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Mit Weibern werben

Unternehmen scheitern an dem Versuch den Weltfrauentag für ihre Reklame auszunutzen

  • Von Katharina Schwirkus
  • Lesedauer: 4 Min.

Wir kennen das und es nervt. Schon letztes Jahr gab es in Deutschland einige Unternehmen, die versuchten, den Frauenkampftag für ihre Werbung auszunutzen. Wir erinnern uns an die Kampagne von Rossmann. Die größte Filiale der Drogeriemarktkette in Hannover wurde für kurze Zeit in »Rossfrau« umbenannt. Zudem gab es ein Video, in welchem alle nur denkbaren Klischee-Frauenbilder bedient wurden. Auf dem Nachrichtendienst »Twitter« benutze Rossmann den Hashtag #lasstDieFrauRaus, um seine Produkte anzupreisen.

Dieses Jahr versuchen sich noch mehr Unternehmen darin, nette Sprüche zu twittern oder in Plakaten zu verwerten, um vorzugeben, der Weltfrauentag sei ihnen wichtig. Den Vogel abgeschossen hat bisher die Immobilienfirma Engel & Völkers. Sie twitterte ein Foto mit fünf Männern und schrieb dazu: »der Vorstand spricht über weibliche Vorbilder«.

Auf Anfrage des »nd«, ob sich das Unternehmen mit dem abgebildeten, rein männlichen Vorstand nicht an die Frauenquote halte, sagte die Pressesprecherin Bettina Wittgenstein: »Das wird sich sicherlich im Laufe der Zeit ändern. Aber wir haben momentan keine Einstellung geplant.« Zudem bedauerte sie, dass mehrere Medien negativ über das Unternehmen berichtet hatten. »Es gab genügend positive Beispiele über Frauen in Führungspositionen in unserem Unternehmen, die nicht aufgegriffen wurden«, so Wittgenstein. Tatsächlich finden sich auf dem Twitterkonto von Engel & Völkers auch Verweise zu Interviews mit Mitarbeiterinnen auf der Homepage des Unternehmens. Doch die machen es nicht unbedingt besser. So erzählt Wittgenstein dort selbst, dass sie der Vorstandschef Christian Völkers »überredete« zum Unternehmen zu kommen. Eine weitere Frau berichtet auf der gleichen Seite, dass sie durch »einen Freund von Christian Völkers« für ihre Stelle vorgeschlagen wurde. Eine dritte Geschichte, die auf Twitter mit den Worten »Lernen Sie die bedeutendsten Architektinnen aller Zeiten kennen« angekündigt wird, ist nicht abrufbar.

Etwas klüger als Engel & Völkers hat es der Essenslieferdienst Lieferando angestellt. In Berlin, wo der Frauentag seit diesem Jahr ein gesetzlicher Feiertag ist, wirbt Lieferando aktuell mit Plakaten, auf denen freche Sprüche von Frauen stehen. So heißt es etwa: »Schatz, wird etwas später, ich übernehm noch kurz die Firma, bestell dir doch schonmal etwas«, oder: »Schatz, warte nicht auf mich, ich brech noch eben Rekorde«. Eric Schmidt-Mohan von der Agentur On Time-PR begleitet die Werbekampagne. Gegenüber »nd« erklärt er: »Es handelt sich nicht nur um wahllose Frauenaussagen, sondern sie schließen immer auf ein Berufsfeld, in dem Frauen unterrepräsentiert sind.«

Man könnte auf den Gedanken kommen, Frauen würden bei Lieferando besser behandelt, als anderswo, doch weit gefehlt: Nina, die im Kundenservice in Berlin tätig ist und »aus rechtlichen Gründen« ihren Nachnamen nicht nennen darf, weiß nicht, ob sie für ihre Schicht am achten März einen Zuschlag bekommt. Auf Anfrage des »nd« erklärte die Mitarbeiterin, dass sie am Freitag eingeteilt sei. »Im Kundenservice muss halt immer jemand da sein, auch wenn es ein Feiertag ist«, so Nina. Lieferando beantwortete die Frage selbst mit den Worten: »Da der Frauentag ein neuer Feiertag ist, war es uns nicht möglich, rechtzeitig für dieses Jahr einen Aufpreis für unsere Fahrer zu erheben. Dies wird jedoch für das nächste Jahr erwartet.«

Verballhornung des Feiertags in Berlin

In vielen Berliner Supermärkten gibt es derzeit Werbung, die an den Muttertag erinnert: Männer werden dazu aufgerufen, ihren Partnerinnen Blumen zu schenken. Und es geht noch schlimmer: In allen REWE-Supermärkten gibt es Aushänge, dass es »keinen Grund zur Sorge« am Weltfrauentag gäbe, denn die Supermärkte im angrenzenden Brandenburg seien geöffnet. Man könnte es als eine Einladung an Familien und Frauen lesen, den freien Tag zum Einkaufen zu nutzen. Nadja Keller von der REWE-Group sagte dem »nd«, es sei »eine Anweisung des Verbtriebs gewesen«, den Hinweis in allen Märkten in Berlin aufzuhängen.

Das Gute im Schlechten sehen

Die blöde Werbung kann man, oder besser Frau, jedoch auch positiv sehen: Das Beispiel von Lieferando zeigt, dass feministische Forderungen im Mainstream ankommen. Vielleicht regen sie sogar eine Mitarbeiterin wie Nina dazu an, am achten März nicht bei der Arbeit zu erscheinen, sondern für den Feiertagszuschuss auf die Straße zu ziehen. Dort könnte sie sich gemeinsam mit Tausend anderen Frauen für weitere Forderungen einsetzen, auf welche die Werbe-Sprüche von Lieferando anspielen, so zum Beispiel, dass Pflege- und Hausarbeit als Arbeit anerkannt wird und Frauen die gleichen Chancen wie Männer erhalten, in Führungspositionen aufzusteigen.

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