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Hasen, Bären und ein Mord

Jonathan Lethem beherrscht alle Genres, auch in seinem neuen Detektivroman

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 4 Min.

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Eine Frau um die 30, die letzten Wochen vor der Amtseinführung von Donald Trump; Männer, die zu viel reden (aka Mansplaining); Hasen und Bären, ein Berg und eine Wüste. Klingt nach Stichworten für einen Kurs im kreativen Schreiben? Das könnte es sein. Oder aber der neue Roman von Jonathan Lethem, Autor von »Motherless Brooklyn«, »Chronic City« und »Die Festung der Einsamkeit«.

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Jonathan Lethem: Der wilde Detektiv.
A. d. Amerik. v. Ulrich Blumenbach. Klett-Cotta, 335 S., geb., 22 €.

Der Plot geht etwa so: Phoebe Siegler, eine junge Journalistin in New York, nicht besonders erfolgreich, aber mit einem guten Job, gibt ebenjenen auf, weil nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten alles irgendwie sinnlos geworden ist. Sie geht auf die Suche nach Arabella, der Tochter ihrer besten Freundin, die den Kontakt zur Mutter abgebrochen hat. Weil Arabella ein großer Fan von Leonard Cohen ist, sucht Phoebe sie in der Umgebung eines Zen-Klosters in Los Angeles, in dem Cohen einige Zeit verbracht hatte. Der Privatdetektiv Charles Heist - der »wilde Detektiv« aus dem Romantitel - soll ihr dabei helfen. Phoebe verliebt sich in Charles, findet Aussteiger-Communitys in der Wüste, wird in einen Mord verwickelt, verliert Charles und geht erneut auf die Suche. Mehr sei nicht verraten.

Ein Detektivroman also. Das weckte bei Kritikern und Lesern Erinnerungen und Erwartungen: Auch »Motherless Brooklyn« war eine Detektivgeschichte. Doch viel mehr Gemeinsamkeiten gibt es nicht. Tatsächlich zieht sich durch das gesamte Werk des New Yorker Autors eine Suche, eine Unruhe - und während fast alle seiner Bücher New-York-Romane sind, so sind viele von ihnen gleichzeitig Roadmovies in Buchform.

Hier reiht sich auch »Der wilde Detektiv« ein. Die New Yorkerin Phoebe reist ins entfernte Los Angeles, um ein junges Mädchen zu suchen (oder sich selbst, wie sie mehrmals betont), bleibt aber mit ihrem hippen Großstadtleben per Smartphone und Facebook in Verbindung - wenn sie denn gerade Empfang hat. Den hat sie meistens nicht, wenn sie mit dem wilden Detektiv ins Hinterland fährt, um mit Obdachlosen Dämme zu bauen, die deren Camps vor Regenfluten schützen sollen, auf Berge steigt, wo Koreaner (oder Chinesen, je nachdem, mit wem sie spricht) ein Survival-Camp aufgebaut haben, oder in der Wüste auf Kaninchen und Bären trifft, die gar keine sind.

»Der wilde Detektiv« ist im Vergleich zu Lethems früheren Büchern ein eher leichter Roman, ein süffiges Lesevergnügen mit gewitzter Story, weder so seriös wie das Familienepos »Der Garten der Dissidenten« noch so beschwingt wie »Chronic City«. Hier zieht kein Nebel auf, der für die einen nach Schokolade schmeckt, für die anderen in den Ohren klingelt. Hier treibt kein Tiger sein Unwesen in unausgebauten U-Bahntunneln. Und hier findet auch niemand einen Ring wie in »Die Festung der Einsamkeit«, mit dem man fliegen oder sich unsichtbar machen kann. Und das im Rahmen einer ansonsten ganz real erzählten Coming-of-Age-Geschichte.

Während sich die Bücher mancher Autoren lesen, als höre man auf einer CD mit 13 Tracks das immer gleiche Lied, kehren in Lethems Romanen zwar Motive wieder, und auch die Sprache bleibt erkennbar die seine. Dennoch ist das Werk des Schriftstellers von einer ungewöhnlichen Vielfalt geprägt: Fiction, Non-Fiction, Science-Fiction, fiktionalisierte Biografien - Lethem schreibt alles und beherrscht auch alles. Dass sich seine Bücher stellenweise wie Fingerübungen aus Creative-Writing-Kursen lesen, steigert nur das Lesevergnügen.

Geschwächt wird dieser Eindruck lediglich minimal von schräg gestellten Kapitelüberschriften in der deutschen Ausgabe. Offenbar meint der Verlag, das Buch optisch aufpeppen zu müssen, um es für junge Leser - unnötigerweise - auch visuell anziehend zu gestalten. Für Lethem-Fans und Freunde guter Literatur erweckt das allerdings den Anschein, als fürchte der Verlag, der Text sei sich selbst nicht genug.

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