neues-deutschland.de / 20.03.2019 / Seite 38

»Lieber tanz ich als G20«

GoGoGo präsentiert eine vielstimmige Protestchronik

Gaston Kirsche

In jenen zehn Tagen im Juli 2017 herrschte in Hamburg Ausnahmezustand - durch die Austragung des G20-Gipfels und den vielfältigen Protest dagegen. Eine Chronik lässt die Dramatik jener zehn Tage lebendig werden. Auch wer beim Gipfelprotest dabei war, wird hierin viel Neues entdecken - denn im bunten Protestgewusel war es unmöglich, alle Aktionen mitzubekommen. Es herrschte ein produktives, manchmal recht chaotisches Nebeneinander unterschiedlichster, sich teilweise widersprechender Aktionsformen.

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GoGoGo (Hg.): Das war der Gipfel. Die Proteste gegen G20 in Hamburg.[1]
Assoziation A, 276 S., br., 24 €.

So fand am Sonntag vor dem Gipfel eine explizit gesetzestreue »Protestwelle« professioneller NGOs statt, in Abgrenzung von der großen Demonstration »Grenzenlose Solidarität statt G20«, die angemeldet wurde von Jan van Aken, seinerzeit Bundestagsabgeordneter der LINKEN für Hamburg. Er und seine Mitstreiter hatten ein gewaltfreies, Autonome dennoch nicht ausgrenzendes Konzept durchgesetzt, was hier explizit gewürdigt wird. »Die Polizeiführung plante offenbar einen Angriff auf die G20-Abschlussdemonstration«, vermutet Christiane Schneider, Hamburger Bürgerschaftsabgeordnete der Linkspartei in ihrem prägnanten Buchbeitrag. Beteiligten dürfte die brachiale und anlasslose Zerschlagung der autonomen Demonstration zwei Tage zuvor mit zahlreichen Schwerverletzten noch vor Augen stehen. Aber die Abschlussdemonstration konnte bis auf kleinere Polizeiangriffe stattfinden: Für einen Angriff »waren zu viele Menschen auf der Straße«, so die Autorin.

In dem grafisch sorgfältig gestalteten, fein gedruckten Band gibt es zahlreiche Fotos, die markant die Texte illustrieren und die Stimmung in der Innenstadt rund um den Austragungsort des G20-Gipfels authentisch wiedergeben - mit Tränengas, Polizeifahrzeugen und Polizeiknüppeln, Menschenmassen, Demonstranten und Zaungästen.

»Summit Policing - bitte nicht stören« ist der kurze, informative Abriss des Autonomen Andreas Blechschmidt eingangs über »den größten Polizeieinsatz der Hamburger Geschichte« mit 31 000 zum Gipfelschutz beorderten Beamten getitelt. Es folgen kurzweilige Kapitel, in denen die Veranstalter die vielen unterschiedlichsten Protestaktionen beschreiben und erläutern, was sie zu ihrem Engagement bewogen hat und wie sich der unabhängige, mehr oder weniger dissidente linke Teil der Zivilgesellschaft vom Staat herausgefordert sah durch ein als Herrschaftspropaganda wahrgenommenes Treffen der mächtigsten 19 Staaten der Welt plus EU.

Die ganze Bandbreite der Proteste wird in dieser einzigartigen Chronik dokumentiert. Beginnend mit den Camps der Aktivisten und den Angriffen auf diese, über das alternative Medienzentrum FCMC, diverse Kunstperformances des Megafonchors, Straßentheater, die Rebel Clowns bis hin zum populären Rave »Lieber tanz ich als G20«. Sprachlich auf unterschiedlichem Niveau, aber stets informativ und aufschlussreich, dürfte dieser Band sowohl Teilnehmer und Teilnehmerinnen ansprechen als auch Interessierte, die das Geschehen aus der Ferne verfolgten. Der handliche Band im quadratischen Format ist ein Lesebuch, das nicht nur vielfältige und widersprüchliche Erinnerungen wecken mag, sondern durch sein Angebot diverser Perspektiven auch für künftige Aktionen und Proteste einen wertvollen Fundus an Anregungen offeriert.

Besonders spannend sind die zahlreichen Bezugnahmen der Aktivisten untereinander, etwa wenn eine Gruppe des Recht-auf-Stadt-Bündnisses mit ihrem Lautsprecherwagen auf die Reeperbahn fährt, um den auseinandergejagten und teilweise versprengt durch die Stadt irrenden autonomen Demonstranten einen Sammelpunkt anzubieten für eine Spontandemonstration gegen Polizeigewalt - eine von vielen Sternstunden spektrenübergreifender, bei anderen Gelegenheiten nicht allzu selbstverständlicher Solidarität. Erkenntnisreich auch das Streitgespräch über den Barrikadenabend im Schanzenviertel zwischen Befürwortern und Gegnern solcher Formen des Protestes. Andererseits scheinen einige Kapitel unvermittelt und ohne Bezug aufeinander in diesem Buch vereint. Aber das gab es eben auch bei den Protesten in Hamburg. Dieses Gipfel-Buch trägt zudem dazu bei, dass nicht die Justiz mit noch den laufenden Prozessen gegen Aktivisten das letzte Wort in der Deutung der großartigen antikapitalistischen Protestwoche hat.

Links:

  1. https://www.neues-deutschland.de/shop/article/9783862414611