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Die Kaffee-Kommunisten

Antikapitalistisch, aber trotzdem erfolgreich - die Hamburger Rösterei Quijote

  • Von Volker Stahl, Hamburg
  • Lesedauer: 4 Min.

In dieser Firma ist vieles anders. Es gibt bei Quijote, einem Kollektiv in Hamburg, keinen Chef, keine Hierarchien, absolute Transparenz. Jeder bezieht das gleiche Gehalt, das für einen alternativen Betrieb mit rund 4000 Euro brutto recht üppig ist. Ein Boulevardblatt bezeichnete die antikapitalistischen Unternehmer, die sich auf den edlen Ritter Don Quijote berufen, deshalb kürzlich als »Kaffee-Kommunisten«.

Und die kultivieren nicht nur ungewöhnliche Geschäftsmethoden, sondern pflegen auch einen lockeren Umgangston. Zur Begrüßung stellt sich der Firmengründer als »Pingo« vor und erklärt seinen Spitznamen auf Nachfrage so: »Ich hatte als Kind einen Stoffpinguin als Kuscheltier.« Aha! Auf dem Weg zum Besprechungsraum im ersten Stock des Gebäudes an der Marckmannstraße im Stadtteil Rothenburgsort kommt uns »Katze« im Treppenhaus entgegen. Andere Mitglieder des zehnköpfigen Kollektivs heißen »Schwan«, »Gazelle« oder »Hörnchen«. Auch zwei »Wölfe« sind dabei. »Wir sprechen uns nur mit Tiernamen an. Wenn man sich streitet, klingt das nicht so hart«, erklärt Pingo (45), alias Andreas Felsen, die innerbetriebliche Skurrilität.

Doch Hader gebe es bei Quijote nicht so oft, obwohl alle Entscheidungen laut »Binnenvertrag« einstimmig getroffen werden müssen, sagt Pingo, der 25 Jahre Erfahrungen in alternativen Projekten gesammelt hat. Besonders hilfreich für das von ihm im November 2010 als Offene Handelsgesellschaft (OHG) gegründete Unternehmen war seine Tätigkeit beim anarchistischen Kaffeeimporteur Café Libertad, wo er den Job von der Pike auf gelernt hat. Heute gibt es in Hamburg außer dem libertären Café mit Aroma Zapatista, Torrefaktum, La goto negra und dem aus der Solidarität mit der sandinistischen Bewegung in Nicaragua hervorgegangenen El Rojito weitere basisdemokratische aufgestellte Röstereien. Einen Unterschied zum Quijote bestehe aber doch, sagt Pingo: »Die meisten lassen rösten, wir rösten selber.«

Und zwar nur Kaffeesorten, die das Unternehmen selbst importiert, Bioqualität haben und die man dank regelmäßiger Besuche bei den Erzeugern vor Ort lange kennt. »Dabei arbeiten wir ausschließlich mit Kleinbauern zusammen, nie mit Großgrundbesitzern«, betont Pingo, dessen Großvater auch Kaffeeröster war. Heute importiert Quijote 200 Tonnen Rohkaffee im Jahr - aus Ecuador, Guatemala, Honduras, Indien und Peru. Die gerösteten Bohnen werden zu 60 Prozent über die Website verkauft, der Rest wird an Gastronomiebetriebe aus der Region geliefert, jedoch nicht an »unangenehme Hipster-Cafés«. Jeder Käufer kann auf der Website von Quijote recherchieren, woher die Bohnen stammen, wie viel dafür an die Bauern gezahlt wurde. Die Lieferanten erhalten durchschnittlich 3,10 Dollar pro Pfund Rohkaffee. Zum Vergleich: Der Weltmarktpreis liegt derzeit bei einem Dollar, bei fairem Kaffee bei 1,90 Dollar.

Trotz dieses Idealismus bleibt für die zehn Mitglieder des Kollektivs aus der Marckmannstraße viel Geld übrig. Zurzeit bekommt jede Vollzeitkraft 3700 Euro Gehalt im Monat. Für das erste Kind gibt es 300 Euro extra, für das zweite 150 Euro. »Den Zuschuss bekommt auch, wer seine Eltern pflegt oder einen chronisch kranken Angehörigen«, betont Pingo. Anvisiert ist die Auszahlung von 4280 Euro. So hoch ist der Hamburger Durchschnittslohn im produzierenden Gewerbe. Noch in diesem Jahr soll das klappen.

Darüber freuen sich dann die 27 bis 45 Jahre alten Mitglieder des aus sieben Männern und drei Frauen bestehenden Kollektivs, zu dem eine Kubanerin, ein Brasilianer und ein Syrer gehören. Nicht nur die Herkunft der Mitarbeiter ist divers, auch deren Berufe sind es. Mit dabei sind eine ausgebildete Lehrerin, eine Ex-Fotografin mit Werbeagentur-Erfahrung, ein Ingenieur, ein Kaffeeröster, ein Speditionskaufmann und Logistiker und ein ehemaliger Mitarbeiter des Hamburger SV. Jörg von Ahn hat früher das Fanzine »Grandperle« herausgegeben, heute kümmert er sich bei Quijote schwerpunktmäßig um den Versand. Aber nicht nur. »Jeder muss alles mal machen, auch stumpfsinnige Arbeiten wie das Abfüllen des Kaffees in die Tüten«, erklärt von Ahn. Auch gekocht wird oft gemeinsam. Wer keine Lust dazu hat - kein Problem. »Der Abwasch muss ja auch gemacht werden«, sagt Pingo schmunzelnd.

Weiteres Wachstum gehört nicht zu den primären Zielen des Unternehmens, für das fünf der zehn Mitarbeiter persönlich haften. Das Risiko ist aber verschwindend gering; 700 000 Euro Eigenkapital hat die Firma trotz großzügiger Spendenaktivitäten gebunkert. »Die offenen Handelsgesellschaft OHG - eine sehr flexible und kreditwürdige Gesellschaftsform«, erklärt Pingo die zur Gründung gewählte Rechtsform. Für die Zukunft ist die Umwandlung in eine Genossenschaft angedacht, was den Verwaltungsaufwand allerdings deutlich erhöhen würde. Am wichtigsten ist den edlen Rittern aber, mit ihrem Geschäftsmodell stärkeren Einfluss auf die knallharte Kaffeebranche zu nehmen, betont Pingo: »Wenn Addi Darboven die Kollektivierung seines Unternehmens wünscht, helfen wir ihm gerne dabei.«

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