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Untermieter der Geschichte

Maria Stepanova kämpft gegen das Vergessen in Russland

  • Von Karlheinz Kasper
  • Lesedauer: 4 Min.

Der Roman »Nach dem Gedächtnis« gilt in Russland als bestes Buch des letzten Jahrzehnts. Es erreichte den ersten Platz im Wettbewerb um das »Große Buch« und beim Literaturpreis »Die Nase«. Sein zentrales Thema ist das Erinnern, Maria Stepanova kämpft gegen das Vergessen. Dabei geht es ihr nicht um linear aufgereihte Ereignisse und Personen des objektiven Geschichtsverlaufs, sondern um die Rekonstruktion ihrer jüdisch-russisch-europäischen Familiengeschichte. Ihre lyrisch-essayistische Erzählung erinnert an die Gedankenprosa von Marina Zwetajewa.

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Maria Stepanova: Nach dem Gedächtnis.
A. d. Russ. v. Olga Radetzkaja. Suhrkamp, 527 S., geb., 24 €.

Die Autorin geht bei der Suche nach ihren Wurzeln nüchtern und kritisch vor und stellt die aufgedeckten Fakten und Zusammenhänge immer wieder auf den Prüfstand - in Moskau, Cherson, Nishni Nowgorod, Saratow, Beshezk, Paris, Montpellier, Washington, Oxford, Wien und Berlin. Dabei ergänzt sie ihre eigene Stimme durch einen breit angelegten Dialog mit unzähligen Künstlern und Kunstwerken des 20. Jahrhunderts. Vom Leser verlangt der sprachlich hochsensible Text volle Konzentration.

Das Material zu diesem Buch hat Stepanova, Jahrgang 1972, seit ihrer frühen Jugend zusammengetragen. 1995 reisen ihre Eltern, Moskauer Juden, nach Deutschland aus. Sie nehmen einen großen Teil der Erinnerungsstücke mit - Bilder, Fotos, Ansichtskarten, Tagebücher. Maria bleibt allein zurück. Zu der Zeit, in dem das Land seine Sowjetvergangenheit abzustreifen scheint, will sie nicht weg. Als sie begriffen hat, dass »der unentwegt andauernde Gewaltkreislauf« in Russland »eine Art traumatischen Korridor erzeugt«, und zwar »von Krieg zu Revolution zu Hunger zu Terror zu neuem Krieg und zu neuen Repressionen«, forciert sie die Aufarbeitung der Vergangenheit. Ihr Buch über »eine ganz gewöhnliche Familie« nimmt langsam Gestalt an und wird um mitreißende Porträts geistesverwandter Weltbürger erweitert: Da sind die in Auschwitz ermordete deutsch-jüdische Malerin Charlotte Salomon, der Schriftsteller Ossip Mandelstam, George du Maurier und Winfried G. Sebald, die Kulturkritiker Susan Sontag und Walter Benjamin oder die Fotografen Rafael Goldchain und Francesca Woodman.

Das Ergebnis ist verblüffend. Besteht die Familie bei den meisten Menschen aus »Protagonisten der Geschichte«, scheinen Stepanovas Vorfahren nur deren »Untermieter« zu sein: »Keiner meiner Verwandten hatte an der Front gekämpft, keiner war verfolgt worden, keiner war unter deutsche Besatzung oder in eines der großen Gemetzel des Jahrhunderts geraten«, kaum einer war in der Partei. Unbestritten aber ist jeder Einzelne eine einmalige Persönlichkeit - Großmütter und Großväter, Urgroßeltern und Ururgroßeltern, die Fridmans, Ginsburgs, Gurewitschs, Libmans, Axelrods und Stepanovs, Ärzte, Ingenieure, Kaufleute, Architekten, Buchhalter und Bibliothekare.

Urgroßmutter Sarra Ginsburg ist die Hauptfigur der Familiengeschichte. Mit 17 steht sie 1905 in Nishni Nowgorod auf den Barrikaden, sitzt wegen Verbreitung illegaler Literatur in der Peter-Pauls-Festung. Sie emigriert nach Paris, um Medizin zu studieren, und kehrt 1914 (»schwarzer Pariser Hut mit einer gekräuselten Straußenfeder«) nach Russland zurück. Danach hätte sie »weitermachen, sich Platz im Geschichtsbuch oder auf einer Erschießungsliste sichern können«. Stattdessen zieht sie sich »an den äußersten Rand der Geschichte« zurück, behandelt als Ärztin sowjetische Kinder.

Der Autorin imponiert das »Judentum« und das »Europäertum« dieser Frau. Sie stellt fest, dass ihre Urgroßmutter zur gleichen Zeit in der Stadt war wie Franz Kafka und Max Brod, Anna Achmatowa und Amedeo Modigliani, Lenin und Gorki. Doch auf die Frage, warum sie sich nach der Oktoberrevolution »von der Weltgeschichte abseits gehalten« hat und in der Masse untergetaucht ist, antwortet sie lapidar, gerade das habe Sarra Abramowna gerettet: »Mit so einem Namen zu leben, war einfach grotesk.«

Maria Stepanova ist seit 2001 als Lyrikerin und Essayistin bekannt. Russlands Liberale schätzen die hochintelligente Moskauerin als Chefredakteurin des unabhängigen Internetportals für Kultur und Zeitgeist Colta.ru. Gegenwärtig hat sie die Siegfried-Unseld-Professur an der Humboldt-Universität zu Berlin inne. »Nach dem Gedächtnis« ist ihr erster großer Prosatext, glänzend geschrieben und von gedanklicher Brillanz. Olga Radetzkaja hat ihm eine erstklassige deutsche Sprachform gegeben.

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