Alice Mc bei der Battlerap-Veranstaltung von "TopTier Takeover" in Berlin.
Alice MC

Am Ende geht es um coole Lines

Sie macht sich lustig über den Mikropenis ihres Gegners und steckt dafür Beleidigungen über ihre Tochter ein – die sie gar nicht hat. Alice MC ist erfolgreiche Battlerapperin.

Von Fabian Goldmann

Herzlichen Glückwunsch zum Titelgewinn bei der größten deutschen Battlerap-Veranstaltung, dem »TopTier Takeover«. Wie es geht es Ihnen als erste Frau in der Königsklasse des Battlerap?

Ehrlich gesagt war es nicht so cool wie bei meinem ersten Match. Das hatte deutlich mehr Spaß gemacht. Der Gegner war lustiger und wir konnten übereinander lachen. Mein letzter Gegner MC Geuner hingegen hat einem echt nichts gegönnt. Das wurde auf der Bühne extrem unangenehm, weil er nicht über meine Lines gelacht hat und mich hat spüren lassen, wie scheiße er mich findet. Aber es war am Ende trotzdem ein cooler Abend.

Der Battlerap ist ein Wettbewerb, bei dem zwei Rapper gleichzeitig auf der Bühne stehen und gegeneinander antreten. Bei MC Geuner wusste man zwischenzeitlich nicht mehr, ob seine Aggressionen noch Teil der Show sind. Am Ende hat er nicht nur Sie, sondern sogar das Publikum beschimpft.

Es gehört natürlich zur Taktik, so zu tun, als würde man den Gegner wirklich hassen. Das Publikum stand ziemlich schnell auf meiner Seite, das hat ihn schon mal schnell heruntergezogen. Da wird es auch schwierig, die Konzentration aufrechtzuerhalten. Das hat aber nichts mit mir zu tun. Wir haben nach dem Auftritt noch ein paar nette Worte ausgetauscht und uns erzählt, was wir am anderen gut fanden.

Sich auf der Bühne auf übelste Weise beschimpfen und danach einander die Hände reichen: Das scheint ein Wesenszug des Battlerap zu sein. Was begeistert Sie daran, Leute vor Publikum zu beleidigen?

Das ist schwierig zu erklären. Es ist kein plumpes Beleidigen, bei dem das Ziel nur ist, den anderen emotional zu treffen. Es ist eine Kunstform. Es geht um Schlagfertigkeit. Manche Battles sind genial, kreativ, politisch. Aber natürlich gibt es auch plumpe Matches, bei denen es nur darum geht, wer den längeren Schwanz hat. Battlerap ist eine Show, ein Sport. Wie Wrestling - nur mit Worten.

Ganz ohne Schwänze kam auch Ihr Battle nicht aus. Sie machten MC Geuner ein gereimtes Therapieangebot für seinen Mikropenis. Er antwortete mit einem Rap, in dem er drohte, Ihre Tochter zu vergewaltigen. Lassen Sie solche Zeilen wirklich völlig kalt?

Die schon. Die hat mich schon allein deswegen nicht getroffen, weil ich keine Tochter habe.

Nun bin ich verwirrt. Ihr letzter Gegner hat doch auch darüber gerappt, dass Sie eine schlechte Mutter sind.

Ich habe mal einen Track namens »Meine Tochter« geschrieben. Da geht es um amerikanische Frauen, die ihre Kinder auf Schönheitswettbewerbe schicken. Das haben die beiden wohl falsch verstanden. Aber auch sonst nehme ich so etwas nicht persönlich und die meisten anderen Battlerapper auch nicht. Ich bin dort nicht als Anne, sondern als Alice. Und ich werde als Alice beleidigt. Am Ende geht es um coole Lines. Ich würde auch nicht hingehen, wenn es mich traurig oder wütend machen würde. Ich gehe dahin, weil es Spaß macht.

Die Frage nach der Grenze des Sagbaren ist eine, die inner- und außerhalb der Battlerap-Szene ständig diskutiert wird. Was ist Ihre Antwort?

Für mich sind Witze über Religion eine Grenze. Aber ansonsten ist alles erlaubt: Sexualität, Geschlechter. Schwarze müssen sich anhören, sie sollen Baumwolle pflücken, und Frauen, sie sollen in die Küche gehen. Battlerap ist dafür da, Klischees auszuschlachten, auf sie hinzuweisen und sie dadurch vorzuführen. Das ist für mich auch eine Art von Gesellschaftskritik.

Es gibt aber auch Stimmen, die warnen, dass etwa sexistische, gewaltverherrlichende oder antisemitische Äußerungen nicht auf der Bühne bleiben, sondern dazu führen, dass solche Stereotype im Alltag der Fans normalisiert werden.

Es ist immer die Frage, wie die Line funktioniert. Mit einer Line, die Araber abwertet, kannst du Leute dazu bringen, Araber abzuwerten. Du kannst aber auch Leute hinterfragen lassen, warum Araber abgewertet werden. Ich glaube, die meisten verstehen es so, wie es gemeint ist. Aber es gibt immer auch Leute, die es falsch verstehen. Und es gibt auch Rapper, die das nicht so sehen und sich für besonders kontrovers halten. Aber zu Kontroversität gehört mehr als zu schockieren. Es muss auch irgendetwas dahinterstecken.

Erleben Sie selbst Sexismus in der Szene? Schließlich wird auf der Bühne wahrscheinlich keine Gruppe so häufig Objekt von Gewalt- und Erniedrigungsfantasien wie Frauen.

Ich war mal bei »Rock am Ring«. Das war wie in einem Hundezwinger. Da muss man nicht einmal hübsch oder leicht bekleidet sein. Sobald du als Frau alleine herumläufst, wirst du angesprungen und sollst deine Titten rausholen. Das ist mir beim Battlerap noch nie passiert. Auf der Bühne wirst du natürlich sexistisch beleidigt, aber in der Crowd wurde ich nie angepöbelt.

Abseits der Bühne arbeiten Sie als Ergotherapeutin, nicht der allertypischste Beruf für einen Battlerapper. Wie sind Sie eigentlich in die Szene gekommen?

Ich habe schon immer viel Hip-Hop gehört und irgendwann mit Beats von meinem Bruder angefangen Musik zu machen. Ursprünglich wollte ich nur Songs machen und hatte nicht vor aufzutreten. Irgendwann dachte ich mir dann aber: »Schreibst du halt mal einen Text und fährst zu ›Rap am Mittwoch‹.«

Die mittlerweile von »TopTier Takeover« ersetzte legendäre Berliner Battlerap-Veranstaltung »Rap am Mittwoch«, bei der die meisten MCs begonnen haben …

... dort habe ich angefangen wie die meisten Battlerapper: als Fan. Ich war vier- oder fünfmal auf der Bühne und habe einen Text gebracht. Dort ist es ja ziemlich easy. Man geht hin, und wenn gefragt wird, ob man rappen möchte, zeigt man einfach auf. Später haben die Veranstalter mich dann gefragt, ob ich auch mal ein Battle machen würde.

Das Titlematch gegen MC Geuner war erst Ihr zweites Battle überhaupt. Der warf Ihnen eine ganze Runde lang vor, nur so viel Zuspruch zu bekommen, weil Sie eine Frau sind.

Das war das einzige, womit er mich wirklich persönlich gefrontet hat.

Warum?

Weil ich nicht weiß, ob er nicht vielleicht damit recht hat. Ich würde es wirklich gerne wissen. Ich meine, ich war zweimal da und hab gleich die Kontakte der Veranstalter bekommen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich eine Frau bin. Wenn du einer von 800 Männern bist, ist es schwer, wahrgenommen zu werden. Andererseits gibt es auch viele, die mich scheiße finden, weil ich eine Frau bin. Ich würde wirklich gern mal einen Song von mir als Mann performen und gucken, wie das ankommt. Eine Schwachstelle ist auch einfach die Stimme. Viele Frauen haben nicht die Stimme zum Rappen. Ich auch nicht.

Machen Sie sich vor Ihren Matches Gedanken, wie Sie auf der Bühne wirken?

Ja, sehr viel. Ich schminke mich mit Absicht nicht, mache mir keinen Nagellack drauf. Ich möchte nicht dieses Ghetto-Bitch-Image. Das passt nicht zu mir. Es klingt vielleicht komisch, aber ich will mich nicht zu sehr als Frau zeigen. Ich würde total gern ein geschlechtsneutraler Rapper sein und auf der Bühne nicht als Frau beurteilt werden.

Außer Ihnen hat es nur die Lübecker Rapperin Pilz in letzter Zeit in der Battlerap-Szene zu etwas Prominenz geschafft. Falls eine Leserin jetzt mit dem Gedanken spielt, selbst zum Mikrofon zu greifen, gibt es etwas, das Sie ihr mitgeben können?

Ich muss ehrlich sagen, bei anderen Battlerapperinnen werde ich erst einmal eifersüchtig. Da wittere ich Konkurrenz. Schließlich ist der Umstand, dass ich eine Frau bin, bisher mein Alleinstellungsmerkmal. Aber nein, die Frauen sollen in die Battlerap-Szene kommen und da ihr Ding machen. Ich wünsche mir von weiblichen MCs vor allem, dass sie das stilvoll tun. Man muss als Frau nicht beweisen, dass man männlicher ist als die Männer.

Und wie geht Ihre Karriere jetzt weiter?

Ich hoffe, jetzt öfter angefragt zu werden. Aber von Karriere würde ich nicht sprechen. Es war immer ein Hobby, das nebenbei läuft. Ich geh da manchmal hin, dann wieder nicht.