Dr. Schmidt erklärt die Welt

Telefonstrippen und höhere Mathematik

Von Regina Stötzel

Es ist zwar ein aussterbendes Problem, aber ein gravierendes: Die Schnur vom Telefonhörer verdreht sich ständig zu einem Riesenknoten, kaum dass man ihn so wieder halbwegs aufgedreht hat (lässt ihren Hörer nach unten baumeln, der sich um die eigene Achse dreht). Wie lässt sich das lösen?

So würde ich das jedenfalls nicht machen. Wobei sich interessanterweise in Büros bis heute kaum schnurlose Telefone finden. Möglicherweise hat das die gleiche Ursache wie die Tatsache, dass die meisten Büros keine Kaffeelöffel bereitstellen: Das Zeug kommt weg. Aber die Frage ist ja, wie entsteht das Problem. Ich habe es hier seit 1984 nie geschafft, derartige Knoten da reinzukriegen, während andere das Ding schon in zwei Wochen heillos verknoten. Ich habe schon mal gesucht, ob sich jemand technisch damit beschäftigt hat.

Mit welchem Ergebnis?

Das erste vor vielleicht fünf Jahren war relativ dünn. Ich habe gefunden, dass sich irgendwelche Mathematiker damit beschäftigt haben, wieso sich Verlängerungskabel, in eine Kiste gepackt, beim Umzug verknoten. Aber mit den Telefonschnüren hatte sich damals noch keiner beschäftigt. Geholfen hat letztlich eine populärwissenschaftliche Kindersendung.

Die Sendung mit der Maus?

»Wissen macht Ah!«. Die sind zu dem Schluss gekommen, der Hauptgrund ist, dass die Leute regelmäßig das Ohr wechseln. Wenn der Hörer immer in die gleiche Richtung um 180 Grad gedreht wird, passiert, was man von gewöhnlichen Strippen kennt: Sobald sie nicht mehr gezogen werden, versuchen sie, sich aufzuwickeln.

Aber ich telefoniere immer links.

Ich hatte früher vermutet, dass ein zweiter Grund ist, dass man das Kabel zu sehr dehnt. Die Dinger sind ja vorgespannt, damit diese aufgewickelte Form entsteht, und wenn man so eine Feder zu sehr zieht, begünstigt man beim Zusammenziehen das Verdrehen. Aber dafür habe ich keine wissenschaftliche Bestätigung gefunden.

Das Phänomen taucht ja auch bei Gartenschläuchen auf. Und selbst beim Duschschlauch hat man nach einer Weile das Gefühl, er will in die eine oder andere Richtung.

Beim Duschschlauch wird’s wohl eher die Dreherei sein. Aber beim Gartenschlauch - ob das so ist wie bei den Strippen im Kasten? Das war allerdings höhere Mathematik. Da musste ich dann passen. Aber, was ich interessant finde, Mathematiker beschäftigen sich ja auch mit Knoten.

Inwiefern?

Offenbar kann man Knotentypen mathematisch beschreiben. Irgendjemand hat mal alle möglichen Krawattenknoten mathematisch beschrieben. Dafür hat er den Ig-Nobelpreis bekommen, so eine Art Scherznobelpreis.

Fehlt noch eine Art Strippen-Chaostheorie.

Ja, endgültig gelöst ist die Sache nicht.

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