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Salafisten-Takeover

IS-Symbolik bei Battle-Rap-Format »Toptier Takeover«

  • Von Florian Brand
  • Lesedauer: 5 Min.

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Toptier Takeover: Salafisten-Takeover

Seelenruhig spaziert ein leger gekleideter junger Mann am 8. Februar dieses Jahres auf die Bühne der Battle-Rap-Veranstaltung »Toptier Takeover« in Frankfurt. In seiner Hand eine Spiegelreflexkamera. Er wirkt locker und entspannt. Er hält sich im Hintergrund der Bühne, auf der sich gerade zwei Battle-Rapper im sportlichen Wettstreit gegenseitig verbal zerlegen. Er macht Fotos von den Anwesenden und verschwindet ebenso schnell, wie er aufgetaucht ist. Das entscheidende Detail an dieser eigentlich gewöhnlichen Szene ist jedoch das T-Shirt des jungen Mannes, das unter seiner offenen Kapuzenjacke hervorsticht. Es ist ein Abbild der Flagge des selbst ernannten »Islamischen Staates«: ein schwarzes Banner mit weißem Kreis im Zentrum und dem Glaubensbekenntnis des Islam in arabischer Schrift. Niemand der Anwesenden scheint Anstoß an dem nur wenige Sekunden dauernden Auftritt des Unbekannten zu nehmen - womöglich auch deshalb, weil die zwei Rapper im Vordergrund sich zur selben Zeit gegenseitig mit heftigsten Schimpfwörtern überziehen.

Auch im Netz, wo ein Mitschnitt der gesamten Veranstaltung via Youtube bereit gestellt wurde - mittlerweile aber wieder offline ist -, scheint zunächst kaum jemand Anstoß an dieser Szene zu nehmen. Der Journalist Hubertus »Hubi« Koch hatte den Vorfall als Erster auf seinem Youtube-Kanal »Einigkeit & Rap & Freiheit« aufgegriffen und kommentiert. Darin verurteilte er die Aktion scharf und forderte eine Stellungnahme der Veranstalter*innen. Hier sei eine rote Linie überschritten worden, die Konsequenzen fordere, so Koch. Als Beispiel verweist er auf den Berliner Rapper Deso Dogg, der zum Salafismus konvertiert und später für den IS gekämpft hat. Er habe gezeigt, »dass der Übertritt aus einer migranten- und unterschichtsgeprägten Rapszene in den Islamischen Staat, bis nach Syrien zum Köpfen, gemacht werden kann und schon gemacht wurde«.

ANSAGE AN TOPTIER TAKEOVER I Wir müssen reden!

Als Reaktion darauf distanzierten sich die Veranstalter tags darauf in einem knappen Statement via Youtube von diesem Vorfall und erklärten, bei dem Betroffenen handele es sich um einen externen Kameramann, der nicht zum Team der Veranstaltung gehöre. »Leider ist uns ein grober Fehler unterlaufen«, heißt es. Auf der Veranstaltung sei eine Symbolik zur Schau gestellt worden, die »nicht mit unserer Wertevorstellung vereinbar« sei. Man werde aus dem Vorfall Konsequenzen ziehen und künftig wachsamer sein. Darüber hinaus werde Anzeige erstattet.

Mittlerweile hat sich der Kameramann in einem schriftlichen Statement gegenüber »Einigkeit & Rap & Freiheit« zu seiner Aktion geäußert. Darin begründet er sein Auftreten als Kunstaktion (»Beuys›sche Handlung«), mit der er aufzeigen wollte, »wie leichtfertig heute geurteilt oder einfach ignoriert wird«. Es sei ihm nicht darum gegangen jemanden bloß zu stellen oder zur Gewalt aufzurufen. Ferner sei »das angebliche Symbol des islamischen Staates entfremdet« gewesen. Eine Konfrontation habe es an diesem Abend dennoch nicht gegeben, heißt es weiter in dem Statement. Außerdem prangert er den Verfall der Hiphop-Kultur und den zunehmenden Frauen-, Juden- oder Fremdenhass im Rap an.

In einem weiteren Antwort-Video auf das Statement des Kameramannes wirft Koch nun dem Fotografen vor, sich durch das Tragen des T-Shirts mit dem IS zu solidarisieren. »Ich kann das Statement so ganz nicht glauben. Es ist für mich halbgar.« Auch fehle der nun veröffentlichten Erklärung allein dadurch an Glaubwürdigkeit, dass der T-Shirt-Träger nach seiner Aktion nicht von selbst an die Öffentlichkeit getreten sei und seine Motive erklärt habe, sondern erst nach Kochs öffentlicher Kritik.

Der ungestörte Auftritt eines augenscheinlichen IS-Sympathisanten hat allerdings auch aus einem anderen Grund symbolische Strahlkraft. »Toptier Takeover« ist der Nachfolger eines anderen Rapformates (»Rap am Mittwoch«), welches vom einstigen Gründer und Host der Show, Ben Salomo, im April vergangenen Jahres zu Grabe getragen wurde, mit der Begründung, er habe »eine große Menge an realem Antisemitismus, Rassismus, Homophobie und Frauenverachtung« beobachtet und erfahren.

Dass es im Battle-Rap nicht gerade zimperlich zugeht, ist kein Geheimnis. Salomo - selbst aufgewachsen in Berlin und bekennender Jude mit israelischen Wurzeln - hatte während seiner aktiven Zeit als Moderator von »Rap am Mittwoch« stets die Devise vertreten: »Alles muss erlaubt sein« - folglich also auch Textzeilen, die in jede Richtung schießen. Die Erfahrungen, die Salomo aber nach eigener Aussage abseits der Bühne sammelte, hätten nichts mehr mit einer kreativen Auseinandersetzung zu tun gehabt, sondern seien Antisemitismus und Hass in Reinform gewesen.

Dass sich also ein mutmaßlicher Sympathisant einer Terrorarmee mit eindeutiger Symbolik auf die Bühne einer sonst eher linksangehauchten Jugend- und Subkultur traut und ungehindert Präsenz demonstrieren kann, ist daher äußerst beunruhigend. Wenngleich auch nur für wenige Sekunden, im Vergleich zur Länge der kompletten Veranstaltung. Ebenso unverständlich ist, dass keines der szenetypischen Nachrichtenmedien diese Geschichte bislang aufgegriffen hat.

Nachtrag: Dieser Artikel erschien in der nd-Printausgabe am 20.03.2019 und wurde am 22.03.2019 um die Stellungnahme des mutmaßlichen IS-Sympathisanten, sowie eine Replik von Hubertus Koch auf jene Stellungnahme ergänzt.

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