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Hormone aus dem Gleichgewicht

Die Gefahren der Verhütung mit der Antibabypille sollten nicht verharmlost werden, zumal es einige Alternativen gibt

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 3 Min.

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Frauen könnten gerade in Sachen Fortpflanzung Expertinnen des eigenen Körpers sein. Viele sind es nicht, wissen zu wenig über Zyklus und Menstruation, und die Gründe dafür spielen auch in dem Buch von Isabel Morelli eine Rolle. Ihre persönliche Leidensgeschichte mit der hormonellen Verhütung in Tablettenform begann paradoxerweise, als sie ihr Präparat mit 21 Jahren absetzte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie die Pille schon mehr als sieben Jahre eingenommen. Das deutet darauf hin, zu welcher Generation Morelli gehört: nämlich zu jener immer größer werdenden Gruppe, die schon früh ohne jeden konkreten Verhütungsbedarf die Pille verordnet bekommt. Für einen stabilen Zyklus, gegen Menstruationsschmerzen, ja, auch für reine Haut und schönes Haar.

Die Autorin wechselte in ihrer Teenagerzeit mehrmals das Präparat, weil es geringe, wenn auch merkliche Nebenwirkungen gab: Pickel, Haarausfall, ausbleibende Blutung. Als Morelli 14 Jahre alt war, wurde bei ihr ein Reizdarm festgestellt - und keine Ursache gefunden. Stressempfindlichkeit blieb als Auslöser übrig. Sie lernte, mit der Darmerkrankung zu leben, die schlagartig verschwand, als sie mit 21 Jahren die Pille absetzte. Mit diesem kleinen Wunder fingen aber Morellis Leiden erst an. Grippale Infekte häuften sich, eine Lungenentzündung folgte, von der eine allgemeine Schwäche blieb - und immer neue Symptome, von Haarausfall über Schlafprobleme bis hin zu Herzrhythmusstörungen. Die Autorin sah nicht nur Endokrinologen, Gynäkologen, Anhänger einer Vitamin-D-Behandlung, Neurologen, sondern die Eventmanagerin suchte sich auch einen ruhigeren Job.

Ihre kräfte- und nervenzehrende Ärzteodyssee nach dem Absetzen des Medikaments zieht sich über 17 Seiten des Buches. Aber Morelli lässt auch andere Frauen anonymisiert mit ihren Erfahrungen zu Wort kommen. In Gesundheitsforen und auf Facebook hatte sie von vielen Frauen gelesen, die ebenfalls die Pille genommen und ähnlich diffuse Beschwerden hatten wie sie. Sie las sich in das Thema ein und brachte neben den eigenen Erfahrungen ihr neues Wissen auf einer Webseite unter, die bald zu einem gut besuchten Blog wurde. Das jetzt vorgelegte Buch geht jedoch über den Erfahrungsbericht hinaus. Komprimiert behandelt die heute als Gesundheitsberaterin Tätige die anfängliche Erfolgsgeschichte des Medikaments, die ohne mutige Feministinnen nicht möglich gewesen wäre. Sie benennt aber auch die Defizite des heutigen sexualpädagogischen Unterrichts und der gynäkologischen Praxis.

Interessant wird es im Kapitel über die meist verschwiegenen Nebenwirkungen der künstlichen Hormone - denn diese können im gesamten Körper auftreten. Das Zusammenspiel der Hormone kann man sich als Mobile vorstellen, als ein ausbalanciertes Gebilde, das durch den kleinsten Anstoß aus dem Gleichgewicht gerät. Zudem braucht es bei Frauen mehr Zeit, bis sich ab der Geschlechtsreife dieses Gleichgewicht einstellt - ein weiteres Argument gegen eine zu frühe Verordnung. Insofern ist es nicht überraschend, dass neben den Geschlechtsorganen auch der Verdauungstrakt, Lungen, Blutgefäße und Gehirn betroffen sein können. Zur Wechselwirkung der Pille mit der Augengesundheit fand Morelli zwar keine Studien, bemerkte jedoch, dass in Patienten- oder Kundenfragebögen einiger Augenärzte und Optiker das Thema hormonelle Verhütung durchaus auftaucht, in der Praxis also die Verbindung schon auffiel.

Abschließend stellt Morelli einige Methoden hormonfreier Verhütung vor. Sieben sind es immerhin, von denen Frauen wissen sollten, was ihre Vor- und Nachteile sind. Denn für die vermeintliche Bequemlichkeit der Verhütung mit der Pille zahlen sie einen möglicherweise hohen Preis.

Isabel Morelli: Kleine Pille, große Folgen. Mankau Verlag, Klappenbrosch., 191 S., 16,90 €.

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