Sieben Tagen, sieben Nächte

60 Jahre 99-46-84

Von Regina Stötzel

Die Ereignisse überschlagen sich: vorgestern Frauenstreik beim »nd«, gestern Internationaler Frauentag und heute: Barbies 60. Geburtstag. Letzteres ist besonders bemerkenswert. Denn anders als bei Journalistinnen und anderen Frauen ist es ein Wunder, dass es Barbie noch gibt. Schließlich haben Wissenschaftler ausgerechnet, dass sie eigentlich gar nicht überlebensfähig ist. Ihre Ur-Maße 99-46-84 - umgerechnet auf menschliche Größe - sollen zwar angeblich denen männlicher Fantasie entsprechen. Doch sei ein solches menschliches Wesen gar nicht lebensfähig, insbesondere weil im verkümmerten Unterleib die lebensnotwendigen Organe nicht genügend Platz fänden.

Neben ihren körperlichen Unzulänglichkeiten hatte Barbie auch seelisch schon einiges zu verkraften. Sie wurde geschmäht als typisch US-amerikanisches Kommerzprodukt, dabei liegen ihre Wurzeln in Deutschland (ihr Vorbild soll eine Comic-Figur aus der »Bild«-Zeitung gewesen sein). Außerdem wurde ihr vorgeworfen, der Emanzipation von Frauen im Wege zu stehen.

Nun kann man ihr wirklich einiges vorwerfen. Ihr Pferdesattel, ihr Wohnmobil, ihr Haus und ihre Welt sind in wesentlichen Teilen pink. Sie will ewig jung sein. Sie macht jeden Modefimmel mit, muss ständig was Neues haben. Sie schert sich nicht um Armut, Krieg und Ungerechtigkeit, strebt nicht nach Aneignung der Produktionsmittel.

Aber: Immerhin wurde Barbie grob nach dem Vorbild von Frauen geformt, anders als ihre an Babys und Kleinkindern orientierten Vorgängerinnen, mit denen kleine Mädchen auf Mutterschaft getrimmt wurden. Barbie hat sich schon damals weder dem Gebärzwang unterworfen noch mit der Hausfrauenrolle zufriedengegeben. Im Gegenteil, sie ist freizeitorientiert und hedonistisch, übt aber auch diverse Berufe aus, darunter einige, in denen Männer nach wie vor deutlich in der Überzahl sind. So wurde sie schon in den 1960er Jahren Astronautin und Anfang der 90er Managerin. Sie ist wirtschaftlich unabhängig und lebt in »wilder Ehe« mit ihrem Ken. Der hat zwar ordentlich Muckis und einen unverwüstlichen Waschbrettbauch, kommt allerdings untenrum eher, nun ja, verkümmert daher. Dies soll allerdings nicht der Grund für ihr Intermezzo mit dem wesentlich jüngeren Surfer Blaine gewesen sein, um den es diesbezüglich nicht besser bestellt sein dürfte.

Barbie ist tolerant, nicht nur bei Männern. Sie ist heutzutage multiethnisch, hat verschiedene Körperformen, trägt Hijab oder sitzt im Rollstuhl. Mit einem »Love Wins«-T-Shirt drückte sie vor zwei Jahren ihre Solidarität mit der LGBTI-Szene aus. Letztes Jahr nahm sie sich an 19 »inspirierenden Frauen« der Vergangenheit ein Vorbild, in diesem Jahr an neun lebendigen, unter ihnen die ehemalige deutsche Bahnradsportlerin Kristina Vogel. Fehlt nur noch der Barbie-Streik.

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