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Rechte Fans und die politische Naivität

Christoph Ruf über die Lobpreisung für einen Nazi, mit der der Chemnitzer FC offenbar kein grundsätzliches Problem hat

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

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Chemnitzer FC: Rechte Fans und die politische Naivität

Seit den Ereignissen vom vergangenen Wochenende sind die Fans des Regionalligisten Chemnitzer FC in den Schlagzeilen - mal wieder. Der kurz zuvor verstorbene Thomas Haller, Gründer einer Hooligangruppierung mit dem programmatischen Namen »Hoonara« (Hooligans-Nazis-Rassisten), war mit einer Gedenkminute und einer Trauerchoreographie verabschiedet worden.

Schon 2007 hatte Haller dem Fußballmagazin »RUND« ein Interview gegeben, aus dem hervorging, wie wenig Widerstand dem Chef eines Security-Unternehmens, das möglicherweise weit länger als offiziell behauptet für den CFC arbeitete, in Fanszene und Verein entgegengebracht wurde. Daran hat sich bis zuletzt nichts geändert.

Zugute kam den rechten Fans in der Chemnitzer Kurve dabei in den letzten Jahren immer wieder die politische Naivität maßgeblicher Verantwortlicher beim CFC, der oft erst dann reagierte, wenn Recherchen über die Nazi-Connections vieler Fans so große Kreise gezogen hatten, dass das Problem nicht mehr von der Hand zu weisen war. Das gilt auch für die langjährige Fanbeauftragte des Vereins, Peggy Schellenberger, die Haller und Co. schon vor Jahren mit der Bemerkung verteidigt hatte, privat seien das nette Leute. Dass sie sich vergangene Woche ähnlich äußerte (»Wir waren immer fair, straight, unpolitisch und herzlich zueinander«), ist also kein Wunder.

Ihre mittlerweile erfolgte Absetzung werten viele CFC-Fans dennoch zurecht als Bauernopfer. Eine Petition, die Schellenbergers Wiedereinsetzung fordert, haben gut 2000 Menschen unterschrieben. Auch für den entlassenen Stadionsprecher, der den verstorbenen Nazi als »Anhänger mit Leidenschaft für den Verein« pries, gibt es Solidaritätsbekundungen. Verständlicherweise im Übrigen, denn der Versuch, Handlungsfähigkeit zu demonstrieren, indem man von unten nach oben fegt (und rechtzeitig aufhört), ist wirklich allzu durchsichtig. Zumal die beiden inhaltlich nichts anderes gesagt haben als die Vereinsbosse nach dem Spiel.

Ein grundsätzliches Problem mit der Lobpreisung für einen Nazi hatte beim CFC niemand. Offenbar arbeiten dort ausschließlich Menschen, für die eine politische Ideologie so etwas Ähnliches wie die Frage nach dem Lieblingsauto ist. Der eine antwortet eben so, der andere so.

»Weitgehend wohlwollend« habe die Spieltagsleitung die verlesene Erklärung für Haller betrachtet, bilanziert der MDR nach Durchsicht eines internen Chats. Dazu passen die ersten verharmlosenden Stellungnahmen eines Clubs, der erst durch die vehemente öffentliche Empörung aufgewacht zu sein schien. Der CFC hatte sich offenbar schlicht nicht vorstellen können, wie es anderswo aufgenommen wird, wenn ein Profiverein einen Menschen ehrt, der sich selbst als »Nazi« und »Rassist« bezeichnet.

Das alles ist von Hamburg bis München und von Potsdam bis Saarbrücken gleichermaßen verwundert bis empört kommentiert worden. Und doch ist das, was beim CFC passierte, eben auch durch die spezifisch sächsischen Verhältnisse erklärbar. Es ist ja nicht gespielt, wenn in den Fanforen des CFC und in der öffentlichen Erklärung von »Ultras Chemnitz« die gleiche, völlig ungekünstelte Empörung darüber zu lesen ist, dass da »von außen« einfach zynischerweise kritisiert werde, dass man einem netten Menschen die letzte Ehre erwies, der halt eine von vielen möglichen politischen Meinungen vertreten habe.

Dass rechtsextreme Meinungen zwar nicht ganz so dolle sind wie ein CDU-Parteibuch, findet man wohl auch in Dresden. Doch Sachsen ist nicht ohne Grund das Bundesland, in dem Fachjournalisten, die ein Referat über die NPD halten wollten, bis vor kurzem noch unterschreiben mussten, dass sie auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung stehen. Es ist das Bundesland, in dem Sozialarbeiterinnen und Pädagogen sich auch 2019 noch vielerorts rechtfertigen müssen, wenn von ihnen betreute Jugendliche eine Demo gegen die AfD planen. Dass Links und Rechts gleich schlimm sind und nur die Mitte (in der sich merkwürdigerweise auch die sächsische CDU verortet) demokratisch gesinnt ist, predigen im Sächsischen selbstredend auch einige maßgebliche Politologen. Kein Wunder, dass für die Politik in Dresden dann auch zwingend eine linksextreme Indoktrination vorliegt, wenn sich Menschen gegen rechts engagieren.

Der Chemnitzer FC hat derzeit einige Probleme. Eines davon ist geografisch bedingt: Chemnitz liegt in Sachsen.

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