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Die Professionalisierung von Gewalt

Kampfsportveranstaltungen werden für Neonazis wichtiger. In Thüringen und Sachsen haben sie ein ähnliches Potenzial wie Rechtsrockkonzerte

  • Von Sebastian Haak, Erfurt
  • Lesedauer: 4 Min.

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Dass der Hang, sich zu bewaffnen, in der rechtsextremen Szene eine große Rolle spielt, ist nicht neu. Immer wieder haben Polizisten bei diversen Durchsuchungen in den vergangenen Jahrzehnten Waffen gefunden. Einen der größten dieser Funde machten die Ermittler nicht zufällig in Thüringen: 1997 fanden sie in Heilsberg - einem Ortsteil von Rudolstadt - in einer Gaststätte ein Waffenlager des Thüringer Heimatschutzes, in dem sich auch die späteren NSU-Terroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe radikalisiert hatten. Als die Beamten das Objekt ausräumten, stießen sie auf einige Schreckschusspistolen, Dutzende Schlagstöcke, mehrere Messer und Äxte sowie Dutzende selbst gebaute Stichwaffen. Wenig verwunderlich, dass mit dieser Militanz auch ein Hang vieler Neonazis zum Kampfsport verbunden ist.

Der Kampfsport spielt seit etwa zwei, drei Jahren für die Szene eine immer größere Rolle. Nicht nur, weil es zunehmend Berichte darüber und Fotos davon gibt, wie Rechtsextreme vor allem boxen oder kickboxen oder Mixed Martial Arts trainieren. »Da geht es vor allem um die Professionalisierung von Gewalt«, sagt Robert Claus. »Sie trainieren für einen politischen Umsturz, für den Tag X, an dem sie ein nationalsozialistisches Regime errichten wollen.« Claus arbeitet für die Kompetenzgruppe für Fankulturen und sportbezogene Soziale Arbeit. In dieser in Berlin und Hannover ansässigen Einrichtung befassen sich Wissenschaftler verschiedener Disziplinen unter anderem mit Gewalt im und um den Sport herum. Am Wochenende war er einer der Referenten einer Tagung der Grüne-Fraktion im Thüringer Landtag, die sich mit aktuellen Entwicklungen in der Neonaziszene beschäftigt hat.

Vor allem aber spielt Gewalt für die rechte Szene inzwischen deshalb eine immer größere Rolle, weil einzelne besonders aktive Neonazis erkannt haben, dass größere Kampfsportveranstaltungen für sie und ihre Gesinnungsgenossen ein ähnlich großes Potenzial haben wie Rechtsrockkonzerte. Neben dem Training für den Tag X, sagt Claus, erfüllten solche Events nämlich noch drei andere Funktionen; die genau so auch von musikalischen Hassfestivals erfüllt werden. »Erstens Rekrutierung, zweitens Vernetzung der Szene, drittens Finanzierung der Szene«, sagt Claus.

Ohnehin gebe es auch organisatorisch große Parallelen zwischen Rechtsrockkonzerten und rechten Kampfsportevents, so dass es naheliegend sei, die Erfahrungen aus der Welt des Rechtsrock auf die Welt des Neonazi-Kampfsports zu übertragen. »Ob man einen Ring in der Mitte hat oder eine Bühne, das ist für die Organisation einer solchen Veranstaltung nicht entscheidend«, sagt Claus. Es gebe sowohl bei Rechtsrockkonzerten als auch bei rechten Kampfsportveranstaltungen Marketing, Eintrittsgelder sowie ein ähnliches Angebot der Verkaufsstände.

Deshalb sei es auch kein Zufall gewesen, dass das wahrscheinlich größte rechte Kampfsportevent in Deutschland - der sogenannte Kampf der Nibelungen - 2017 von Dortmund in Nordrhein-Westfalen nach Ostritz in Sachsen verlegt worden war. »Da hat man auf die vorhandenen, guten Organisationsstrukturen der rechten Szene in Sachsen zurückgegriffen«, sagt Claus.

Auch für Thüringen und gerade den Süden des Landes ist das eine beunruhigende Entwicklung. Solche Kampfsportevents werden wahrscheinlich künftig in der Region verstärkt stattfinden, die sich in den vergangenen Jahren zum Rechtsrock-Mekka schlechthin entwickelt hat. Erst vor wenigen Tagen hatten Daten der Demokratieberater von Mobit (Mobile Beratung in Thüringen) gezeigt, dass die Zahl der rechtsextremen Konzerte in Thüringen 2018 noch einmal angestiegen ist und dass innerhalb Thüringens nirgends so viele derartige Veranstaltungen stattfanden wie in der Region um Themar herum.

Und dass sich Thüringer Neonazis an rechten Kampfsportturnieren beteiligt haben, ist inzwischen sogar vom Landesverfassungsschutz dokumentiert worden. An einer solchen Tiwaz genannten Veranstaltung haben nach Angaben des Inlandsnachrichtendienstes 2018 in Sachsen insgesamt 30 Thüringer als Kämpfer oder Besucher teilgenommen, »bei denen es sich überwiegend um bereits zuvor bekannte Rechtsextremisten handelte«, schrieben die Verfassungsschützer vor etwa einem halben Jahr in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der LINKE-Landtagsabgeordneten Katharina König-Preuss. Auch beim Kampf der Nibelungen 2018 seien Rechtsextreme aus Thüringen dabei gewesen, wenngleich man keine Informationen über ihre genaue Zahl habe.

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