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Friedenspreis unter Protest

Jüdischer Verein erhält Auszeichnung - Zentralrat kritisiert Nähe zur Boykott-Kampagne BDS

  • Von Reimar Paul, Göttingen
  • Lesedauer: 4 Min.

So viel Andrang, so viel Trubel war noch nie beim Göttinger Friedenspreis. Rund 450 Menschen verfolgten am Samstag in der Galerie »Alte Feuerwache« die Verleihung der diesjährigen Auszeichnung an den Verein »Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost«. Weil dort längst nicht alle Interessierten Platz fanden, wurde die Veranstaltung in einen Anbau und eine weitere Galerie übertragen. Vor dem Gebäude demonstrierten rund 60 Menschen mit Israel-Fahnen und Transparenten gegen den Preisträger. Zu dem Protest hatte ein »Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus« aufgerufen. An den umliegenden Kreuzungen waren Mannschaftswagen der Polizei aufgefahren.

Die Vergabe des mit 3000 Euro dotierten Friedenspreises an die »Jüdische Stimme« ist extrem umstritten. Unter anderen hatten der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, und der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, den Verein als antisemitisch gebrandmarkt und das mit seiner Nähe zur Boykott-Kampagne BDS (Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen) gegen Israel begründet.

Wegen der Vorwürfe zogen die Universität, die Stadt und die Sparkasse in Göttingen ihre Unterstützung für die Verleihfeier zurück. Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) und die Hochschulpräsidentin Ulrike Beisiegel sitzen im Kuratorium der Stiftung Dr. Roland Röhl, die den Preis seit 1999 vergibt. Das »Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus« forderte in einem Offenen Brief eine Neubesetzung der Preisjury. Das Spektrum der Unterzeichner des Schreibens reicht von einem Kreistagsabgeordneten der Linkspartei über die Göttinger Jüdische Gemeinde und den AStA bis hin zum »Gesandten der Jewish Agency für Israel in Deutschland«, Yonatan Shay. Dieser bezeichnet Judäa und Samaria schon einmal als »keine besetzten, sondern umstrittene Gebiete«.

Die Stiftung hielt ungeachtet der Kritik an ihrer Entscheidung fest und erhielt dafür Zuspruch aus dem In- und Ausland. Die Vereinsvorsitzende Iris Hefets nannte es am Samstag eine »große Ehre, einen Friedenspreis zu erhalten, und eine noch größere, in die ehrwürdige Liste der Träger des Göttinger Friedenspreises aufgenommen zu werden«. »Wir sind wahrscheinlich der einzige Preisträger, der sich bei der Benachrichtigung über die Preisverleihung sehr freute, gleichzeitig aber schon wusste, dass er sich warm anziehen muss«, sagte sie. »Mit den Angriffen und Verleumdungen war zu rechnen.«

Das Muster solcher Angriffe wiederhole sich. »Die Rechte der Palästinenser werden verletzt, es findet ein politischer Protest dagegen statt, die deutsche Presse findet - oder erfindet - einen antisemitischen Vorfall und am Ende wird von Antisemitismus geredet und diesbezüglich agiert, womit der ursprüngliche Protest erstickt ist.«

Der Verein »Jüdische Stimme« bestehe aus »ein paar Dutzend Juden mit Internetanschluss, Schuld- und Schamgefühlen gegenüber den Palästinensern und Angst um die Zukunft Israels«, erklärte Hefets. »Wir sind vom Geschehen betroffen, es geht um unsere Kinder, Freunde, Verwandte. Wir haben kein Budget der Bundesregierung und keine Zeitung wie der Zentralrat der Juden. Wir machen das ehrenamtlich neben unseren beruflichen Tätigkeiten und unserem sozialen Leben.«

Sie könne nicht verschweigen, dass das Erlebnis, als Juden und Jüdinnen unerwünscht zu sein, sehr unangenehm sei, sagte Hefets. Doch sei der Verein »Jüdische Stimme« gleichzeitig mit viel Unterstützung, Anerkennung und Dank bedacht worden. »Wir wurden nicht allein gelassen und wissen das sehr zu schätzen.«

Die »Jüdische Stimme« rede »Tacheles über das, was zwischen Mittelmeer und Jordan passiert«, sagte die deutsch-israelische Sängerin und Schauspielerin Nirit Sommerfeld als Laudatorin. »Das ist gut und wichtig. Wenn man in Deutschland mehr weiß über die Fakten, dann kann die deutsche Öffentlichkeit und Politik sich bewegen und Einfluss nehmen auf die israelische Regierung zugunsten einer gerechten und friedlichen Lösung.«

Sommerfeld wies zugleich den Antisemitismusvorwurf gegen die »Jüdische Stimme« zurück. Der Verein distanziere sich »eindeutig von jeder Form von Gewalt, von Antisemitismus, Anti-Islamismus und jeder anderen Form von Rassismus«. Wenn es eine Demonstration gegen Antisemitismus gebe, »dann beteiligt sich die ›Jüdische Stimme‹ und setzt dezidiert ein Zeichen: Gegen jede Form von Antisemitismus, so wie sie es in ihrem Selbstverständnis manifestiert hat«.

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