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»Ich habe keine Pausen«

Hausarbeit? Kinder? Pflege? Damit haben wir heute nichts zu tun. Sechs Frauen erzählen, was sie am Frauenstreiktag vorhaben.

  • Von Lou Zucker und Johanna Albrecht
  • Lesedauer: 10 Min.

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Demo statt OP

Silvia Habekost, 56, Krankenpflegerin

Das Krankenhaus, in dem ich arbeite, leidet so stark unter Personalmangel, dass die Arbeit für alle extrem belastend ist. Personalmangel im Supermarkt würde so aussehen: Fünf Kassierer*innen sind da, also werden nur fünf Kassen aufgemacht. Bei mir im Krankenhaus kommt es aber häufig vor, dass ich zwei oder drei OP-Säle gleichzeitig betreuen muss. Deswegen kann ich die Patient*innen oft nicht so betreuen, wie es nötig wäre. Für mich heißt das auch, dass ich häufig keine Pause habe. Zudem fehlt bei Notfällen der notwendige Puffer.

Nicht nur die Überlastung macht mich wütend, sondern auch der Gender Pay Gap, der Unterschied bei den Löhnen von Frauen und Männern. Männer verdienen durchschnittlich 22 Prozent mehr als Frauen. In der Pflege arbeiten größtenteils Frauen, und stereotype »Frauenarbeit«, beispielsweise die Pflege, wird immer noch nicht richtig wertgeschätzt und entsprechend bezahlt. Care-Arbeit ist nicht, wie vielfach geglaubt wird, ein individuelles Thema, sondern eines, das die gesamte Gesellschaft angeht.

Ich bin seit ungefähr zehn Jahren politisch aktiv, um die Arbeitsbedingungen in der Pflege zu verbessern. Am Frauentag würde ich, wenn es möglich wäre, am Streik teilnehmen. Seit diesem Jahr ist in Berlin der 8. März ein Feiertag, und im OP, wo ich arbeite, sind für diesen Tag erst gar keine Operationen geplant. Ich habe frei und werde demonstrieren. Ich war schon in den 1990er Jahren dabei, als wir die ersten Frauentagsdemos ins Leben gerufen haben. Seit drei Jahren organisiere ich zusammen mit anderen Frauen auf der Frauen*kampftagsdemo den »Care-Block«. In diesem Jahr wollen wir zusätzlich am 7. März auf unbezahlte Care-Arbeit aufmerksam machen. Von meinen Kolleginnen nehmen leider nur diejenigen am Frauenstreik teil, die ohnehin schon aktivistisch unterwegs sind. Noch krasser: Viele haben sich sogar freiwillig für den Feiertagsdienst am 8. März eingetragen.

Putzzeug vor der Tür

Alexandra Gerber, 30, Studentin, alleinerziehend

Ich werde am 8. März nicht zur Arbeit gehen. Vor allem zu Hause möchte ich streiken – ich hänge an meine Wohnungstür ein Schild mit dem Satz: »Dieser Haushalt wird bestreikt.« Außerdem stelle ich mein Putzzeug raus. Es belastet mich, für alles allein verantwortlich zu sein: Kinderbetreuung, Uni, Job an der Uni als wissenschaftliche Hilfskraft. Ich habe das Gefühl, immer im Dauerlauf zu sein und keine Pausen zu haben. Am Anfang musste ich sogar meinen Sohn mit zur Arbeit nehmen. Wenn abends in der Uni Veranstaltungen stattfinden, wird es schwierig für mich. Und wenn mir dann noch andere Mütter erzählen, dass sie abends Zeit für sich haben, finde ich das komplett absurd.
Mein Sohn ist alle zwei Wochen von Donnerstag bis Sonntag bei seinem Vater. An diesen Tagen könnte ich ausgehen. Aber anstatt das zu tun, bin ich meist froh, meine Ruhe zu haben. Ich habe hohe Ansprüche an mich selbst; ich schaffe nicht alles, was ich mir vornehme. Seit Wochen will ich mit meinem Sohn basteln, aber ich komme nicht dazu. Kochen, Einkaufen, solche Sachen würde ich lieber kollektiv organisieren. Ich fände es auch besser, wenn mein Sohn mehrere Ansprechpartner*innen hätte.

Ich setze mich für eine bessere Care-Arbeit ein: mehr Lohn, geringe Arbeitszeiten, so was. Wenn sich die politischen Gruppen treffen, bei denen ich mitmache, übernimmt oft jemand die Betreuung meines Sohnes, sonst könnte ich diese politische Arbeit gar nicht machen. Mit dem Netzwerk »Carerevolution« wollen wir »Überlastungsanzeigen« schreiben: Wie sieht der Alltag von Menschen aus, die sich um Kinder kümmern – Eltern, Co-Eltern, Großeltern, vor allem Mütter? Die »Überlastungsanzeigen« wollen wir vor dem 8. März in Kindergärten verteilen und die Erziehungspersonen zum Streik einladen. Am Streiktag selbst wollen wir Frauen uns in Hausprojekten treffen und uns über unseren Alltag austauschen. Männer werden sich um die Kinderbetreuung und das Essen kümmern.

Eine Rede halten

Fariba Faseli, 40, Mitarbeiterin im Internetcafé

Als Frau in Afghanistan konnte ich nicht frei leben, noch nicht einmal alleine einkaufen. In den Dörfern, wo die Taliban sind, dürfen die Mädchen nur bis zur achten Klasse zur Schule gehen, und oft werden sie sehr früh zwangsverheiratet. Meine Schule haben die Taliban angezündet. Ich möchte den Frauen in Afghanistan helfen, ich möchte, dass alle Menschen aus Afghanistan hier Asyl bekommen. Wir kommen nicht aus Spaß. Wir sind dreißig Tage zu Fuß gegangen, unsere Beine waren geschwollen; wir wussten, dass wir wahrscheinlich sterben. Wir mussten kommen.

Am 8. März möchte ich streiken, weil alle über die Situation der Frauen in Afghanistan Bescheid wissen sollen. Gleichzeitig habe ich Angst, dass es sich negativ auf meinen Aufenthaltsstatus auswirken könnte, wenn ich streike. Würde ich nach Afghanistan abgeschoben, kann es sein, dass mich die Taliban umbringen.

Ich arbeite in einem Frauencafé für geflüchtete Frauen in Berlin. Manchmal sind die Frauen sehr traurig und erzählen mir von ihren Problemen, zum Beispiel mit ihren gewalttätigen Männern. Auch in den Flüchtlingsunterkünften gibt es Probleme, manche der Sicherheitskräfte sind gegen Geflüchtete eingestellt. An die Tür unseres Frauencafés war schon mal ein Hakenkreuz gesprüht. Für afghanische Frauen mit Kopftuch ist es schwer, in Deutschland einen Job zu finden. Eine Freundin von mir hat sich bei Lidl für ein Praktikum beworben. Die Antwort war: »Nur ohne Kopftuch.«

Am 8. März möchte ich gemeinsam mit anderen Frauen aus dem Frauencafé zur Demo gehen. Viele haben wie ich Angst, aber einige haben schon gesagt, dass sie mitmachen. Meine drei Töchter sind alt genug, um auf sich selbst aufzupassen. Die werden sich an dem Tag wohl auch um den Haushalt kümmern. Mein Mann sagt: »Es sind doch vier Frauen im Haus, warum soll ich im Haushalt helfen?« Etwa einmal im Jahr kocht er für uns: Eier.

Mit Wäscheleine zur Demo

Elfriede Harth, 70, Rentnerin und Großmutter

Ich verbringe viel Zeit damit, die jüngeren meiner zwölf Enkelkinder zu betreuen. Überlastet fühle ich mich nicht, ich habe mich schon immer gerne um andere gekümmert. Sonst hätte ich wohl kaum fünf Kinder bekommen. Aber ich finde es unerträglich, wenn Familien kaum Zeit für Pflege und Betreuung haben. Unsere Gesellschaft ist leider so organisiert, als gäbe es keine Kinder, Alten und Kranken.

Am 8. März werde ich nicht streiken. Wenn ich noch erwerbstätig wäre und Kinder hätte, würde ich sie vielleicht mit zur Arbeit nehmen. Meine Tochter arbeitet als Lehrerin – einmal hat sie ihr krankes Kind zur Elternkonferenz mitgenommen. Das fand ich sehr gut: Care-Arbeit muss sichtbar werden. Die wird nicht mal eben nach Feierabend erledigt, sondern das ist ein 24-Stunden-Job. Als meine Söhne Kinder bekamen, sagten sie zu mir, dass sie jetzt erst merken würden, wie viel Arbeit das sei.

Gemeinsam mit ein paar Freundinnen will ich bei der Frankfurter Frauentagsdemo eine kleine Aktion starten: Wir wollen mit einer langen Wäscheleine, an die wir Kleidung hängen, auf der Straße stehen. Damit wollen wir darauf aufmerksam machen, welche Arbeiten oft ungesehen bleiben – mit unserer Aktion machen wir sie sichtbar.

In der Regel erwarten Familienangehörige, dass Frauen Pflege und Betreuung übernehmen, dafür werden Frauen aber nicht bezahlt. Das ist ungerecht. Ich bedaure meine familiäre Care-Arbeit keineswegs, aber dafür bekomme ich jetzt weniger Rente als viele Männer.
Ich wünsche mir, dass Sorgearbeit endlich die Anerkennung in der Gesellschaft bekommt, die sie verdient. Erwerbsarbeitszeit sollte für die Betreuung von Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen reduziert werden können. Eine Möglichkeit, um das zu gewährleisten, wäre das bedingungslose Grundeinkommen: Den Pflegenden würde das zumindest finanziell helfen. Am Ende aber, glaube ich, geht es nicht ohne die Abschaffung des Kapitalismus.

Streik auf dem Schulhof

Narges Hosseyni, 16, Schülerin

Meine Familie ist sehr offen. Aber als ich mir mit 15 einmal die Haare abrasierte, musste ich mir von einigen Bekannten und Verwandten negative Bemerkungen anhören: Du siehst aus wie ein Junge.

Ich komme aus Afghanistan und bin im Iran aufgewachsen. Dort ist es üblich, dass Mütter die Kinder betreuen. Sind die Kinder nicht gut erzogen, wird die »Schuld« dafür der Mutter gegeben. Oder der Hijab: In Afghanistan ist es keine Pflicht, das Kopftuch zu tragen, aber Frauen ohne Hijab sind in der Gesellschaft schlecht angesehen.

Ich finde, alle sollten anziehen dürfen, was sie möchten. Nicht nur in Afghanistan, auch hier in Deutschland. Neulich in einer Umkleidekabine haben zwei Mädchen über Hotpants geredet, eine meinte: »Die Jungs stehen drauf!« Es ist voll okay, sich Hotpants anzuziehen, aber eben nicht, um den Jungs zu gefallen. Oder wegen des Frauenbildes, das die Medien transportieren. Sondern nur, wenn Frauen es selber wollen.

Ich habe selbst bis vor zwei Jahren Hijab getragen – und habe in Deutschland Islamophobie erlebt. Wegen meines Aussehens erlebe ich auch Rassismus. Bevor ich nach Deutschland kam, wusste ich gar nicht, dass es Rassismus gegen Asiaten gibt.

Ich bin aktiv in dem Bündnis, das den Frauenstreik am 8. März organisiert. Mit meiner Arbeitsgruppe habe ich einen Workshop für geflüchtete Frauen geplant. Sie sollen, wenn sie streiken und demonstrieren wollen, über die rechtlichen Konsequenzen Bescheid wissen. Bevor der Tag in Berlin, wo ich wohne, Feiertag wurde, hatte ich Angst, dass ich in der Schule Ärger bekomme, wenn ich unentschuldigt im Unterricht fehle. Ich dachte aber auch: Ich streike für humanitäre Rechte, für mich und für andere. Es kann doch nicht sein, dass Lehrer das nicht erlauben. Am besten wäre es gewesen, vor dem Schulgebäude zu streiken, damit alle sehen, dass dieser Streik auch für uns Jüngere wichtig ist.

Nicht mit Männern reden

Anna Stiede, 32, politische Bildnerin, selbstständig

Erst neulich in der Kneipe bekam ich mit, dass der 8. März für Frauen aus dem Westen keineswegs so normal ist wie für Frauen wie mich, die aus dem Osten kommen. Für mich war das immer ein Tag, an dem wir uns als Frauen feiern und kämpfen.

Als Selbstständige zu streiken, ist schwer. Gemeinsam mit Freundinnen habe ich aber eine Idee, wie das geht: Ich werde in meinem E-Mail-Postfach eine Abwesenheitsnotiz schalten, in der so etwas steht wie: »Heute antworte ich nicht, heute streike ich.«

Außerdem möchte ich schon am 7. März mit meiner »Streikgang« in der Stadt unterwegs sein und mit möglichst vielen Frauen über den Streik sprechen, von der Kassiererin bis zur U-Bahn-Fahrerin.

Ich bin freiberuflich in der politischen Bildungsarbeit tätig, und das sehr gern. Aber es gibt vieles an meinem Job, das mich richtig nervt. Zum Beispiel haben wir Selbstständige keine Interessenvertretung. Es passiert schon mal, dass Aufträge kurzfristig abgesagt werden. Außerdem muss ich jeden Monat fast 700 Euro für Versicherungen aufbringen, das ist für mich viel Geld. Als Frau verdiene ich ohnehin weniger Kohle als Männer, die die gleiche Arbeit machen. Ich bin genauso gut qualifiziert, als Frau muss ich mich aber immer doppelt so viel anstrengen, um die gleiche Anerkennung zu bekommen.

Zudem leiste ich viel Kommunikationsarbeit, auch privat. Ich kümmere mich um meine männlichen Freunde, höre ihnen zu, berate sie – das ist eine Mischung aus einem Akt der Liebe und einer Aufgabe, die uns Frauen bis heute zugewiesen wird. Ich habe schon überlegt, wie es wäre, am 8. März nicht mit Männern zu sprechen. Wenn es einem Freund total schlecht ginge, würde mir das zwar schwerfallen. Andererseits könnte der sich dann ja auch mal an einen Kumpel wenden und sagen: »Hey, ich brauche eine Schulter zum Weinen, die Ladys haben heute etwas anderes vor.«

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