchen und selbstverletzenden Verhaltens, eine Psychotherapie zu machen, aus Angst, als verrückt angesehen zu werden. Die vergebliche Flucht vor der eigenen Vergangenheit, respektive traumatischen Kindheitserfahrungen, wird in »Matrjoschka« mit den tausend Toden der Protagonisten symbolisiert. Nadia flieht in Rausch, in Sex mit Fremden und in alle Drogen, die es gibt - Hedonismus bis zur Bedeutungslosigkeit und Nihilismus bis zur Todessehnsucht. Alan flüchtet sich in andere hinein. Bis es nicht mehr weitergeht. Bis sie nicht mehr den nächsten Tag erleben dürfen.

Während sich Nadia und Alan immer und immer wieder mit dem gleichen Tag konfrontiert sehen (Geburtstagsparty, Hochzeitsantrag), geht die Zeit um sie herum weiter. Nach und nach beginnt alles zu verwesen: Obst schimmelt, Partygäste verschwinden und Blumen welken. Das bringt zeitliche Spannung in die surreale Handlung: Da die Welt um sie herum leerer und düsterer wird, müssen sie schleunigst eine Lösung finden.

Das über allem schwebende Gefühl eines drohenden Schicksals in »Matrjoschka« ist das, was lange unausgesprochen bleibt: Suizid. Nadia bezeichnet sich und Alan als »the broken man and the girl with a death wish«. Alan ist da poetischer: »I’m stuck with a body that is broken, in a world that is literally falling apart, and a mind that wants to kill me.« So wie die beiden denselben Tag und Tod »durchleben«, gleicht diese Zeitschleifenvorhölle doch eigentlich auch nur dem Leben, das die beiden vor dieser Spirale geführt haben: Same shit, different day - garniert mit Selbsthass, Klimawandel, Menschenfeindlichkeit und Wirtschaftskrise. Eigentlich waren beide doch schon längst tot.

Folge für Folge wird nicht nur das Leben von Nadia und Alan, sondern auch das der Nebenfiguren decodiert, bis nur noch die kleinste Matrjoschka-Puppe übrig ist: Wer seinen Verletzungen nicht entkommt, seiner Vergangenheit doch wieder an jeder Straßenecke begegnet, der geht irgendwann nicht mehr weiter.

Um ihr Trauma zu verarbeiten - und ihr Leben weiterführen zu können, jenseits von Zeitschleifen und destruktivem Verhalten - muss sich Nadia den Geistern der Vergangenheit stellen, die sie noch immer heimsuchen. »Matrjoschka« gibt diesem allzu menschlichen Komplex Raum, ohne aber die Zuschauer*innen damit alleine zu lassen. Dass die Serie nicht ins Beklemmende abrutscht, dafür sorgt Nadia mit ironischem Witz, derbem Zynismus und ordentlich Haltung.

Verfügbar auf Netflix

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