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Je reicher, desto ungleicher

Studien zum Equal Pay Day belegen anhaltenden Sexismus / Am ungerechtesten geht es in Bayern und Baden-Württemberg zu

  • Von Lotte Laloire
  • Lesedauer: 5 Min.

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Wenn sich einfach nichts ändert, verteilen wir dieses Jahr eben Brötchen, scheinen sich Frauen in Mecklenburg-Vorpommern gedacht zu haben. Bei der Mahlzeit für Passanten geht es nicht ums Bemuttern. Es soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass Brötchen für alle gleich viel kosten, Frauen aber beim Lohn noch immer diskriminiert werden.

Der Bruttostundenlohn von Männern lag 2018 durchschnittlich bei 21,60 Euro, Frauen kamen nur auf 17,09 Euro, wie das Bundesamt für Statistik jüngst mitteilte. Der »unbereinigte« Gender Pay Gap, also der durchschnittliche Lohnvorsprung der Männer, liegt somit bei 21 Prozent. Wer verstehen will, warum ausgerechnet am 18. März Equal Pay Day ist, muss diesen Anteil nur auf ein Jahr umrechnen. Das macht 77 unbezahlte Arbeitstage für Frauen.

Ins Leben gerufen wurde der Tag 2008 vom Verband Business and Professional Women, gefördert vom Bundesministerium für Familie und Frauen. Seit Beginn der Kampagne war der Gender Pay Gap um zwei Prozent gesunken, seit drei Jahren aber stagniert er. Dieses Jahr lautet das Motto des Aktionsbündnisses, an dem sich Gewerkschaften, der Deutsche Frauenrat und der Sozialverband Deutschlands beteiligen: »Wertsache Arbeit«.

Und beim Wert geht der Streit schon los. Statt die unbereinigten 21 Prozent anzuerkennen, führen dieser Tage viele den »bereinigten Gender Pay Gap« ins Feld, also Verdienstunterschiede bei gleicher Qualifikation, Tätigkeit und Erwerbsbiografie. Er liegt derzeit bei sechs bis sieben Prozent. Die Arbeitszeitexpertin Dr. Yvonne Lott vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung findet: »Auch das ist eine hohe Differenz, die man vor allem auf direkte, blanke Diskriminierung zurückführen kann.« Doch sie und andere Expert*innen halten diesen Wert für nur »bedingt aussagekräftig«, da hierbei zentrale Dimensionen der Geschlechterungleichheit ausgeblendet würden. Neben Berufsgruppe und Wirtschaftszweig ignoriert er die hohe Belastung von Frauen mit Haus-, Sorge- und Pflegearbeit sowie häufig damit verbundene, schlechter bezahlte Teilzeitjobs. Letzteres betrifft laut Statistikamt jede zweite Frau, aber nur neun Prozent der Männer.

Zum altbekannten Karrierekiller Teilzeit sind der Berliner Gender-Forscherin Aline Zucco vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) neue Erkenntnisse zu verdanken. Sie hat das aus den USA bekannte Phänomen der »part time penalty« auch hierzulande nachgewiesen. Grob gesagt bestrafen Arbeitgeber Teilzeitbeschäftigte mit überproportional niedrigen Löhnen – obwohl das laut Yvonne Lott »illegal« ist. Zucco konnte in ihrer Studie für das DIW nun zeigen, dass Vollzeitangestellte etwa im Bereich Unternehmensorganisation rund 28 Euro in einer Stunde verdienen. Kolleginnen oder Kollegen mit einer Wochenarbeitszeit von bis zu elf Stunden erhielten pro Stunde 17 Euro weniger. »Es gibt Berufe, da spielt es für den Stundenlohn eine erhebliche Rolle, ob Sie viele oder wenige Arbeitsstunden leisten«, erklärt Zucco auf Nachfrage des »nd«.

Die Logik der Arbeitgeber: Wer aufgrund von Teilzeit etwa eine Abgabefrist nicht einhält oder ein Meeting verpasst, produziere Kosten. Die muss er oder sie selbst tragen und da Frauen häufiger Teilzeit arbeiten wollen beziehungsweise von Gesellschaft, Steuersystem oder Familie dazu gedrängt werden, bestraft dieser ›time gap‹ sie besonders. Anders sei dies laut Zucco in der Gesundheits- und Krankenpflege. Dort sei die Entlohnung unabhängig von der Wochenarbeitszeit. »Wo standardisierter gearbeitet wird – etwa mit Patientenakten –, können sich die Beschäftigten eher gegenseitig ersetzen.« Das komme dem Teilzeitmodell entgegen, so Zucco.

Ein anderes Stichwort am Equal Pay Day sind ›Frauenberufe‹. Das ist kein sexistischer Begriff, sondern meint nach Definition in Zuccos Studie die Jobs, in denen der Frauenanteil bei über 70 Prozent liegt. Etwa das Erziehungswesen oder der Einzelhandel, wo generell schlecht gezahlt wird. Weil dort viele Frauen tätig sind, treibt das den gesamten Gender Pay Gap in die Höhe. ›Frauenberufe‹ sind quasi ein eigener Niedriglohnsektor. Das Glück im Unglück ist: Zwischen den schlecht bezahlten Frauen und Männern ist teilweise immerhin die Ungerechtigkeit kleiner. Ein Erklärungsansatz ist, dass in Berufen mit geringeren Aufstiegsmöglichkeiten übliche Karrieredämpfer oder -killer wie die Babypause weniger ins Gewicht fallen. Unterm Strich bleibt aber: In den meisten ›Frauenberufen‹ bekommen immer noch Männer mehr Geld, etwa in der Arzt- oder Praxishilfe oder in der Altenpflege.

In sogenannten Mischberufen klaffe auf dem Gehaltszettel oft ein großes Loch, erklärt Lott. Laut WSI verdienten Versicherungskauffrauen 21 Prozent weniger und Bauingenieurinnen 16 Prozent. Zucco vom DIW definiert als »Mischberufe« diejenigen, in denen der Frauenanteil zwischen 30 und 70 Prozent liegt. Hier sieht sie sogar die größte Lücke. »In den gut bezahlten Bereichen Unternehmensorganisation und -strategie, Rechnungswesen, Controlling und Revision lag der Gap 2018 zwischen 34 und 35 Prozent«, schreibt sie. Das liegt auch daran, dass Frauen hier besonders selten Führungspositionen besetzen, wie das DIW in anderen Studien alle Jahre wieder belegt. Selbst wenn Frauen Führungspositionen ergattern, werden sie in den meisten Branchen mit einem noch größeren Lohnunterschied bestraft als ungelernte Arbeiterinnen, wie aus einer Grafik des WSI hervorgeht.

Den Eindruck »Je reicher, desto ungleicher« bestätigt auch der regionale Vergleich: So bleibt das reiche Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Ländern bei der fairen Bezahlung der Geschlechter ein Schlusslicht. Wirtschaftlich starke Bundesländer wie Baden-Württemberg (Lohnlücke: 22,7) und Bayern (21,9) schneiden besonders schlecht ab. Dort sei verarbeitendes Gewerbe wie die Autoindustrie verankert; mit gut bezahlten Jobs, in denen vor allem Männer arbeiteten, erklärt Lott.

Am gerechtesten geht es in Ostdeutschland zu: Brandenburg mit 14,9 Prozent, Sachsen-Anhalt mit 15,5 Prozent, Berlin mit 16,4. Lott führt dies jedoch nicht unbedingt auf das kulturelle Erbe der Region zurück, etwa dass Frauen dort immer mehr Vollzeit gearbeitet haben, da bei der WSI-Erhebung nur Vollzeitstellen und deren Äquivalente miteinander verglichen wurden. In Ostdeutschland seien nach der Wende die gut bezahlten Industriejobs der Männer weggefallen. »Das heißt, dort geht es nicht Frauen besser, sondern den Männern schlechter als im Westen«, erklärt sie den mit sieben Prozent deutlich niedrigeren Lohnunterschied in den neuen Bundesländern.

Frauen, die all das satt haben und eine schnelle, individuelle Lösung suchen, könnten entweder auswandern – nach Rumänien oder Italien – oder hierbleiben und sich im »Polizeivollzugs- und Kriminaldienst, Gerichts- und Justizvollzug« bewerben. Das ist nach »bereinigten« Werten des DIW der einzige Bereich mit deutlich negativem Gender Pay Gap, also höherem Lohn für Frauen als für Männer.

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