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Im Kino des Klassenkampfes

Das Frauenfilmkollektiv labournet.tv widmet dem Streik ein Internetportal.

  • Von Vanessa Fischer
  • Lesedauer: 4 Min.

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In Poznań verschaffen sich an diesem Tag Hunderte Frauen mit Trillerpfeifen und Tröten Gehör. Ein Echo hallt durch die Straßen der Stadt im Westen Polens: »Wir lassen uns nicht einschüchtern! Wir stehen für uns ein!« Die Frauen schwenken Plakate und Transparente, auf denen Forderungen stehen wie »Frauen gegen Ausbeutung« oder »Kindergärten statt Stadien«.

Es ist eine ermutigende Szene im Kampf der Erzieherinnen um existenzsichernde Löhne und bessere Arbeitsbedingungen in dem EU-Land. Zu sehen ist all das in dem Film »Der Frauenstreik geht weiter« im Internet, auf der Homepage von labournet.tv.

labournet.tv ist ein »Onlinearchiv für Filme aus der Arbeiter_innenbewegung - alten und neuen - aus allen Teilen der Welt«. So beschreiben die Betreiber*innen der Plattform, drei filmende Frauen, sich selbst. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen die »Situation der Lohnarbeiter_innen, ihre Selbstorganisierung, historische und aktuelle Arbeitskämpfe und gesellschaftliche Alternativmodelle«. Die Plattform liefert einzigartige Dokumente eines Arbeitskampfes, der in Deutschland kaum bekannt ist.

Genau das brachte die Regisseurin Johanna Schellhagen 2011 auf die Idee, labournet.tv zu gründen. »Die Perspektive von Lohnabhängigen weltweit ist komplett unterrepräsentiert«, sagt Schellhagen im Gespräch mit »nd«. »Das trifft auf die Arbeitsbedingungen zu, vor allem aber auch für die Arbeitskämpfe.« Wenn es um Arbeitskämpfe gehe, dann werde in den Medien meist nur die Sicht der Gewerkschaften oder die der Unternehmen gezeigt. »Für eine gute und breite Mobilisierung ist es aber entscheidend, dass sich die Lohnabhängigen darüber bewusst sind, wie viel Macht sie eigentlich haben«, sagt Schellhagen. Dass überall auf der Welt ständig Streiks stattfinden und diese gar nicht so selten gut funktionieren, darauf will das Filmkollektiv aufmerksam machen.

Im Onlinearchiv gibt es Streik- und Protestfilme aus der ganzen Welt. Historische Zeugnisse sind ebenso zu finden wie Beispiele aktueller Kämpfe. Im Zentrum stehen dabei die Perspektiven der Lohnarbeitenden selbst, ihre Organisierung sowie gesellschaftliche Alternativmodelle. Die Filme erzählen von Emanzipation und Solidarität, ermutigen zum eigenen Handeln und transportieren - nah und authentisch - die Atmosphäre ferner Arbeitskämpfe. Labournet.tv sammelt die Filme, untertitelt sie und stellt sie kostenlos online zur Verfügung. Bisher umfasst das Archiv etwa 800 Videos aus 54 Ländern, vom Ein-Minuten-Handyclip bis zu abendfüllenden Dokumentationen. Es werden ständig mehr.

Die Geschichte der feministischen Streikbewegung beginnt in Schwarz-Weiß mit dem US-amerikanischen Spielfilm »Salt of the Earth« von 1954. Dieser Film des Regisseurs Herbert J. Biberman zeigt, wie Frauen Streikposten übernahmen, nachdem den Minenarbeitern in New Mexiko das Streiken gerichtlich untersagt worden war. Ein Schritt, der schließlich dazu führt, dass sie sich von ihrer Rolle als unterdrückte und rechtlose Hausfrauen emanzipieren.

Etwa 20 Jahre später, 1973, dokumentiert der Film »Pierburg - Ihr Kampf ist unser Kampf« den wilden Streik bei der Automobilzulieferfirma Pierburg-Neuss, bei dem sich migrantische und einheimische Frauen miteinander solidarisierten. Der Streik war erfolgreich und führte zur Abschaffung der »Leichtlohngruppe II«, in der nur Frauen beschäftigt waren.

Unter den neueren Filmen findet sich unter anderem die 27-minütige Dokumentation »Two Years More« von 2006 über eine philippinische Hausarbeiterin in Hongkong. Oder der Film »Poto Mitan« (2009), in dem fünf Arbeiterinnen auf Haiti von ihrem Leben erzählen und auf diese Weise eine genaue Beschreibung davon geben, wie der neoliberale Kapitalismus ihre Heimat zerstört. Die Filme sind nach Ländern und Arbeitsbranchen geordnet und können thematisch mit Tags wie etwa »Feminismus« gefunden werden.

Im Mai 2014 setzte sich das Filmkollektiv in einer Reihe von Gesprächen und Interviews mit der Rolle des Mediums Film in Arbeitskämpfen auseinander. Zentral war dabei die Frage nach der Trennung und möglichen Interessenskonflikten zwischen Filmemacher*innen und den Arbeiter*innen. Inspiration fanden sie schließlich auch in dem Projekt des französischen Schriftstellers und Dokumentarfilmers Chris Marker. Dieser hatte 1967 den Kampf der Fabrikarbeiter*innen in Besançon gefilmt. Bei einer Aufführung des daraus entstandenen Dokumentarfilms »À bientôt, j’espère« (»Bis bald, hoffentlich«) in der Fabrik kritisierten die Arbeiter*innen den Film scharf. In der Folge wurde die sogenannte Medwekin-Gruppe ins Leben gerufen: Die Arbeiter*innen filmten ihren Alltag selbst, nur mit technischer Unterstützung der Filmemacher.

Dass die Filmbranche oftmals nicht nur klassistisch, sondern auch männerdominiert und sexistisch ist, davon kann Regisseurin Schellhagen ein Lied singen. Früher war auch sie dort tätig. Dann gründete sie labournet.tv zusammen mit einer Mitstreiterin; vor einem halben Jahr kam eine dritte Kollegin dazu. Schellhagen sagt: »Frauen haben untereinander oft einen viel wertschätzenderen Umgang. Ich glaube es ist deshalb sehr wichtig für Frauen, ihre eigenen Projekte zu gründen.«

Im Vorfeld des Frauenstreiks hat labournet.tv mehrere Veranstaltungen in Berlin organisiert. »Uns war es wichtig, die Perspektive lohnabhängiger Frauen in schlecht bezahlten Jobs in die feministische Debatte einzubringen«, so die Kollektivgründerin. Die Situation einer Frau, die 40 Stunden die Woche im Supermarkt arbeitet, sei nicht die gleiche wie die einer Akademikerin in einem gut bezahlten Job mit weniger Stunden. Trotz ihrer filmischen Ambitionen und der Veranstaltungen im Vorfeld des Frauenstreiktags - am 8. März will Schellhagen streiken.

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