Werbung

Alt-Mieter wollen nicht gehen

In der Fechnerstraße 7 in Wilmersdorf wehren sich die Bewohner gegen Neubaupläne des Investors

  • Von Jérôme Lombard
  • Lesedauer: 3 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

»Habt ihr schon gehört, dass mir eine Ersatzwohnung in der Heerstraße angeboten wurde?«, fragt Monika Hesse* in die Runde des Stammtisches vom »Freundeskreis F7«. Die Männer und Frauen, die im Stuhlkreis zusammensitzen, schütteln die Köpfe. »Dort soll ich die Hälfte meines aktuellen Wohnraums für den doppelten Mietpreis bekommen.« Das Angebot des Hauseigentümers sei blanker Hohn, sagt Hesse. »Ich werde natürlich ablehnen.« Die anderen nicken.

So wie an diesem Abend geht es mindestens einmal die Woche zu in der Fechnerstraße 7 in Wilmersdorf. In einer der neun Wohnungen, die in dem 1961 errichteten Nachkriegsbau derzeit noch bewohnt sind, treffen sich die verbliebenen Mieter. Sie haben ihre Initiative »Freundeskreis F7« genannt, da auch Nachbarn aus anderen Häusern regelmäßig zu den Treffen kommen. »Die Verdrängung von Alt-Mietern, die in Wilmersdorf im großen Stil im Gange ist, hat uns im Kiez näher zusammengebracht«, sagt Angelika Eggert (Name geändert). Die ältere Dame wohnt seit 20 Jahren in einer Einzimmerwohnung in der Fechnerstraße 7. Los ging es mit den Vernetzungstreffen im vergangenen Juli. Da flatterten den Mietern die ersten Kündigungsschreiben des Eigentümers ins Haus. Den damals noch 24 Mietparteien wurde wegen »Hinderung an einer angemessenen wirtschaftlichen Verwertung des Grundstücks« gekündigt.

Der thüringische Immobilieninvestor »Krieger & Schramm«, der das Haus Anfang 2018 gekauft hatte, will das Gebäude abreißen. An seiner Stelle soll ein moderner Neubau entstehen. »Es ist unser Ziel, an diesem Standort 124 Mietwohnungen zu schaffen«, sagt Mirko Fiedler, Geschäftsführer der Berliner Niederlassung von »Krieger & Schramm«. Der alte Bau sei durch Schadstoffe wie Asbest belastet. Mit dem Neubau wolle man Ein- bis Dreizimmerwohnungen für »Alleinstehende, Familien und Senioren« schaffen und somit für eine »gemischte Hausgemeinschaft« sorgen. »Eine Vermietung als Ferienwohnungen oder für zeitlich begrenztes Wohnen ist nicht geplant«, erklärt Fiedler.

15 der ursprünglichen Bewohner haben die mit der Kündigung verbundene Abfindungszahlung von 10 000 Euro akzeptiert und sind ausgezogen. Ihre Wohnungen stehen leer. Die anderen Mieter wollen nicht weichen. »Wo soll ich alte Frau denn hin?«, sagt Eggert und spricht damit ihren Nachbarn aus der Seele. Keiner der verbliebenen Hausbewohner ist unter 60 Jahren alt. Die vom Eigentümer angebotenen Ersatzwohnungen samt Umzugshilfe sind aus Sicht der Mieter keine Alternative. Auch das von dem Investor in Aussicht gestellte »Rückkehrrecht« nach Fertigstellung des Neubaus sieht der »Freundeskreis F7« kritisch. Und das, obwohl das Unternehmen den Bewohnern einen Wiedereinzug zu einem Mietpreis von 7,92 Euro pro Quadratmeter - und damit zu ähnlichen Konditionen wie bisher - angeboten hat. »Bei uns wird kein Mieter verdrängt«, sagt »Krieger & Schramm«- Geschäftsführer Fiedler. Doch genau so sehen die Bewohner ihre Lage.

»Das soziale Image kaufe ich dem Investor nicht ab«, sagt Mieterin Hesse. Die ausgesprochenen Kündigungen mit einer Frist bis Ende April betrachten die Bewohner als rechtlich wirkungslos. Immerhin habe der Investor aktuell noch gar keine gültige Abriss- und Baugenehmigung. »Das war eine komplett illegale Maßnahme«, sagt Hesse. Tatsächlich hatte die Bezirksverordnetenversammlung im Dezember die bisherigen Neubaupläne abgelehnt und Änderungswünsche angemahnt. Die SPD-Fraktion etwa sieht die geplante Überbauung des Bürgersteigs kritisch, auf die der Investor aber mangels ausreichender Grundstückstiefe beharrt.

Grundsätzlich will der bezirkliche Ausschuss für Stadtentwicklung ein Bleiberecht für die Alt-Mieter erreichen. »Die überwiegend älteren Mieter leben teilweise seit Jahrzehnten in ihren Wohnungen und sind in ihrem Kiez verwurzelt«, sagt Franziska Becker, SPD-Abgeordnete für Wilmersdorf. Ein »Rückkehrrecht« mit gleichbleibenden Mietkondition wie vom Eigentümer versprochen sei - sofern es ernst gemeint ist - zu begrüßen. »In puncto Verdrängung haben wir in Wilmersdorf Nord inzwischen einen unhaltbaren Zustand erreicht«, sagt Becker. Die Sozialdemokratin setzt sich für ein Milieuschutzgebiet in den Kiezen rund um die Uhlandstraße ein. »Es ist zwar kein Allheilmittel, aber der Milieuschutz kann den schlimmsten Auswüchsen der Gentrifizierung den Riegel vorschieben«, so Becker.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen