Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Schmerzhaftes Erinnern

Die »Rote Hilfe«-Zeitung setzt sich in ihrer neuen Ausgabe mit der DDR-Repression gegen oppositionelle Linke auseinander

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen linken Geschichte ist ein schmerzhafter Prozess. Zu einfach ist es, oberflächliche Bekenntnisrituale oder Distanzierungen zu verlauten: Die (libertär-)kommunistische Idee von heute habe mit der kommunistischen Idee von früher nichts mehr zu tun. Die Fehler, falschen Annahmen und Verbrechen der widersprüchlichen linken Geschichte nichts mit der eigenen. Will man als gesellschaftliche Bewegung jedoch lernen, kommt man um eine Aufarbeitung nicht herum. Dies kann aber nur gelingen, wenn man die gesamte linke Geschichte, ihre Versuche, Siege und Niederlagen, als Teil der eigenen begreift. Was bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Und trauern zu können, um neue Kraft zu schöpfen.

Die linkspluralistische Solidaritätsorganisation »Rote Hilfe« stellt sich derzeit dieser Verantwortung - und stößt dabei auf eigene Widersprüche und offene Fragen. Die aktuelle Ausgabe 1/19 der »Rote Hilfe«-Zeitung hat Repression gegen linke Oppositionelle in der DDR zum Thema. Laut dem Redaktionskollektiv eine »Herausforderung«. Vorausgegangen sei der Veröffentlichung eine längere Debatte, »teils sehr emotional, nicht immer solidarisch«.

Was meint: Die Ausgabe 4/2016 der Zeitung hatte den Schwerpunkt »Siegerjustiz - Verfolgung und Delegitimierung eines sozialistischen Versuchs seit 1990«. Es ging um die BRD-Repression nach der Wende gegen DDR-Bürger und Funktionäre. Autoren waren unter anderem ein DDR-Staatsanwalt, Offiziere der Staatssicherheit, ein Text des SED-Generalsekretärs Erich Honecker wurde posthum veröffentlicht. Die Ausgabe sorgte für heftige Diskussionen, Mitglieder und Ortsgruppen kritisierten eine Legitimation der DDR-Repression. Die Dresdner Ortsgruppe schränkte aus Protest ihre Arbeit ein und forderte eine Sonderausgabe zur Repression des DDR-Apparates gegen linke Oppositionelle. Das eine Thema könne ohne das andere nicht beleuchtet werden.

Nach mehr als zwei Jahren ist die Ausgabe nun zustande gekommen. Das in ihrer Hymne liegende Versprechen von Solidarität habe die DDR nur »sehr mangelhaft eingelöst«, heißt es gleich zu Beginn vom Redaktionskollektiv. Im Gegenteil: Linken Kritikern habe man vorgeworfen, Teil des Problems zu sein, man habe sie als »Volkes Feind« verfolgt. »Die Repression der DDR hat nicht nur vielen Genossen Schlimmstes angetan, sondern auch zu tiefem Misstrauen unter Linken und zu einer Diskreditierung des ›Sozialismus‹ beigetragen«, so das Vorwort.

Dreizehn Beiträge behandeln im Heft verschiedene Facetten der Repression zu unterschiedlichen Zeiten. Dresdner Autoren beschreiben in einem Beitrag etwa, wie Anfang der 1950er Jahre »Moskau-Exilanten« zur Sicherung ihrer Vormachtstellung gegen »Inlandskommunisten«, während des NS-Regimes in Haft oder im Untergrund, vorgegangen waren. Dabei habe man auch ehemalige Häftlinge des Konzentrationslager Buchenwald aus Partei, Öffentlichkeit und politischen Ämtern gedrängt.

Ein anderer Text beschreibt die Bespitzelung einer oppositionellen Studentengruppe an der Berliner Humboldt-Universität zwischen 1975 und 1977. Die sechs Aktivisten waren SED-Mitglieder und sahen sich als Marxisten, die die DDR nach eigener Aussage »untersuchen, verstehen, verändern« wollten. Die Stasi erstellte dank den Berichten eines Spitzels eine Akte mit 5000 Seiten.

Ein Autor aus der Ortsgruppe Leipzig schreibt in seinem Text über die Repression gegen jugendliche Oppositionelle in der DDR. Am Beispiel der Punk- und Alternativszene der 1980er Jahre in Leipzig wird aufgezeigt, wie vor allem Bandmitglieder von Verhaftungen, Verhören und Hausdurchsuchungen betroffen waren. Stasi-Chef Erich Mielke selbst befahl 1983 »Härte gegen Punks«, die »Samthandschuhe« müssten nun ausgezogen werden. Ab 1985 wurde die Szene offiziell als »politischer Untergrund« eingestuft.

Der Konflikt um die Bewertung der DDR wurde auch auf der letzten Bundesdelegiertenkonferenz der »Roten Hilfe« ausgetragen. Ein Mitglied der Potsdamer Ortsgruppe berichtete in einem Rundbrief an die Mitglieder, dass die Positionierung »fast genau entlang der Ost-Westgrenze« verlaufen sei. Ostdeutsche hätten die vorherige »Siegerjustiz«-Ausgabe eher missbilligt, Westdeutsche eher befürwortet. Die ostdeutsche Kritik an der Ausgabe sei von »westdeutschen Linken [...] fast geschlossen zurückgewiesen« worden. Aktive Mitglieder hätten daraufhin ihre Mitarbeit oder Mitgliedschaft beendet.

Ungeachtet der anhaltenden Auseinandersetzungen erklärte das Potsdamer »Rote-Hilfe«-Mitglied aber auch: »Eigentlich ist es ja gut, wenn unterschwellige Konflikte mal ans Tageslicht kommen und endlich offen diskutiert werden.« Dem kann man sich nur anschließen und der »Roten Hilfe« wünschen, dass sie den schwierigen Prozess der Aufarbeitung solidarisch weitergeht. »Ohne den Gang durch die Geschichte der revolutionären Versuche wird es keine revolutionäre Versuchung mehr geben«, schrieb die linke Historikerin Bini Adamczak. »Trauer, Traum und Trauma, von denen das dritte sich um den zweiten schließt und nur durch die erste jemals sich wieder zu öffnen erweicht werden könnte.«

Die Ausgabe 1/2019 der »Rote-Hilfe-Zeitung« kann hier gelesen werden:

https://www.rote-hilfe.de/rote-hilfe-zeitung

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln