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Frauenstreik im »nd«-Haus

Mitarbeiterinnen dieser Zeitung schließen sich den Protestaktionen für den 8. März an

  • Von Sebastian Bähr, Alexander Isele und Fabian Hillebrand
  • Lesedauer: 4 Min.

»Frauenstreik! Frauenstreik!« Immer wieder schallt die Parole am Donnerstagmittag durch die Flure des Berliner nd-Gebäudes. Dutzende Mitarbeiterinnen der Zeitung wie auch der im Haus ansässigen Rosa-Luxemburg-Stiftung ziehen von Etage zu Etage. Unter Jubel werden die Türen der Büros aufgerissen. »Sind hier noch Frauen, die sich am Streik beteiligen wollen?« Einige kommen raus und schließen sich der Menge, - halb Demo, halb Party - an. Aus Lautsprecherboxen dröhnt Hip-Hop-Musik. Im Foyer wird der Zug von weiteren Dutzenden Frauen mit Applaus und kämpferischen Sprüchen begrüßt.

Den Empfangsraum des Hauses haben die streikenden Mitarbeiterinnen längst übernommen. Sie diskutieren, bringen feministische Plakate an, essen gemeinsam selbst gebackenen Kuchen. Kleine Zettel mit Forderungen und Problembeschreibungen werden auf Wäscheleinen aufgehängt. »Wenig Anerkennung meiner Arbeit durch die Leitung«, steht dort etwa. Oder: »Ich habe ein Kind und würde gerne weniger arbeiten - finanziell geht das aber nicht.« Auch nach außen wird klar vermittelt, dass es kein gewöhnlicher Tag ist. Über dem Eingang hängt ein sieben Meter langes Transparent. Die Aufschrift: »Wir streiken«.

Die feministische Bewegung hat dieses Jahr weltweit alle Frauen und Queers für den 8. März zum Streik aufgerufen. Zahlreiche Demonstrationen und Protestaktionen sind für Freitag geplant. Da jedoch in Berlin der 8. März seit diesem Jahr ein Feiertag ist, wollten Mitarbeiterinnen des »nd« schon am 7. März die Arbeit niederlegen. Der Gedanke: Ein Streik muss auch wehtun. Doch was ist genau ihre Motivation?

»Wir streiken in Solidarität mit dem internationalen Frauenstreik am 8. März«, sagt eine Mitarbeiterin des »nd«. »Gleichzeitig fordern wir bessere Arbeitsbedingungen für alle Frauen, die in der Medienbranche arbeiten - von der Journalistin, über die Zustellerin bis zur Reinigungskraft.« Aber zeigt sich das Patriarchat auch in einer linken Zeitung?

»Wir haben den heutigen Tag auch genutzt, um über unsere Arbeitsbedingungen zu sprechen - da ist definitiv noch Luft nach oben«, sagt die Mitarbeiterin. Es stimme nicht, dass hier alles perfekt sei, wie so manche männliche Kollegen behaupten würden. »Wir kritisieren Unterschiede bei der Bezahlung zwischen den Geschlechtern.« Dies geschehe laut der Kollegin zwar nicht durch den Tarifvertrag, aber über Eingruppierungen oder Ressortleiterzuschläge, die nach Meinung mancher Frauen »intransparent« seien. Im »nd« sind Chefredakteur und Geschäftsführer Männer, sechs von 13 Führungskräften in der Redaktion sind Frauen.

Kritik wird auch an der mangelhaften Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie unterschiedlichen Home-Office-Regelungen geäußert. Und daran, dass unhinterfragt bestimmte Vorstellungen und Ansprüche an Frauen beim »nd« gestellt würden. Eine Mitarbeiterin beschwert sich zum Beispiel, dass es die Frauen sein sollen, die »im Betrieb oft für die gute Stimmung sorgen oder Konflikte moderieren müssen«.

Die Frauen der Rosa-Luxemburg-Stiftung haben sich dem Streik ebenfalls angeschlossen und zum Anlass für eigene Debatten genommen. Eine Mitarbeiterin berichtet, dass Frauen bei der Stiftung unter Anerkennungsproblemen leiden: »Es gibt Unterschiede, wie Arbeit wertgeschätzt und verteilt wird.« Es sei zudem generell nicht leicht, »in linken Institutionen strukturelle Diskriminierungsformen wie Sexismus oder Rassismus zu thematisieren«. Man wolle sich am Nachmittag zusammensetzen, um genau dies zu diskutieren.

Gespräche gibt es auch über den Wandel der Zeit und die unterschiedlichen Lebenserfahrungen in der DDR und BRD. Eine »nd«-Kollegin mit langer DDR-Biografie zeigt sich »traurig und wütend« angesichts der Ängste, die junge Frauen heute hätten. »Die jungen Kolleginnen müssen für Sachen kämpfen, die für uns früher selbstverständlich waren, beispielsweise das Recht auf Abtreibung oder ausreichend Plätze für die Kinderbetreuung.«

Bei den Diskussionen geht es eindeutig nicht nur um das Klima im eigenen Betrieb. Frauen aus verschiedenen Arbeitsbereichen kommen im »nd«-Haus zusammen, um sich auszutauschen. Dass es heutzutage mit einem Streiktag nicht getan ist, darin stimmen viele überein: »Dieser Streiktag ist nur ein Schritt von vielen. Bis zum nächsten Jahr müssen wir noch größer werden und an Kraft gewinnen«, betont eine Mitarbeiterin der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

In der Redaktion des »nd« macht sich der Frauenstreik derweil bemerkbar. Fast die Hälfte der Belegschaft der Zeitung sind Frauen. In der Redaktionssitzung, in der die Themen des Tages besprochen werden, bleiben viele Plätze leer. Einige Redakteure verzichten auf die Mittagspause oder essen an ihrem Schreibtisch, um sicherzustellen, dass die Zeitung fertig wird. Dabei kommt so mancher ins Schwitzen - die streikenden Kolleginnen, sie fehlen.

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