Katalonien

Lebenstraum mit Esel

Der Anarchist Didac S. Costa arbeitet an einem Katalonien von unten. In den spanischen Vorpyrenäen baut er in historischer Umgebung eine verlassene Siedlung zu einem Ökodorf aus.

Von Martin Ling

Das erste Haus steht noch nicht komplett, die Vision eines sich selbst tragenden Ökodorfs schon. Der Generator surrt, das Klopfen eines Spachtels ist zu hören, es wird eifrig gewerkelt. Ein multikulturelles Baukollektiv von derzeit fünf Männern, zwei Katalanen, ein Italiener, ein Däne und ein Brasilianer, ist in den malerischen Hängen der Jardins del Puig Amat eifrig dabei, eine Ruine zu rekonstruieren und ein Wohnhaus daraus zu machen.

»Die Fassaden müssen originalgetreu wiederhergestellt werden, so sind die Auflagen«, erzählt der Bauherr Didac S. Costa, der sich hier einen Lebenstraum verwirklichen will. Der 43-jährige Costa stammt aus Barcelona und hat viele Jahre mit Basisarbeit in Kollektiven verbracht, meist in Katalonien, aber auch mehrere Jahre in Südamerika, wo er an der Organisation von Weltsozialforen in Brasilien beteiligt war. Dort lernte er auch Luiz kennen, einen erfahrenen Selfmade-Gebäudekonstrukteur, der nun in der vulkanischen Region Garrotxa in Nordkatalonien mit am Projekt seines Freundes Didac S. Costa arbeitet.

»Ich kann eigentlich alles, was ein Architekt kann, hab aber kein Diplom«, sagt Luiz. »Deswegen wäre es kriminell von mir, mich als Architekt zu bezeichnen.« Das klingt seltsam, wo doch gerade ein spanischer Spitzenpolitiker nach dem anderen sich Vorwürfen in Bezug auf die nicht ordnungsgemäße Verwendung akademischer Titel ausgesetzt sieht - bis hin zum sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez, der mit seiner Doktorarbeit unter Plagiatsverdacht steht.

Hier wurde vor 600 Jahren die erste Gewerkschaft gegründet

Während sich Bauherr Costa eher zwei linke Hände attestiert, hat Luiz großes handwerkliches Geschick, was er mit der gerade gekauften Motorsäge unter Beweis stellt. Flugs werden aus Baumstämmen Tische und Sitzgelegenheiten gefertigt. Bäume, die aus dem Wald stammen, die zu den 70 Hektar Land gehören, das Didac S. Costa 2015 erstanden hat, mit Mitteln aus seinem väterlichen Erbe. Im Zentrum dieses hügeligen Geländes, idyllisch in den Vorpyrenäen gelegen, inmitten zweier Flüsse, umgeben von Wald, stehen ein paar Ruinen. Es sind Überbleibsel des vor rund einem halben Jahrhundert verlassenen Dorfes in einer historischen Region, deren Idealen sich Costa durchaus verbunden fühlt. Vor knapp 600 Jahren, im Jahr 1440, wurde dort von Leibeigenen die erste Gewerkschaft überhaupt gegründet, das Sindicat Remença, erzählt der studierte Soziologe. 1480 schafften es die Bauern dort, erstmals in Katalonien den Feudalismus hinter sich zu lassen und sich der Herrschaft der Großgrundbesitzer zu entledigen. Für Costa, einen »Anarcho-Indepe«, wie sich die anarchistischen Unabhängigkeitsbefürworter in Katalonien in der Kurzformel nennen (Indepe steht für Independència, Unabhängigkeit), sind diese erfolgreichen Kämpfe ein katalanisches Vermächtnis, an das im Hier und Jetzt angeknüpft werden sollte: beim Versuch, sich von Spanien loszusagen und einen eigenständigen katalanischen Staat zu gründen.

»Ich wurde nicht als Unabhängigkeitsbefürworter geboren, meine Familie hat spanische, französische und uruguayische Verästelungen. Den Begriffen Nation und Staat stand ich als Anarchist immer skeptisch gegenüber«, erzählt Costa. »Was mich zum Nach- und Umdenken gebracht hat, waren die indigenen Mapuche in Südamerika, ihr Kampf um das Überleben, ihr Kampf um ihr Territorium, den Erhalt ihrer Sprache und Kultur.«

Direkt mit den Mapuche hat Costa nicht gelebt, die Thematik der indigenen Kulturen war aber bei den Weltsozialforen (WSF) präsent, die 2001 im brasilianischen Porto Alegre ihren Ausgang nahmen und im vergangenen Jahrzehnt ihren Höhepunkt hatten. Costa, der sieben Jahre in Lateinamerika in sozialen Bewegungen wie dem Rainbow Movement aktiv war, nahm mehrfach an den WSF teil, ob 2002 in Porto Alegre, 2006 in Caracas oder 2009 im brasilianischen Belém. »Die Mapuche kämpfen um ihr Land, weil sie ohne ihr Land ihre Sprache und Kultur nicht erhalten könnten.« Und Katalanen wie Costa sind es leid, sich immer gegen die spanischen Herrschaftsansprüche wehren zu müssen.

»Das mittelmäßigste, einsprachigste und ignoranteste Land Europas maßt sich das Recht an, ein Land wie Katalonien schlecht zu regieren, ein Land, das seit Jahrhunderten Spanien in Würde, Staatsbürgerlichkeit, Demokratie und Kooperativenwesen übertrifft.« Der groß gewachsene Lockenkopf macht keinen Hehl aus seiner Ablehnung Spaniens. Sinnbild ist für ihn das 20. Jahrhundert, als in den 30er Jahren der Konflikt zwischen Katalonien und Spanien im Aufeinanderprallen des konföderalen Anarchismus in Katalonien und des zentralistischen, nationalistischen spanischen Faschismus unter Franco gipfelte. Und auch wenn Franco als Person seit seinem Tod 1975 Geschichte ist, die Angriffe Spaniens auf Katalonien sind es nicht: Das vom katalanischen Parlament ausgearbeitete und verabschiedete Autonomiestatut wurde vom spanischen Parlament 2006 abgeschwächt verabschiedet, per Referendum in Katalonien angenommen und vom König höchstselbst unterschrieben.

»Spanien verdient weder das Baskenland noch Katalonien«

Trotz dieser demokratischen Legitimation kassierte das spanische Verfassungsgericht im Jahr 2010 wesentliche Teile des Statuts, weshalb die katalanische Bevölkerung seitdem unter einem nicht von ihr gebilligten Statut lebt. Das steht wiederum im Widerspruch zur spanischen Verfassung, was der spanische Premier Pedro Sánchez als Anomalie bezeichnete. Angriffen vom spanischen Zentralstaat ist auch immer wieder das katalanische Bildungssystem ausgesetzt, das von der Europäischen Union als vorbildlich für eine zweisprachige Region gepriesen wird. Beim Modell der sogenannten Immersion werden die allermeisten Fächer auf Katalanisch und nur einige wenige auf Spanisch unterrichtet, was vor allem der spanischen Rechten, von der Volkspartei PP angefangen, ein Dorn im Auge ist, sieht sie doch das katalanische Bildungssystem als Kaderschmiede für die Unabhängigkeitsbewegung. Costa, der Katalanisch, Spanisch, Englisch, Französisch, Portugiesisch und Italienisch spricht, ist Spaniens komplett überdrüssig. »Spanien verdient weder das Baskenland noch Galizien noch Katalonien. Spanien ist einfach nicht auf der Höhe dieser Kulturen.«

In seinem Ökodorf-Projekt orientiert er sich am Leitbild der spanisch-katalanischen Kooperativenbewegung der 30er Jahre: »Eine neue Gesellschaft zu schaffen, aus deren Schoß die Liebe, der Frieden und die Herzlichkeit entspringt, die uns immer verwehrt wurde«, wie es im kollektivistischen Manifest von 1936 heißt. Herzlich ist der Umgang auf der Baustelle auf alle Fälle. Auch mit den Tieren, die dort mit allen Freiheiten leben, seien es die frei laufenden Ziegen oder die Esel Federica (benannt nach der spanischen Schriftstellerin und Anarchistin Federica Montseny) und Burruti (ein Wortspiel aus burro, Esel, und dem legendären Anarchistenführer Bonaventura Durruti), die machen dürfen, was sie wollen. Der Esel ist das katalanische Nationaltier und bekannt für seine Störrischkeit. Dass für den Katalonien-Konflikt nicht selten das Bild »katalanischer Esel gegen spanischen Stier« bemüht wird, kommt nicht von ungefähr.

Für Costa ist der Bruch mit Spanien vollzogen, egal, wie lange es bis zur Unabhängigkeit noch dauern mag. Und unabhängig davon werkelt er weiter an seinem Ökodorf, das sich in ein paar Jahren selbst tragen soll. Holzspielzeug und Möbel à la Luiz sind eine denkbare Einnahmequelle, andere wären das Vermieten von noch fertigzustellenden Unterkünften oder Gebühren für die Teilnahme an Workshops zum Beispiel zur Permakultur, ein Konzept, das auf nachhaltige und naturnahe Kreisläufe in der Landwirtschaft setzt.

Erfahrung damit, Neues von unten aufzubauen, hat Costa reichlich. Ab 2010 war er am Aufbau der Cooperativa Integral Catalana (CIC) beteiligt, in der die Geldbeziehungen Schritt für Schritt durch freiwillige soziale Vereinbarungen ersetzt werden sollen. 2011 gehörte er zu den Gründern der im katalanischen Hinterland in Calafou aus der Taufe gehobenen Hacker-Community. Dort wird in einer stillgelegten Textilfabrik an freier Software getüftelt und am Traum eines Lebens jenseits des herrschenden Systems von Großunternehmen und vielfach korrupten Politikern. Alles Ansätze, die, wenn es nach Costa geht, einmal in einem unabhängigen Katalonien zur vollen Entfaltung kommen sollen. »Bisher hat man sich in der Unabhängigkeitsbewegung als Ausgangspunkt für ein eigenständiges Katalonien auf das skandinavische Modell verständigt, einen Sozialstaat kapitalistischer Prägung«, meint Costa. »Aber dabei muss es ja nicht bleiben.« Schritt für Schritt, Haus für Haus: Was für das Ökodorf in Jardins del Puig Amat gilt, gilt für den Unabhängigkeitsprozess Kataloniens allemal.