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Abschied von Utopia

Dem Dichter Günter Kunert zum 90. Geburtstag

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Dieser Dichter ist ein Schattenkundler, ein Vergänglichkeitskenner. Er ist ein Eichmeister der Skepsis. Der aber nie fatalistisch schrieb, sondern nihi-listig. Er hielt Gleichmut durch, ohne zynisch zu werden. Seine Bosheit war stets die des intelligenten Witzes, und der Witz ist allemal die souveräne Ausdrucksform der Hilflosigkeit. Zuletzt erfahrbar in den Aufzeichnungsbänden »Tröstliche Katastrophen«, »Botschaft des Hotelzimmers an den Gast«, »Die Geburt der Sprichwörter«.

»Ohne Umkehr« heißt Günter Kunerts jüngstes Buch: wieder Aphorismen, Denkbilder, Beschreibungen. Herz- und kopfdiagnostische Stenogramme. Lebens Lauf: Etwas, das man nicht wirklich begreift, und just deshalb - so der Dichter - wirken diese Bescheidwisser, diese Klassenkampfsystematiker, diese Ideologieprogrammatiker so traurig ehrpusslig und bleiben außerhalb ihrer eigenen Kreise oft enorm wirkungslos. »Nichts ist schwerer, als vor sich selbst ehrlich zu sein.« Gern und entsetzt betrachtet Kunert sehr alte Fotos. Wurden diese Menschen auf den Bildern »deportiert, umgebracht, erschossen? Wieso sind die Menschen auf dem Jahrmarkt so fröhlich, wo doch gestern noch das Grauen herrschte?«

Der 1929 Geborene, vor langem schon von Berlin nach Schleswig-Holstein gezogen, streift in seinen Gedichten durch antike und andere von Geschichte gestaltete Trümmer. Wohin er schaute, wo immer er stand: Enttäuschung arbeitete ihm Energien zu, wie Hoffnung sie nie herbei zu schaufeln vermag. Lust auf Zukunft vertrug sich augenzwinkernd mit kräftiger Abneigung gegen Glücksversprechen. Wenn das erfüllte Leben eine Balance zwischen lauter Unverträglichkeiten ist, dann balanciert Kunert seit eh und je königlich leicht.

Er hat in seinem langen Dichterleben erzählende Prosa geschrieben, Filmdrehbücher, Hörspiele, Reisetagebücher, aber seine Domäne waren neben den Essays stets die Gedichte. Und die literarische Miniatur, also das fragende, fragile Notat oder das kristallin gebaute Gleichnis. Als erarbeite sich da einer, mit Texten von der flüchtigen Schönheit und dem harten Schrecken gewisser Momente, einen Wesenskern von Dauer.

Für den Sohn aus einer Ehe, die im Dritten-Reich-Jargon »Mischehe« hieß, begann schon früh das, was er später »eine staatlich verpfuschte Kindheit« nannte. Die DDR lieferte ihm dazu den staatlich verpfuschten Traum von besseren Verhältnissen. So entstanden Gedichtbandtitel wie »Abtötungsverfahren«, »Fremd daheim«, »Abschied von Utopia«, »Ohne Botschaft«. Oder: »Als das Leben umsonst war«. Umsonst? Nicht zu verwechseln mit: vergeblich!

Die Nazizeit: bei ihm ein lebensrettender Isolationszwang. Vielleicht eine Prägung für kommende Hypochondrie. Die bei ihm ausbrach, wenn es um Gruppenkonsens und das »Gemenge gleichgearteter Kumpanei« ging. Der junge Kunert war 1948 in die SED eingetreten, er hatte Graphik studiert. Ein Geförderter: Becher, Brecht. Mit »Wegschilder und Mauerinschriften« begann die Lyrik-Laufbahn. Treffliche Lehrgedichte wider die Gläubigkeit in reinen Lehren. Was bewog ihn, in der DDR ganz selbstverständlich »am großen Werk des Geschichtswandels« teilzunehmen? Es war die Faszination, die der praktische Marxismus auf viele Künstler und Intellektuelle ausübte. Allmählich aber, unter wachsenden Anfeindungen, sieht sich Kunert zur Konsequenz gedrängt: »Unabdingbar gilt, im Einklang nur mit sich selbst zu sein.« Denn der Marxismus war und blieb eine Kraft, die bei ihren Beschwörungen der befreiten Menschheit nichts anzufangen weiß mit den seelischen Untiefen des Einzelnen. Wo man sich einer Sache hingegeben habe, sagt Kunert, müsse die Frage zugelassen sein, ob man mit einem Übermaß an Disziplin und Gehorsam nicht auch »einen Teufelspakt auf selbstverschuldete Unmündigkeit« schloss.

1968: Walter Ulbricht steht auf, verlässt mit seinem Tross das Berliner Kino »Kosmos«, bevor sich der Vorhang überhaupt öffnet: skandalöse Premiere von Egon Günthers DEFA-Film »Abschied« nach Johannes R. Becher; Kunert hatte das Drehbuch geschrieben. Der Autor in seinen Erinnerungen »Erwachsenenspiele«: »Teils ist es erstaunlich, teils befriedigend für uns, festzustellen, wie nahtlos sich diese Regierung und ihr Militär mit der Herrschaft des Wilhelminischen Reiches identifiziert.«

Zwei Jahre später, Parteileitung des Schriftstellerverbandes Berlin. Kunert wird hinzitiert, in diesem »Gespräch« erfährt der Schriftsteller: »Biermann kann die DDR nicht kaputtmachen, auch Stefan Heym kann die DDR nicht kaputtmachen und auch Kunert nicht. Aber die DDR kann Kunert kaputtmachen!« Bis dahin hatte der privilegierte Reisende (grandios: »Englisches Tagebuch« und »Der andere Planet«, ein USA-Tagebuch) schon Einiges an Schikane hinter sich. Und bis zum Wechsel in den Westen, 1979, auch noch einiges vor sich. Bereits im Dezember 1962 hatten nach dem experimentellen Fernsehfilm »Fetzers Flucht« im ND »wachsame« Leser gemeint: Wer so was verfasse, sei ein Fall für die »Nervenheilanstalt«. Das liebte der im Stalinismus sich verdichtende Leninismus: Eigensinn in die Krankheit zu drängen; Steigerungsform: der ungehorsame Mensch als Schmeißfliege, als Schädling.

Zwischen Enthusiasten von Weltveränderung oder ebenso ehrgeiziger Gegenaufklärung saß Kunert stets beruhigt bei seinen Katzen. Das norddeutsche Refugium Kaisborstel: hoher Himmel statt hoher Ziele. Immer strahlte er etwas aus, das einer Mischung von Eulenspiegel und Dünnhaut nahe kam. Eine Bärenkraft an Ohnmächtigkeit sozusagen. Ein sensibel selbstironischer Mensch, ständig in Konflikt mit Lebensumständen, die von anderen bestimmt werden. Das kann freilich auch die Sehnsucht befördern, hart und unversöhnlich zu sein. Kunert wurde es, nach Ende der DDR, in einem wesentlichen Punkt: gegen IMs, gegen ganz bestimmte Autoren im Nachwende-PEN. Die am Ende ihres Lateins ins Machtlose gestürzt waren und nun rasch die westdeutschen Besatzer herbeiprojizierten, »um sich der eigenen Person als eines zu Unrecht Verfolgten zu versichern«. Die alte Erfahrung: Immer müsse »die Wahrheit aus Verantwortungsträgern, aus Spitzeln und anderen Zuträgern herausgetrieben werden. Bei mir hat keiner dieser sophistischen Wortedrechsler geklingelt und um ein Gespräch gebeten.« So Kunert in einem »nd«-Interview, im November 2002.

Auch in der Bundesrepublik blieb er der spröde Einsame, der clowneske Melancholiker, der Troll. Wenn er einen weisen Rat hatte, dann diesen: »Seien Sie vorsichtig bei Weltuntergängen.« Kunert steigerte sich zum Sisyphos, der den Stein nicht mehr wälzt, sondern sich fröhlich abwinkend auf ihn setzt und von da aus ins wärmende Licht blinzelt. Loslassen ist nicht das Ende der Verhaltenskunst, sondern eines ihrer schönsten Kapitel. Abschied kommt nicht nach dem Willkommen, sondern ist ein Willkommen.

Im erwähnten jüngsten Band »Ohne Umkehr« ist er noch einmal der große Verdichtungsakrobat. »Wieso eigentlich Muttersprache und Vaterland statt Vatersprache und Mutterland?« - »Alle Freundschaftsdienste werden mit Lügen bezahlt.« - »Die Mitteleuropäer werden heutzutage alle so alt, weil in allen Lebensmitteln Konservierungsstoffe enthalten sind.« - »Wer nicht an den Teufel glaubt, kann kein echter Atheist sein.« Diese Literatur geht auf Wanderung dorthin, wo unser Werden und Sein ohne jenes Garantieversprechen stattfindet, sie müsse gut ausgehen. Das Leben: ein weites Land - aus Folien. Anmutige Gegenden sehen anders aus. Das Festgelegte in einem Charakter, dies Unwandelbare in einem Naturell - es summiert sich in Kunerts Texten zu einem kantenscharfen Stück Polemik gegen den routiniert betriebenen Aufklärungsirrtum, das Kennzeichnende an sozialen Verhältnisse sei deren Durchschaubarkeit.

Der Dichter streift durch die Erscheinungen, hebbelnah, montaigneverwandt; er steht auf einsamer Warte, die nicht zu vergesellschaften ist. Zuversicht? O ja, unbedingt. Denn es existieren ein paar Grundkonflikte, auf deren Unlösbarkeit man sich unbedingt verlassen kann. »Im Museum der Weltgeschichte/spreizt sich der Plunder/ und bezeugt den Triumph/ der Hülle«. Soll man nicht dennoch ein Aufwärts erhoffen? Der Poet warnt: Fortschritt in der Geschichte bedeutet - aller Erfahrung nach - stets einen Rückschritt in der Geschichte des Denkens. Heute wird Günter Kunert 90 Jahre alt.

Günter Kunert: Ohne Umkehr. Wallstein Verlag Göttingen. 170 S., geb., 20 Euro.

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