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  • Iron Sky: The Coming Race

Reptiloide, Mondnazis und die Hohlwelt

»Iron Sky: The Coming Race« verspielt die politische Möglichkeit zerstörenden Lachens

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Vorneweg die Konsumenteninformation: Der zweite Teil des »Iron Sky«-Franchise, »The Coming Race«, ist wieder nicht gut. Bereits der erste hatte das Problem, dass aus der einen einsamen Idee, auf der er fußt, nicht wirklich etwas entwickelt wird. Das Konstruktionsprinzip: Man nimmt eine Verschwörungstheorie aus dem maximal abstrusen Segment des Spektrums (Reichsflugscheiben, Neuschwabenland, Nazis auf dem Mond, gibt es alles im Internet), pappt ordentlich Filmzitate drauf und tut so, als wäre das ein Plot. Wer keinen Spaß an launigen Filmverweisen, fahlem Antiamerikanismus und lustigen deutschen Wörtern - Sauerkraut! - hat, hatte man mit »Iron Sky« keine Freude.

»The Coming Race« bleibt da in der Spur. Nach dem Erfolg des ersten Teils ist das Sequel opulenter ausgefallen. Die forcierte Trash-Ästhetik ist Bildern gewichen, die erkennbar mehr gekostet haben. Auch die Weltkonstruktion ist aufwendiger gestaltet: Die Mondnazi-Idee wird kombiniert mit der Hohlwelt-Theorie und Reptiloiden-Wahn. Hitler (die einzige Freude in diesem Film: Udo Kier), Margaret Thatcher, Steve Jobs und Mark Zuckerberg - es ist diesem Film vielleicht wirklich alles eins - sind Außerirdische und hocken im Innern der Erde. Weil man die 90 Minuten mit dem Reptiloiden-Plot und ordentlich Krachbumm dann doch nicht gut rumbekommt, gibt es ein gutes Dutzend Witze, die im Wesentlichen darauf basieren, dass Apple Züge eines religiösen Kultes trägt. Spätestens beim dritten mauen Scherz über iPhones weiß der Zuschauer, dass das alles sehr, sehr zäh werden wird.

Aufschlussreich ist »Iron Sky: The Coming Race« trotzdem, schon weil im Kino ja alles irgendwie aufschlussreich ist, wenn man sich nur ein bisschen Mühe gibt. Über Nazis lachen, das wurde einst mit großem Ernst diskutiert. Anhand von Roberto Benignis »Das Leben ist schön« wurde 1999 abgewogen - geht die Komik einher mit einer Banalisierung, dient das Publikumslachen der Selbstberuhigung? Gehard Scheit sah damals das reale Grauen in der Rührung angesichts des Heldenopfers verschwinden: »Er stirbt, damit die andern leben, damit es den andern gut geht, damit das Leben schön ist«.

Die Kluft zwischen realem Grauen und harmlos anmutenden Filmbild war seit jeher Gegenstand der Kritik; Adorno sah in der Szene im »Großen Diktator«, in der »ein jüdisches Mädchen SA-Männern der Reihe nach eine Pfanne auf den Kopf haut, ohne dass es in Stücke zerrissen würde«, einen Frevel. Dass er die Wirklichkeit des NS verfehle, wurde noch Dani Levys »Mein Führer« vorgeworfen.

»Das Leben ist schön« meinte noch, dem Publikum etwas über den Nationalsozialismus mitzuteilen, der Film bezog sich auf eine historische Wirklichkeit. Das ist die Voraussetzung der Kritik und ihr Anlass. Im Falle von »Iron Sky: The Coming Race« würde sie ins Leere gehen. Die Nazifiguren sind hier nur gleichermaßen entleerte wie möglichst reizintensive Zeichen; Hitler reitet meme-tauglich auf einem Tyrannosaurus Rex, solche Sachen. Die Tradition lustiger Nazi-Exploitation, in die »Iron Sky: The Coming Race« sich stellt, reicht mindestens zurück bis zu Russ Meyers »Up!« (1976), geht über Jörg Buttgereits »Blutige Exzesse im Führerbunker« (1982) bis hin zu Edeltrash wie den beiden »Dead Snow«-Filme (2009 und 2014). Diese Filme waren vor allem dann gut, wenn sie das Charisma zerkloppten, das die Nazis im Genrekino viel zu oft zugesprochen bekommen. Dann war die Entleerung potenziell eine Erleichterung vom weihevollen Nazikitsch, den auch gut gemeinte Filme transportierten - und in dieser Hinsicht verbunden mit der Welt jenseits der Leinwand.

Im »Iron Sky«-Franchise aber sind die Signifikate sozusagen vollständig aus der Gleichung genommen. Zugunsten von Signifikanten, die eigentlich keine sind, weil sie nicht mehr sein wollen als Signale, um das Publikum zum großen Hehehe aufzurufen. Die Nazi-Uniform als Äquivalent zu einem müden Karnevalstusch. Damit geht aber auch die Möglichkeit eines Charisma zerstörenden Lachens über Bord. Es bleibt ein Film, den man ohne Mühe komplett vergessen kann.

»Iron Sky: The Coming Race«, Finnland/BRD/Belgien 2019. Regie: Timo Vuorensola; Darsteller: Lara Rossi, Vladimir Burlakov. 93 Min. Start: 21.3.

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