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Lidl lockt mit besseren Löhnen

Um leichter Personal zu finden und zu binden, erhöht der Discounter seinen Einstiegslohn über Tarif

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.

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Nach jahrelangem Lohndumping, Prekarisierung und Tarifflucht im Einzelhandel ließ eine Meldung zum Wochenbeginn aufhorchen. So kündigte der große Lebensmitteldiscounter Lidl an, den Einstiegslohn für seine Beschäftigten in Deutschland zum 1. März auf mindestens 12,50 Euro brutto pro Stunde anzuheben. Damit werden alle in den untersten Lohngruppen eingestuften Beschäftigten, insbesondere Ungelernte und Aushilfen, von Anfang an faktisch höher entlohnt als in den regionalen Branchentarifverträgen vorgesehen. Vollzeitkräfte kämen so von Anfang an auf ein Bruttoeinkommen von über 2000 Euro pro Monat. Dies sei »ein faires Lohnniveau, mit dem sich sicher und langfristig planen lässt«, erklärte Lidl Deutschland-Chef Matthias Oppitz.

Der Manager forderte die anderen Handelsketten auf, die anhaltende Tarifflucht zu beenden und es seinem Konzern gleichzutun. »Wir werden sonst langfristig noch stärkeren Personalmangel oder Abwanderung in andere Branchen erleben«, so der Spitzenmanager. »Tarifflucht schadet letztlich allen.«

Lidl Deutschland hatte bereits im Jahre 2010 einen firmeninternen Mindesteinstiegslohn von 10 Euro pro Stunde eingeführt und die zwingende Tarifbindung in der Einzelhandelsbranche gefordert. Das Unternehmen rühmt sich auch mit den Verzicht auf Arbeitsverträge mit sachgrundloser Befristung. Kürzlich hatte auch Kaufland, die »Schwester« von Lidl unter dem Dach der Schwarz-Gruppe, angekündigt, Ungelernten mindestens elf Euro pro Stunde zu zahlen.

Die Schwarz-Gruppe mit Sitz in Neckarsulm (Baden-Württemberg) zählt neben Edeka (mit Netto), Rewe (mit Penny) und Aldi bundesweit zu den vier Großen der Branche und gilt als größter Lebensmittelhändler in Europa. Nach ver.di-Recherchen handelt es sich hier um ein kompliziertes Unternehmensgeflecht von mehreren Stiftungen und hunderten Gesellschaften, das »einer Blackbox ähnelt«. Konzernchef Dieter Schwarz gilt als der reichste Deutsche. Sein Vermögen wird auf bis zu 39 Milliarden Euro geschätzt.

Orhan Akman, für den Einzelhandel zuständiger Bundesfachgruppenleiter von ver.di, begrüßte auf nd-Anfrage das Bekenntnis von Lidl zum Flächentarifvertrag und zur angestrebten Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen. Dies zeige, dass der Wettbewerb in der Branche nicht über Löhne und Gehälter ausgetragen werden müsse. Lidl sei offenbar finanziell gut aufgestellt und auch mit einem übertariflichen Mindestlohn von 12,50 Euro pro Stunde in der Lage, mit den von den Beschäftigten erwirtschafteten Gewinnen europaweit zu expandieren und neue Märkte zu erobern.

Allerdings komme es jetzt darauf an, »dass die Schwarz-Gruppe ihren Einfluss in der Arbeitgebervereinigung Handelsverband Deutschland (HDE) bundesweit und regional in diesem Sinne geltend macht, um den Trend zur Tarifflucht zu stoppen«, mahnte Akman. Schließlich sei die Allgemeinverbindlichkeitserklärung der zwischen ver.di und den zehn HDE-Tarifbezirken abgeschlossenen Tarifverträge bisher stets an der Blockade des Handelsverbands gescheitert, so der Gewerkschafter. »Wir erwarten von großen Konzernen wie Rewe, Edeka, Aldi und real, dass die sich zu allgemeinverbindlichen Tarifverträgen bekennen.« Gleichzeitig müsse aber auch die Politik »den Weg frei machen, damit die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen generell vereinfacht und durchgesetzt wird«, so Akman.

Das Bekenntnis von Lidl zur Tarifbindung dürfte gut für das Image einer Handelskette sein, die noch vor gut einem Jahrzehnt wegen seiner miserablen Arbeitsbedingungen öffentlich angeprangert wurde. Es dürfte auch der Erkenntnis geschuldet sein, dass allzu niedrige Löhne die Unzufriedenheit in den Filialen und damit den Personaldurchlauf steigern und so den Betriebsablauf hemmen. Tatsache ist aber auch, dass es in deutschen Lidl-Filialen nach Angaben von ver.di weniger als eine Handvoll Betriebsräte gibt. »Das könnte rein theoretisch Ausdruck paradiesischer Verhältnisse sein«, so Akman, was er selbstverständlich nicht glaubt, vielmehr sieht er darin einen »Ausdruck von Hemmnissen in der Unternehmenskultur«. Im Gegensatz zu Lidl bestünden bei der Konzernschwester Kaufland fast flächendeckend Betriebsräte, ebenso bei den Einzelhandelsketten Penny und Netto, berichtet der Gewerkschafter.

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