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»Dass man Sprache so verhunzt …

Kathrin Gerlof hofft, dass die Zeit über die Angriffe auf eine geschlechtergerechte Sprache hinweggeht

  • Von Kathrin Gerlof
  • Lesedauer: 3 Min.

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… und vergewaltigt - da halte ich gar nichts davon.« Unsere Staatsministerin im Kanzler*innenamt und stellvertretende CSU-Vorsitzende, Dorothee Bär, hatte sich möglicherweise nicht ganz im Griff, als sie einen Generalangriff auf Binnen-I und Gendersternchen ritt und dafür das Wort »vergewaltigt« wählte. Vergewaltigt werden vornehmlich Frauen, weniger die Sprache, obwohl auch der viel angetan wird. Denken wir nur an Kaliber von der Größe eines Seehofers (das ist keine Maßeinheit): »Wir wollen Steuerung, wir wollen Ordnung und wir wollen Begrenzung.« Der Suffix -ung ist bei Seehofer vor allem dafür da, uns vergessen zu lassen, dass es um Menschen geht, die gesteuert, in eine Ordnung gepresst, vor allem aber in ihrem Überlebenskampf begrenzt werden sollen. Ja, die deutsche Sprache bietet so ihre Möglichkeiten.

Nun ist’s schon wieder eine Woche her, dass der Verein Deutsche Sprache und 100 Unterzeichner*innen einen Aufruf zum Widerstand gegen die sogenannte (sogenannte ist ein ganz böses Wort, vernichtend geradezu) geschlechtergerechte Sprache veröffentlichte. Prominente Männer und Frauen haben sich dem Aufruf angeschlossen. Die ersten Pro und Kontra sind veröffentlicht (die Autorin dankt ausdrücklich Daniel Kretschmar von der »taz« für seine großartige Wut-Eloge) und die Karawane könnte weiterziehen. Vielleicht könnten wir uns noch die eine und den anderen Unterzeichner*in vornehmen, um uns zu fragen, was da in den vergangenen Wochen, Monaten und Jahren passiert ist - schließlich ist der Schritt vom Ärger über allgemeine Sprachverarmung hin zur Wut auf jene, die sich für Geschlechtergerechtigkeit stark machen und sich dafür - welch Wunder, welche Überraschung - tatsächlich auch der Sprache bedienen, ziemlich groß.

Aber gut, die Künstler*innen, Germanist*innen, selbst ernannte und wirklich Berühmte, Toxikolog*innen, Moderator*innen, Unternehmer*innen und noch viele andere *innen sehen ja auch »zerstörerische Eingriffe in die deutsche Sprache«. Und zerstören lassen können wir uns unser Deutsch nicht. Schon gar nicht durch Weiber oder Leute, die nicht mal genau wissen, welchem Geschlecht sie sich zuordnen lassen.

Soweit die Satire. Muss ja hier sein.

Der Ernst der Sache sollte allerdings nicht unterschätzt werden. Die Sprache, das wissen die Unterzeichner*innen, denn dumm sind sie ja nicht, ist zwar nicht unsere einzige, aber wohl doch unsere wichtigste Kommunikations- und Verständigungshilfe. Wer uns daran hindern will, uns mit ihr und sie mit uns zu entwickeln, wer uns aufzwingen möchte, sie als gottgegeben und unveränderbar zu betrachten, unsere Finger von ihr zu lassen, vor allem unsere weiblichen Finger, tut damit mehr, als einen bescheuerten Aufruf voller fragwürdiger Behauptungen (im Grundgesetz kommt das Wort Bundeskanzlerin nicht vor, trotzdem haben wir eine, ergo braucht es die Genderung der Sprache gar nicht für die Gleichberechtigung) in die Welt zu rotzen. Wir sollten uns tatsächlich die Frage stellen, was den Vereinen deutscher Reinheit und sonstwie zusammengesammelten Kaltfronten als Nächstes einfällt, wenn es um einen Aufschrei gegen Geschlechtergerechtigkeit geht. Passt ihnen demnächst vielleicht nicht, wie Frauen oder sich gar keinem Geschlecht zuordnende Menschen draußen rumlaufen und unser schönes Straßenbild verhunzen? Was werden sie nach der Sprache als »Gender-Unfug« ausmachen und ausradiert haben wollen? Was im kommenden oder übernächsten Jahr als zerstörerischen Eingriff in ihre Reinheitsgebote ansehen?

Richtig ist: Der Aufruf entbehrt nicht der Komik und wir könnten hoffen, dass die Zeit über diese Unsäglichkeit hinwegzieht. Aber er ist - leider - ein zutiefst ernst gemeinter, restaurativer Angriff. Reine Sprache ist wie reines Blut. Sollten wir nicht wollen. Hatten wir schon mal.

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