Die Razzien in Seefeld und Erfurt werfen derzeit auch lange Schatten auf die Biathlon-WM in Östersund.
Doping

»Keiner wird so dumm sein«

Nach dem jüngsten Dopingskandal wird klar, dass auch der Biathlonverband seine dunkle Vergangenheit noch nicht aufgearbeitet hat.

Von Andreas Morbach

Wolfgang Pichler redet gerne und viel, am Tag vor dem ersten Startschuss bei der Biathlon-WM brachte es der 64-Jährige bei seinem Interviewmarathon auf satte 90 Minuten. Im Fahrwasser des jüngsten Dopingskandals bei den Titelkämpfen der Nordischen Wintersportler in Seefeld kam natürlich auch das Thema Leistungssteigerung mit verbotenen Mitteln auf den Tisch. Für Biathleten ein leider bestens bekanntes Terrain, an die Aufdeckung neuer Dopingfälle beim Saisonhöhepunkt in Östersund glaubt Pichler aber nicht: »Keiner wird so dumm sein nach Seefeld.«

Ganz anderer Meinung als der oberbayerische Cheftrainer der schwedischen Gastgeber ist Magdalena Neuner. Deutschlands einstige Biathlonkönigin ist sich fast sicher, dass auch in Östersund in Sachen Doping wieder irgendetwas passieren werde. So wie im Februar 2008, bei der letzten WM am Storsjön-See - als zwei Tage vor Ende der Wettbewerbe bei der Staatsanwaltschaft in Wien eine anonyme Anzeige einging, die speziell die Flure des deutschen WM-Quartiers »Quality« zum Beben brachte.

Es ging um eine Liste mit angeblichen Dopingsündern, welche die Tageszeitung »Österreich« gerade frisch veröffentlicht hatte. Darauf zu finden waren unter anderem die Namen damals noch aktiver DSV-Athleten wie Michael Greis und Andrea Henkel, ebenso wie die der bereits zurückgetretenen Sven Fischer, Uschi Disl und Ricco Groß. Der Name Neuners tauchte vor elf Jahren nicht auf der Liste auf - im Rückblick berichtet sie aber, wie sehr die Situation das gesamte Team belastet habe.

Am Tag nach der Veröffentlichung stand der Massenstart an. »Bei Andrea Henkel hat man deutlich gesehen, dass sie total neben der Spur war. Das war absoluter Rufmord«, sagte Neuner Monate später und empörte sich darüber, dass die Sache schnöde im Sand verlaufen war. »Das ist einfach vergessen worden, keiner wollte mehr darüber sprechen. Das tat uns weh. Weil es einfach keine Aufklärung gab.«

Der Wind des Vergessens weht auch ein Jahrzehnt danach wieder durch die Welt der Skijäger. Der große Knall, der die Internationale Biathlon-Union (IBU) in ihren Grundfesten erschütterte, liegt nun fast elf Monate zurück. Im April 2018 gab es am IBU-Sitz in Salzburg eine Razzia, bei den Vorwürfen gegen Spitzenfunktionäre ging es um Dopingvertuschung und Bestechlichkeit. Seit seinem Kongress im September in Porec hat der Verband mit dem Schweden Olle Dahlin einen neuen Präsidenten. Er folgte dem Norweger Anders Besseberg, der im Zuge der Ermittlungen sein Amt niedergelegt hatte.

Es gibt also eine neue Verbandsspitze. »Aber wer da wie in was involviert war, weiß man bis heute nicht. Es ist schwer zu begreifen, dass nichts dabei herauskommt. Das müsste langsam mal zu einem Ergebnis kommen«, moniert Wolfgang Pichler im Gespräch mit dem »nd«. Und auch wenn er den personellen Neustart prinzipiell begrüßt, traut er ihm nicht so richtig: »Ich bin überzeugt, dass die IBU wirklich Änderungen will. Olle Dahlin war vor seinem Amtsantritt nur vier Jahre dabei. Ich kenne ihn, er ist absolut fair. Aber ob die anderen, von denen mancher schon 16 Jahre im Vorstand ist, wirklich alles aufdecken wollen, da bin ich mir nicht so sicher.«

Die aktuelle Zusammensetzung finde er immer noch seltsam, großen Aufklärungswillen könne man bei einigen Funktionäre jedenfalls nicht erwarten. »Denn viel schlimmer als jetzt war die Situation ja zwischen 2000 und 2016. Wenn man das intern diskutiert, sagen aber immer alle: Wir haben davon nichts gewusst«, betont Pichler, der nach einem Vierteljahrhundert als Biathlontrainer in Mittelschweden nun seine letzten großen Titelkämpfe erlebt.

Ganz neu im Amt ist bei der IBU derweil Alf Koksvik. Der 50-jährige Norweger, von 2000 bis 2008 Generalsekretär des norwegischen Biathlonverbands und anschließend mit seiner Beratungsfirma in den Bau Biathlon-spezifischer Gebäude und in die Organisation von Wettkämpfen involviert, fungiert seit dem 1. März interimsmäßig als Generalsekretär. Er soll vor allem den Außerordentlichen Kongress im September vorbereiten. Wie er ist Sarah Fussek-Hakkarainen ganz frisch im Team der IBU, auch sie nur interimsmäßig und auf Teilzeitbasis - als Antidoping-Managerin. Der Präsident des Deutschen Skiverbands Franz Steinle, einst Chef des Oberlandesgerichts Stuttgart, wurde jüngst zum IBU-Vizepräsidenten gewählt, was seinem Landsmann Pichler durchaus gefällt.

»Mit seiner Vergangenheit als Richter ist er für mich eine Person, die unantastbar ist. Solche Leute sind gut für die IBU«, findet der gebürtige Ruhpoldinger, der dem Weltverband für seine künftige Personalpolitik vor allem zwei Ratschläge gibt: »Es müssen Leute sein, die Ahnung vom Biathlon haben - und die unbescholten sind.« So wie Steinles norwegischer Vorstandskollege Tore Boygard etwa: »Das ist ein guter Mann. Er hat lange im Biathlon gearbeitet, war in den fraglichen Jahren aber nicht mit dabei.« Weniger erfreulich findet Pichler, dass mit dem US-Amerikaner Max Cobb, dem Kanadier James Carrabre und Athletenvertreterin Clare Egan (USA) drei Nordamerikaner in der IBU-Exekutive sitzen: »Drei Leute aus Übersee - das ist schon komisch, denn die haben dem Biathlon bislang überhaupt nichts gebracht.«

Pichler selbst steht für einen leitenden Posten im Weltverband nach dem nahenden Ende seiner Trainertätigkeit nicht zur Verfügung. »Dafür bin ich nicht der Richtige«, sagt er. Sein Bruder Claus, Bürgermeister von Ruhpolding, halte ihm stets vor, er sei nicht kompromissfähig. »Und wenn man das mit 64 noch nicht ist, wird man es wohl auch nicht mehr«, witzelt Pichler.

Das hindert ihn nicht, den aktuellen Drahtziehern mehr Offensivgeist ans Herz zu legen: »Es wird so getan, als sei unser Sport immer so versaut und korrupt gewesen. Die IBU sollte jetzt alles richtig aufarbeiten, aber nicht immer so tun, als sei unser Sport so schlecht. Denn das ist er nicht«, glaubt Pichler, der zu den Skandalspielen von Sotschi sagt: »Dass da etwas gemacht worden ist, davon bin ich überzeugt. Aber bis jetzt ist noch kein positiver Dopingfall wirklich aufgedeckt worden.«

Sagt’s und lehnt sich mit Blick auf Olga Saizewa und Jana Romanova, die er in seiner Zeit als Trainer der russischen Biathletinnen betreute und die - beide inzwischen zurückgetreten - in der Vergangenheit in Dopingbeschuldigungen verstrickt waren, noch weiter aus dem Fenster. »Man kann nicht alle über einen Kamm scheren«, betont Pichler, ehe er eine erstaunliche Neuigkeit verrät: »Ich weiß, dass die B-Proben von Saizewa und Romanova vom IOC jetzt geöffnet worden sind - und negativ waren.«