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  • Politik
  • Internationaler Frauentag

Und dann steht die Welt still

Am 8. März sollen und wollen Frauen in Deutschland streiken.

  • Von Lotte Laloire und Marie Frank
  • Lesedauer: 3 Min.
Zum internationalen Frauentag 2018 demonstrierten etwa Tausend Frauen und Mädchen für ihre Rechte vom Hermannplatz zum Oranienplatz. In diesem Jahr rufen Frauen auch in Deutschland zum Streik auf.
Zum internationalen Frauentag 2018 demonstrierten etwa Tausend Frauen und Mädchen für ihre Rechte vom Hermannplatz zum Oranienplatz. In diesem Jahr rufen Frauen auch in Deutschland zum Streik auf.

Frauen in den USA, in Spanien, Argentinien und Polen haben es vorgemacht: Sie sind zu Hunderttausenden für ihre Rechte auf die Straße gegangen: gegen sexuelle Gewalt, geringe Löhne, Diskriminierung, für ein besseres Abtreibungsrecht. Was im Rest der Welt geht, kann auch in Deutschland funktionieren, sagten sich vor einem Jahr Alexandra Wischnewski, Referentin für feministische Politik der LINKE-Bundestagsfraktion, und Kerstin Wolter, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Linkspartei-Chefin Katja Kipping. In einer nd-Kolumne schrieben sie im April 2018 zum ersten Mal über den Streik und luden zu einem Planungstreffen ein.

Im Ergebnis kam ein bundesweites Streikkomitee mehrfach in Göttingen und Berlin zusammen. Darüber hinaus haben sich zahlreiche lokale Streikgruppen gegründet. Nun wollen in mehr als 40 Städten Mädchen, Frauen, Lesben, Trans- und Interpersonen streiken. Vom Bummel- über den Lächel- oder Spülstreik bis hin zu einem bundesweiten Stuhlsitzstreik um 11.55 Uhr sind am 8. März den ganzen Tag über unterschiedliche Streikformen geplant.

Der Streiktitel ist anspruchsvoll: »Wenn wir die Arbeit niederlegen, steht die Welt still«. Nicht nur die bezahlte Arbeit in Betrieben, Krankenhäusern und Pflegeheimen soll bestreikt werden, sondern auch unsichtbare unbezahlte Arbeit: Kinderbetreuung, Haushalt, Pflege zu Hause. Wie viele Frauen das tatsächlich tun oder ihre Arbeit für eine Weile unterbrechen, kann im Streikkomitee keine einschätzen. Nicht wenige fürchten Sanktionen durch ihre Arbeitgeber*innen, politische Streiks sind in Deutschland verboten.

Die Frauen in Berlin haben es da leichter, seit diesem Jahr ist der 8. März in der Hauptstadt ein Feiertag. So hatte es die Berliner Regierungskoalition aus SPD, Grüne und Linkspartei im Januar beschlossen. Nun sei der Tag für Frauen eine Chance, ihren Protest sichtbar zu machen. »Es gibt viele, die nicht so einfach streiken können. Mit dem Feiertag haben viel mehr Frauen die Möglichkeit, auf die Straße zu gehen«, sagt Ines Schmidt, frauenpolitische Sprecherin der LINKE-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Das sehen nicht wenige der Streikorganisator*innen anders. »Für uns gibt es nicht viel zu feiern, deswegen brauchen wir auch keinen Feiertag«, sagt Susanne Henschel vom Frauen*streikbündnis. »Vielmehr brauchen wir eine Gesellschaft, die nicht auf der Ausbeutung der unbezahlten Arbeit von Frauen beruht und in der es keine sexualisierte Gewalt gibt«, sagt Henschel. Anja Kofbinger, gleichstellungspolitische Sprecherin der Berliner Grünen, hat für diese Kritik wenig Verständnis. »Das ist ein bisschen an den Haaren herbeigezogen«, sagt sie. Die »Massenwirksamkeit«, die der Streik auslösen solle, sei in Berlin keineswegs zerstört, nur weil an einem Feiertag Arbeitsniederlegung relativ sinnlos sei. Sie sieht den 8. März eher als Gedenktag, um daran zu erinnern, dass bei derGleichstellung noch sehr viel zu tun ist.

Im Streikbündnis engagieren sich neben Studentinnen eine Brandenburger Journalistin, eine Berliner Sexarbeiterin, eine Wissenschaftlerin aus dem Harz, eine migrantische Hartz-IV-Bezieherin, eine süddeutsche Rentnerin. Eine der Hamburger Initiatorinnen, Linda Kabalan, erklärte, dass die Diversität kein Zufall sei: »Wir haben von Anfang an darauf geachtet, nicht nur die klassischen Organisationen wie Gewerkschaften anzusprechen.« Neben autonomen Frauenhäusern, Kirchengruppen, Buchverlagen, interkulturellen Begegnungsstätten sind rund 40 weitere Organisationen am Streik beteiligt. Eine davon ist der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen. Deren Chefin Charlie Hansen räumt ein, dass »Selbstständige sich mit einem Streik zunächst ins eigene Fleisch schneiden, da Dienstleistungsverweigerung finanzielle Einbußen bedeutet«. Daher überlegen Sexarbeiter*innen, ihre Preise am 8. März zu verdoppeln.

Langfristig indes sollten Streiks »echten ökonomischen Schaden anrichten«, finden Wischnewski und Wolter, »um gesellschaftliche Macht zu erlangen«. Wie Frauen sich über den 8. März hinaus organisieren sollten - in einer Bewegung, einem Netzwerk oder einer feministischen Gewerkschaft - besprechen Frauen derzeit.

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